Modischer Grabenkampf

Schneider versucht sich im Spagat.

Sybil Schreiber: «Toll, sie steht dir ausgezeichnet!», sage ich.
Meine grössere Tochter mustert sich im Spiegel: «Hm.» – «Ist das alles, was du sagst?. Du siehst richtig gut aus.» – «Mama!» – «Mit diesem Parka wirst du immer schön warm haben.» – «Parka?» – «So nennt man diese Jacken. Ist aus dem Secondhandladen, sieht aber aus wie neu.»
Meine Tochter: «Eben.»
«Was, eben?», frage ich.
Sie verdreht die Augen: «Mamaaa, ich bin bald zwölf Jahre alt.» – «Ich weiss.» – «Versuch das zu respektieren!»
Sie schaut mich streng an. «Ich kann das nicht anziehen. Damit gehe ich nicht in die Schule.» – «Doch, das tust du!» – «Ich will doch nur ehrlich sein.» – «Was heisst denn das nun wieder?» – «Diese Jacke gefällt mir nicht!»
«Aber die ist total in Mode, glaub mir!» – «Mama, woher willst du so etwas wissen?» – «Und ich wollte dir eine Freude machen. Das war eine super Gelegenheit, weisst du? So günstig bekomme ich nirgends eine warme Jacke für dich!», höre ich mich sagen.
Ich fürchte, mich mit diesem Argument völlig ins Abseits gespielt zu haben. Deshalb brauche ich jetzt dringend Hilfe. Schneider ist gefordert. Dass er nicht viel von Mode versteht, ist egal, Hauptsache, er verhält sich pädagogisch wertvoll – also in meinem Sinne!

Steven Schneider: Ein Déjà-vu: Vor mir stehen meine Frau und meine ältere Tochter. Nebeneinander zwar, aber weit getrennt durch einen modischen Generationengraben.
«Was meinst du dazu?», fragt Schreiber fordernd.
«Papa?», fragt Alma hoffnungsvoll.
Beide sind überzeugt, recht zu haben. Nicht einfach. Ich erinnere mich an die Kleider, die mir meine Mutter kaufte, als ich ein Bub war. Die waren immer zweckmässig – sahen aber selten so aus wie die Jacken der Jungs, die von den Mädchen angehimmelt wurden.
Meine Mutter interessierte vor allem, dass sie praktisch waren und ihr gefielen. Als ob ich meiner Mutter hätte gefallen wollen ... Dennoch verstehe ich Schreiber: Sie ist mächtig stolz auf ihr Schnäppchen.
Dem Gesichtsausdruck meiner Tochter nach ist jedoch bei heutigen Sechstklässlern eine komplett andere modische Epoche angesagt. Knifflig.
Ich sehe Schreibers erwartungsvolle Miene. Ich sehe den zerknirschten Ausdruck meiner Tochter. Und ich sehe nur einen einzigen Ausweg: «Die Jacke ist ganz in Ordnung. Ich finde, damit kannst du schon in die Schule ...»
Schreiber seufzt erleichtert, dann beende ich meinen Satz: «Aber wir können sie doch bestimmt auch umtauschen, oder?»

(Coopzeitung Nr. 46/2012)

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Freitag 09.11.2012, 12:12 Uhr

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