Die Kündigung

Sie probt den Ernstfall.

Steven Schneider: «Was heisst das: Du kündigst?»
«Zu viel. Es ist alles zu viel.»
«Alles?»
«Vieles.»
«Äh ...?»
Mehr fällt mir im Augenblick nicht dazu ein. «Wäre ich angestellt, würde ich mein Pensum reduzieren. Von Vollzeit zu Teilzeit», sagt Schreiber.
Teilzeit heisst mehr Freizeit, denke ich und frage: «Willst du länger mit dem Hund spazieren gehen?» Keine Antwort ist auch eine Antwort. Hm. Schraubt sie ihren Arbeitseinsatz runter, steigt meiner. Geht nicht. Ich will ja auch mal Feierabend. Ich bin auch gern mit den Kindern zusammen. Und überhaupt: Ich arbeite schon genug.
«Mir ist manchmal auch alles zu viel», sage ich deshalb.
«Ich weiss», antwortet sie. «Und ich mache mir auch Sorgen um dich. Du solltest weniger arbeiten.» Ach. Wie stellt sie sich das denn vor?
Sie reduziert und ich reduziere und zusammen gehen wir dann auf den Ruin zu oder was? Ich will aber nicht streiten, sondern argumentieren: «Das ist nun mal die Phase, in der alles zusammenkommt: Familie, Kinder, Geschäft, Haus und so weiter», bilanziere ich, «da geht Teilzeit einfach nicht.»
«Es wäre besser», sagt Schreiber zornig, «wenn du mein Anliegen mehr wie ein Partner sähest – und nicht wie ein Personalchef!»

Sybil Schreiber: Mir wächst unsere Arbeit über den Kopf. Das Schreiben. Das Hirschli. Die Lesungen. Die Kurse. Die Ferienwohnungen. Das Putzen. Die Wäsche. So viel Verschiedenes, kein Rhythmus.
In mir drin ruft jemand wütend: «Stopp! Anhaaalten!»
Ja, ich weiss, das geht vorüber. Irgendwann. Die Dinge werden sich fügen, ich werde alles erledigen und dann ist meine kleine Welt wieder im Lot und mein Puls im Normalbereich.
Wo steht aber geschrieben, dass ich das einfach so geschehen lassen soll?
Ohne länger nachzudenken platzt es aus mir heraus: «Ich kündige!» Das war jetzt sehr spontan, denn wir verbringen gerade einen freien Abend zu zweit, sitzen in einem hübschen Restaurant bei Kerzenlicht und mir wird knuspriger Egli aus dem Bodensee serviert.
Aber auch der ist mir auf einmal auch zu viel. Vielleicht ist es gerade der Kontrast dieses magischen, ruhigen Augenblicks zum hektischen Alltag, der mir die Augen öffnet: Mit diesem Tempo kann man ins Schlingern geraten!
Schneider runzelt die Stirn. Er blickt etwas verwirrt. Vermutlich glaubt er, dass ich gleich losheule. Aber das mache ich nicht. Ich habe Lust, ein wenig zu streiten. Das hilft. Uns beiden. Weiter.

(Coopzeitung Nr. 45/2012)

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Sonntag 04.11.2012, 00:00 Uhr

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