Micheline Calmy-Rey: «Wir sind oft zu selbstkritisch»

Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey sieht die Schweiz für die Zukunft gerüstet.

Coopzeitung: Sie sind 2011 die Bundespräsidentin. Was ändert sich damit für Sie?

Micheline Calmy-Rey: Als Bundespräsidentin erhält man neue Aufgaben. Ich bin dieses Jahr verantwortlich für die Führung des Gremiums und für die Repräsentation der Schweiz nach innen und aussen.

Was heisst das konkret?
Der Bundesrat muss kollegial geführt werden, wir müssen einander zuhören und gemeinsam entscheiden. Die Repräsentation der Schweiz muss ich nicht nur als Aussenministerin wahrnehmen, sondern auch auf der Ebene der Regierungschefs. Wir brauchen dafür eine starke Regierung, die mit einer Stimme spricht und sich einig ist.

Als öffentliche Person ist man Kritik ausgesetzt. Sie haben Ihr Lachen aber nicht verloren. Wie können Sie sich motivieren?
Wenn man sich engagiert und nicht scheut, Entscheidungen zu treffen, sind Kritiken normal. Aber auch in der Politik ist nicht alles erlaubt. Ich versuche, konstruktive Kritik aufzunehmen. Man kann sich immer verbessern. Aber destruktive Kritik, die auf die Person zielt, bringt nichts.

Aber wo finden Sie Motivation?
In der Sache. Meine Funktion als Aussenministerin besteht darin, dass ich die Schweiz, die Interessen der Schweizerinnen und Schweizer, verteidige, unsern Wohlstand und unsere Sicherheit. Ich habe keine Zeit, mich den ganzen Tag zu bedauern.

Wo steht die Schweiz bezüglich Sicherheit und Wohlstand?
Die Schweiz gehört zu den reichsten Ländern der Welt. Aber die Kluft zwischen Arm und Reich ist selten so gross gewesen. Wir haben also ein weltweites Problem bezüglich der sozialen Gerechtigkeit. Das bringt Unsicherheit und Konflikte und das ist nicht gut für die Schweiz. Deshalb setzen wir uns mit Friedensförderung, Entwicklungszusammenarbeit und Diplomatie für bessere Zustände ein.

Ist die Schweiz für die Zukunft gerüstet?
Ja. Wir sind aus der Krise besser herausgekommen als viele andere. Ich habe drei Prioritäten: Die Probleme mit unseren direkten Nachbarn müssen wir angehen. Zweitens unsere Beziehung mit der EU zu vertiefen und drittens teilnehmen an der Lösung der globalen Probleme wie Klimaveränderungen, Armut, Terrorismus, Bankenregulierung ...

Wie beeinflussen Indiskretionen etwa von Wikileaks Ihre Arbeit?
Vor 300 Jahren war die amerikanische Diplomatie für völlige Transparenz. Sie stellte sich damit in Gegensatz zur europäischen Diplomatie. Realität und Pragmatismus haben dann auch in den USA gezeigt, dass beispielsweise Verhandlungen vertraulich bleiben müssen. Das Phänomen Wikileaks berührt nun das Spannungsfeld zwischen der nötigen Transparenz einer Regierung und der notwendigen Geheimhaltung. Das Risiko sehe ich darin, dass durch die Wikileaks-Enthüllungen der berechtigte Anspruch auf Transparenz stigmatisiert, das heisst, in ein schlechtes Licht gerückt wird. Vielleicht ist das Resultat auch, dass die Diplomaten bei ihren Schreiben vorsichtiger werden.

Sie führen das EDA seit 2003 und sind Amtsälteste. Ist Rücktritt ein Thema?
Mein Arzt hat mir gesagt, ich werde 100 Jahre alt. Ich habe also noch viel Zeit.

Wenn wir beim Alter sind: Sie sind 65 und das sieht man Ihnen kaum an. Was ist Ihr Geheimnis?
Das Engagement und die Arbeit.

Sie sind optisch eine auffällige Person, stilvoll, fast avantgardistisch gekleidet.
Ich?

