Wellensittiche sind putzmuntere und oft sehr schwatzhafte Gesellen. Kein Wunder, hing die Besitzerin stark an Beo.

Alles für den Vogel

Für den kleinen Wellensittich sieht es nicht gut aus: Er leidet an einer Lebererkrankung, die Heilung ist schwierig. Doch seine Halterin denkt nicht daran, das Handtuch zu werfen.

Der Wellensittich schwatzte und reklamierte. Er war in einem kleinen Transportkäfig eingequetscht und wollte raus. Ich hob ihn zur Untersuchung auf Augenhöhe. Beo war ein etwas dicker und gesprächiger Wellensittich. Er lebte mit seinem Schwarm in einem grossen Käfig und war der zahmste und älteste. Sein angestrengtes Atmen und weitere Beschwerden hatten die Besitzerin veranlasst, ihn einzufangen und mir zu zeigen.

Ich schaute mir Beo genau an. Genüsslich versuchte er meinen Fingernagel durchzubeissen, während ich ihn so locker wie möglich in der Hand hielt. Ich fand nichts, was seine Atemnot erklären konnte. Schliesslich musste Beo noch unter die Röntgenröhre. Vorsichtig streckte ich seine Flügel gegen hinten aus und streckte gleichzeitig mit der anderen Hand seine Beine. «Beos Röntgenbild muss ich einschicken. Vogelbilder sind für mich etwas schwierig zu interpretieren», erklärte ich der Besitzerin. Auf dem Bild wechselten sich helle und dunkle Areale ab. Vögel haben andere Lungen und Verdauungsorgane als Säugetiere und der lebenswichtige Vogelsand, den Beo ebenfalls gefressen hatte, verlieh dem Bild ein gesprenkeltes Aussehen.

Nach wenigen Tagen kam der Befund. Beo hatte ein Leberproblem. Ich erklärte der Besitzerin am Telefon, dass ein ernstes Problem besteht. Lebererkrankungen sind kaum zu behandeln. Auch nehmen Vögel nicht so einfach Medikamente zu sich und im Schwarm sind Einzeltiere sowieso schwieriger zu verarzten. Ich hatte aber nicht mit der Vogelliebe der Besitzerin gerechnet. Nach zwei Jahren sah ich Beo erneut zum Krallenschneiden. Erstaunt fragte ich, wie sie das zustande gebracht hatte, einen gesunden Beo zu haben.

Sie streichelte voller Stolz seinen Kopf. «Ganz einfach. Leberkranke Menschen müssen Diät halten. Das habe ich auch mit Beo gemacht. Er hat sich an sein neues Futter Schritt für Schritt gewöhnt. Spezielle Leberschutztropfen für Vögel, gemischt mit hochwertigen, aber leberschonenden Zutaten.» Einer Diätköchin gleich, hatte sie Beos Menüplan zusammengestellt. Nach und nach wurden ihm seine Hirsekörnchen abgewöhnt. An deren Stelle traten andere Körnchen, Salate und Magerjogurt. Beo hatte täglich ein nur für sich frisch zusammengestelltes Buffet feinster Speisen. Der Sittich dankte es auch mit mancher Schmuse- und Singstunde.

(Coopzeitung Nr. 46/2012)

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Chantal Ritter

Tierärtztin

Foto:
Prisma
Veröffentlicht:
Freitag 09.11.2012, 09:44 Uhr

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