Anna Rossinelli: «Ich muss erst mal Luft holen»

Seit Strassenmusikerin Anna Rossinelli zur Schweizer Stimme für den Eurovision Song Contest gewählt wurde, kämpft der Shooting-Star um Bodenhaftung.

Coopzeitung: «In Love For A While» ist soeben als Single erschienen. Haben Ihnen die grossen Musik-Labels nach der Qualifikation für den Eurovision Song Contest die Türe eingerannt?

Anna Rossinelli: Alles mal halblang. Wir haben noch kein wirkliches Label, nur einen Vertrieb. Ich gehe lieber Schritt für Schritt. Ich habe keine Lust, Hals über Kopf einen 3-Jahres-Vertrag bei einem Major-Label zu unterschreiben. In den letzten drei Wochen ist so viel passiert, da muss ich erst mal Luft holen. Ich wurde mit Sachen konfrontiert, die ich noch nicht kannte.

Zum Beispiel?
Interviews geben. Kaum waren nach dem Sieg die Kameras aus, klebten 50 Mikrofone an meinen Lippen. An solche Situationen muss ich mich gewöhnen. Es darf ruhig etwas langsamer weitergehen.

Ihre Situation erinnert an Judith Holofernes, die als Strassenmusikerin anfing und dann mit «Wir Sind Helden» ein Star wurde. Auf dem zweiten Album sang sie: «Guten Tag, ich will mein Leben zurück». Kennen Sie diesen Gedanken bereits?
Weniger. Mein erster Gedanke zur ESC-Ausscheidung war: Cool, damit kann ich dann bei meinen Enkeln prahlen «Siehst du, ich hab mal vor 600 000 Leuten gesungen.» Nie dachte ich, dass ich gewinnen werde. Nun gibt es kein Zurück.

Aber Sie wollten schon gewinnen?
Klar, wer mitmacht, will auch gewinnen.

Warum haben Sie sich denn vor vier Jahren von einer Casting-Show von 3+ zurückgezogen?
Ich hatte gerade meine Wunsch-Lehrstelle angefangen. Zwei Jahre lang hatte ich mich für diese Lehre beworben. Für die Show hätte ich meine Ausbildung abbrechen müssen. Viele junge Leute würden das machen. Ich wollte immer Musik machen. Aber ich wollte auch etwas in der Hand haben, worauf ich zurückgreifen kann, wenn es nicht klappt. Die Casting-Show hätte mir selbst bei einem Sieg nicht so viel gebracht.

Statt Superstar wollten Sie lieber Fachfrau für Betreuung von Kindern mit Behinderung werden?
Ja, ich arbeitete in einem Kindergarten, in dem Kinder mit ganz unterschiedlichen Behinderungen gefördert werden. Eine schöne Arbeit.

Konnten Sie Ihre Musik in die Arbeit einfliessen lassen?
Klar. Die Kinder haben Freude am Musizieren. Wir haben jeden Morgen eine halbe Stunde gesungen.

Wie ist Ihr Sieg bei den Kindern angekommen?
Ich arbeite nicht mehr dort. Für die Kinder muss man zu 100 Prozent da sein. Jetzt jobbe ich im Service und konzentriere mich auf die Musik.

Haben Sie wegen des ESC im Kindergarten gekündigt?
Nein, ich ging 2010 mit meinem Freund Georg, der in der Band Bass spielt, ein halbes Jahr nach New York. Er hat dort Musik studiert und ich hab in der Grossstadt meine erste grosse Auszeit und Reise genossen. Als Gitarrist Manuel uns besuchte, haben wir sogar Strassenmusik gemacht. New York ist ein anderes Pflaster. Man muss sich mehr profilieren und engagieren, will man sich dort durchsetzen. Ich hab viel von der Haltung übernommen.

Dann sind Sie diesmal besser gewappnet, um im Musikbusiness Fuss zu fassen?
Ich kann sicher besser mit dem Druck und den Anforderungen umgehen. Man gewinnt mit jedem Jahr Leben an Erfahrung. Seit ich 14 Jahre alt bin, stehe ich auf der Bühne und weiss: auf meine Stimme ist Verlass. Wirklich, selbst erkältet würde ich die drei Minuten beim ESC durchstehen. Ich werde alles geben!

Der ESC war für Schweizer in den letzten Jahren ein unglückliches Pflaster. Keine Angst, dort sang- und klanglos auszuscheiden?
Nun, was kann mir passieren? Dass ich auch mit null Punkten nach Hause komme. Vielleicht bekomme ich dann von der ganzen Nation auf den Deckel. Aber die Leute, die mir wichtig sind und die ich mag, werden weiter zu mir stehen. Nur das zählt. Wenn ich ein Album aufnehme, riskiere ich genauso, dass es Leuten nicht gefällt. Wenn man etwas wagt, kann man immer «uff d’Schnuure gheie». Aber daran denkt man besser nicht, sonst kommt es sicher nicht gut.

So oder so: Der ESC-Auftritt vor 160 Millionen Zuschauern kann Ihr Leben verändern.
Ich möchte auf dem Boden bleiben. Viele sagen mir, du bist nun prominent. Das fühle ich nicht. Ich mache ja alles, was geht, selbst. Ich habe beispielsweise die Einrichtung für unser Video-Clip aufgetrieben und geschleppt und auch die Leute organisiert. Ich leide wohl mehr an Stress als an Allüren. Natürlich stehe ich gerne im Vordergrund, aber ich hänge auch gerne gemütlich daheim, jedenfalls lieber als an Cüpli-Partys.

Beim ESC tauchen Sie mitten in die Glamour-Welt ein.
Bis jetzt hab ich das nicht mitbekommen.

Was ist nun Ihr Ziel für den ESC in Düsseldorf?
Natürlich will ich das Halbfinale packen. Aber ich kann es ja nicht steuern. Kommt es an: grossartig. Null Punkte? Jä nu. Ich weiss nicht, was gefragt ist: Lena oder Lordi.

Und danach?
Danach werde ich so oder so wieder auf der Strasse singen gehen. Ich mag das Direkte. Dann wird dieses Jahr auch unser erstes Album erscheinen. Ob als Anna Rossinelli oder als Anne Claire wissen wir noch nicht. Hauptsache, wir machen ein tolles Album.

Anna Rossinelli

Geboren: 20. April 1987

Wohnort: Basel

Privat: Ledig, seit acht Jahren zusammen mit Bassist Georg Dillier

Karriere: Seit dem 15. Altersjahr Kurse an der Jazzschule Basel und Gesang bei diversen Projekten, von House bis Jazz. 2006 freiwilliger Rückzug vom Finale der «Superstar»-Casting-Show von TV-Sender 3+. Gewinnt am 11. Dezember 2010 die Schweizer Vorausscheidung für den Eurovision Song Contest.

Aktuell: Release der ESC-Single «In Love For A While»

Link zur Homepage von Anna Rossinelli

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Olivier Joliat

Autor

Foto:
Fotos: Ferdinando Godenzi
Styling:
Haarstyling: Yves für Mynt
Veröffentlicht:
Dienstag 11.01.2011, 08:00 Uhr

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