Ja. Wer berät denn eine Bundesrätin bei der Kleiderwahl?
Niemand. Ich hätte auch keine Zeit dafür.

Ins Auge sticht auch Ihr Haarstyle. Ist das ein Markenzeichen oder nur praktisch ...
Es ist nur praktisch. Jetzt leider etwas zu kurz ...(lacht)

Können Sie noch ohne Sicherheitsleute zum Friseur?
Ja, Gott sei Dank. Die Schweiz ist ein sicheres Land.

Sie haben zwei Kinder, drei Enkelinnen und wenig Zeit. Wie bringen Sie alles unter einen Hut?
Das ist schwierig. Ich nütze jede Gelegenheit. Nach der Wahl zur Bundespräsidentin hatten wir bei der Feier in Genf auch einen Umzug. Da meine Tochter etwas zu tun hatte, musste ich als Babysitterin einspringen und habe zwei Enkelinnen mitgenommen.

Was sind Sie für eine Grossmutter? Erzählen Sie Geschichten?
Ich erzähle keine Geschichten, sondern aus dem Leben. Ich versuche etwa den Kindern zu erklären, was ich tue. Das ist schwierig, aber interessant. Man muss auf sich zurückkommen und seine Werte anschauen. Es war wohl die schwierigste Frage überhaupt, als mich ein Kind fragte, was ich den ganzen Tag mache.

Was kommt zu kurz?
Die Familie. Sonst muss ich nicht verzichten, die Arbeit ist interessant und keine Last. Ich arbeite mit Vergnügen, aber ich arbeite immer.

Können Sie noch ein privates Leben führen, einkaufen, ausgehen?
Einkaufen kann ich, ich brauche doch manchmal zu essen (lacht).

Und wie ernähren Sie sich?
Meist von Schokolade und Nüssen. Das ist sehr praktisch. Man braucht nicht zu kochen.

Kochen Sie denn?
Ich habe lange Jahre gekocht. Meine Kinder beklagen sich noch immer über meine Küche, aber sie sind trotzdem gross geworden. Gemäss meinen Enkelinnen mache ich die beste Pasta der Welt und ich mache eine sehr gute Gemüsesuppe.

Sie sind aktiv auf Facebook. Bringt das was?
Ich lege sehr viel Wert auf den Kontakt zur Bevölkerung. Eine Regierung muss wissen, was läuft und was die Bürgerinnen und Bürger beschäftigt.

Das funktioniert über Facebook gut?
Ja, die Leute sagen ihre Meinung.

Keine Anfeindungen?
Das ist die grosse Ausnahme. Aber es ist eine andere Art zu kommunizieren als über Interviews in der Zeitung. Wir können ein anderes Publikum erreichen.

Was wollen Sie der Schweizer Bevölkerung noch über dieses Interview mitgeben?
Die Welt ist komplex und verändert sich rasch. Ich wünsche mir, dass die Menschen nicht ängstlich sind. Die Schweiz ist ein schönes Land, wir haben ein gutes politisches System und eine stabile Regierung. Wir sind oft zu selbstkritisch. Meine Botschaft ist deshalb «Optimismus» und «Selbstvertrauen» – das ist die beste Art, sich zu behaupten und Probleme zu lösen.

Micheline Calmy-Rey

Geboren: 8. Juli 1945 in Sion VS

Beruf: Bundesrätin, Vorsteherin des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten

Zivilstand: verheiratet mit André Calmy, zwei Kinder, drei Enkelinnen

Wohnorte: Genf und Bern Politischer

Werdegang:
1979 Eintritt in die SP Genf; 1986–1990 und 1993–1997 Präsidentin der SP Genf; 1981 bis 1997 Mitglied des Grossen Rats des Kantons Genf; 1997 Wahl in den Genfer Staatsrat, Vorsteherin des Finanzdepartements, Wiederwahl im November 2001; seit 2003 Bundesrätin; 2007 und 2011 Bundespräsidentin.

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Christian Degen

Chefredaktor

Foto:
Fotos: Charly Rappo/Arkive.ch
Veröffentlicht:
Dienstag 04.01.2011, 08:00 Uhr

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