«Kunst muss etwas im Betrachter auslösen»

Was macht ein bemaltes Stück Leinwand zum Kunstwerk? Daniel Kramer ist der Frage nachgegangen. Er ist Kunstvermittler in der Fondation Beyeler und Co-Autor der Publikation «Was ist Kunst?».

Coopzeitung: Herr Kramer, wie wollten Sie herausfinden, was Kunst ist?
Daniel Kramer: Meine beiden Kolleginnen und ich arbeiten viel mit Jugendlichen im Museum und werden mit verschiedensten Fragen über Kunst konfrontiert. Zwar gibt es viel erklärende Literatur für Erwachsene und einiges für Kinder, aber sehr wenig für Teenager. Deshalb fragten wir bei Jugendlichen nach, was sie wissen möchten. Aus über 150 Fragen wählten wir 27 aus und versuchten sie in unserem Buch auf je zwei Seiten zu beantworten.

Und? Was ist Kunst?
Was wir sicher wissen: Es gibt keine allgemeingültige Antwort darauf. Für das Buch haben wir Experten und Fachleute nach ihrer Meinung gefragt. An ihren Antworten sieht man, dass es sehr unterschiedliche Herangehensweisen an diese Frage gibt. Ein Kunsthistoriker hat einen anderen Begriff davon, was Kunst ist, als etwa ein Restaurator oder ein Kunsthändler.

War man sich schon immer uneins darüber, was Kunst ausmacht?
Ja, schon in der Antike wurde der Kunstbegriff hinterfragt. Im Mittelalter nahm diese Diskussion etwas ab, weil Kunst als Handwerk betrieben wurde. Das Werk stand im Vordergrund, nicht der Bildhauer oder Maler. In der Renaissance wurden die Personen hinter den Werken wieder wichtiger. Sie wurden von einflussreichen Menschen unterstützt. Damit kam die Frage, was denn nun Kunst sei, wieder vermehrt auf.

Ausschlaggebend war also, wer den Künstler förderte?
Es brauchte Meinungsmacher, die einen Künstler unterstützten. Henri Rousseau etwa, der im 19. Jahrhundert wirkte, wurde anfangs für seine Bilder verspottet. Doch er malte unbeirrt weiter. Dann fingen andere Künstler an, seine Bilder zu kaufen. Das weckte schliesslich das Interesse von anerkannten Kunstkritikern und Galerien. Heute gehören Rousseaus Dschungel-Bilder zu den gefragtesten Kunstwerken der Welt.

Daniel Kramer ist Co-Autor des Buches «Was ist Kunst?»

Daniel Kramer ist Co-Autor des Buches «Was ist Kunst?»
http://www.coopzeitung.ch/6184587 Daniel Kramer ist Co-Autor des Buches «Was ist Kunst?»

Die Bilder sind unerschwinglich. Weshalb ist Kunst so teuer?
Die teuerste Kunst ist nicht zwingend die beste. Wie teuer ein Gemälde ist, hängt von vielen Faktoren ab. Etwa davon, wie bekannt der Künstler und das Werk sind. Der Preis für ein Bild ist zudem zu einem beachtlichen Teil auch vom Zeitgeist abhängig.

Wie erlangt ein zeitgenössischer Künstler Bekanntheit?
Heute haben vor allem Galeristen und Ausstellungskuratoren Einfluss darauf, ob ein Künstler von der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Wer in der Kunstwelt Anerkennung erhält, findet auch leichter ein breites Publikum.

Müssen wir glauben, was die Meinungsmacher sagen?
Niemand muss eine Meinung übernehmen. Jede und jeder kann sich eine eigene bilden – am besten direkt vor dem Kunstwerk. Letztlich entscheidet auch das Publikum, ob das Werk eines Künstlers Beachtung findet oder nicht.

Dann ist Kunst das, was alle mögen?
Kunst muss etwas im Betrachter auslösen, mögen muss man sie aber nicht. In Rousseaus Werk vom hungrigen Löwen etwa stimmen die Proportionen nicht, seltsame Wesen bevölkern das Bild und die dargestellte Szene ist blutig. Das ist verwirrend, vielleicht auch abstossend. Gerade deshalb zieht es aber viele Betrachter in seinen Bann. Es ist oft das Neue, noch nie Dagewesene, das ein Werk aus der Masse hervorhebt und ihm Bekanntheit verleiht.

Und wer bei Rousseau ungerührt bleibt, ist ein Kunstbanause?
Das Schöne an der Kunst ist, dass es ganz verschiedene Präferenzen gibt. Es existiert keine mathematische Formel für Kunst. Was für mich von Wert ist, muss für jemand anderen nichts bedeuten. Die Wertschätzung eines Kunstwerks ist individuell. Jeder kann für sich das als Kunst bezeichnen, was ihn berührt und packt.

Der Kunst-Supermarkt in Solothurn bietet eine grosse Auswahl an Bildern zu erschwinglichen Preisen an. Verkauft werden nur Originale und Unikate. Über 5000 Bilder stehen in vier Preisklassen im Angebot: Die Werke sind für 99, 199, 399 und 599 Franken erhältlich. Der temporäre Kunst-Supermarkt ist für die 81 teilnehmenden Kunstschaffenden aus sechs Nationen eine ideale Plattform, um sich einem breiten Publikum zu präsentieren. Die Coopzeitung unterstützt die 13. Ausgabe des Kunst-Supermarkts als Medienpartnerin und lädt am 1. und 2. Dezember zu den Coop-Kunsttagen mit Performances und Diskussionsrunden ein.

Kunst-Supermarkt
9. November 2012 bis 6. Januar 2013,
Schöngrünstr. 2, Solothurn.

Öffnungszeiten

  • Montag bis Freitag, 14 bis 20 Uhr.
  • Samstag und Sonntag, 11 bis 17 Uhr.
  • 24./26./31. Dezember, 11 bis 16 Uhr.
  • 25. Dezember 2012 und 1. Januar 2013 geschlossen.
www.kunstsupermarkt.ch

http://www.coopzeitung.ch/6184587 «Kunst muss etwas im Betrachter auslösen»

Die neue Publikation der Kunstvermittlung der Fondation Beyeler richtet sich gezielt an Jugendliche und führt auf unterhaltsame Art ins Thema Kunst ein.

27 authentische Fragen, die das Autorenteam mit Schülerinnen und Schülern zusammengetragen hat, widmen sich zentralen Punkten: «Warum sind manche Kunstwerke so unglaublich teuer?», «Ist Graffiti Kunst?» oder «Wieso ist die Mona Lisa so berühmt?».

Die Antworttexte vermitteln die Inhalte in leicht verständlicher Sprache. Zahlreiche Fotografien führen visuell an verschiedene Schauplätze der Kunst. Auf die Titelfrage «Was ist Kunst?» antworten Expertinnen und Experten in persönlichen Statements und gewähren so einen Einblick in ihren täglichen Umgang mit Kunst. Mit seinem handlichen Format ist das Buch ein idealer Begleiter für den Einstieg in die Welt der Kunst.

Finden Sie das Buch im Onlineshop der Fondation Beyeler

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Text: Julia Konstantinidis

Foto:
Georgios Kefalas, Robert Bayer, ZVG
Veröffentlicht:
Montag 05.11.2012, 17:04 Uhr

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