Ein unergründlicher Blick: Hunde können dem Arzt nicht sagen, wo es ihnen wehtut.

Kleiner Hund, grosser Held

Offensichtlich hat Francis ein Problem: Der Yorkshire Terrier hinkt immer wieder. Doch in der Tierarztpraxis tut er so, als wäre nichts und spielt den vornehmen Helden. Schmerzen? Er? Nie!

Der Yorkie Francis hinkte. Aber nur, wenn ich ihn nicht sah. Kaum war er in der Praxis, so trabte er elegant auf seinen vier Beinen. Offenbar wollte er sich nichts anmerken lassen. Da er mir den Gefallen nicht machte und nie lahmte, bog und streckte ich all seine Gelenke. Aber er starrte nur verkrampft und verbissen die Wand an und zeigte in keiner Art und Weise, ob und wo er Schmerzen hatte. Auch seine Pfotenballen und Krallen waren in Ordnung. Kein Untersuch zeigte mir ein Problem. Ein Versuch, ob Schmerzmittel seine Lahmheit mildern würden, scheiterte. Er lahme genauso mit wie ohne Medikamente – nur nicht in der Praxis. Auch die bei kleinen Hunden häufige Patellaluxation (eine verschobene Kniescheibe) konnte ich ausschliessen.

Haben Hunde Schmerzen, so können sie sich verspannen, wenn man die schmerzende Stelle bewegt, oder aber sie lassen ganz locker. Ich hatte den Eindruck, dass ein Hinterbein über etwas weniger Muskeln verfügte als das andere. Wenigstens ein Hinweis! Mein Verdacht galt immer noch dem Knie. Angerissene Kreuzbänder können schwierig zu diagnostizieren sein. Ein Röntgenbild kann auch nur Hinweise auf eine Bandläsion geben. «Wir könnten ein Röntgenbild machen, doch die Chance, dass man etwas sieht, ist gering. Andere Untersuchungsmethoden sind aufwendig und teuer. Sie könnten mit Francis ein CT machen, oder gar eine Arthroskopie!»

Der kleine Francis leckte mir die Hand. Sein Besitzer überlegte kurz und meinte, man könne ja mit einem Röntgenbild beginnen. Fände man nichts, so werde er weiter untersuchen lassen. Er wollte unbedingt wissen, wieso Francis immer wieder hinke. Da der kleine Hund ganz auf meine Röntgenplatte passte, lichtete ich auch gleich sein Kreuz und seine Hüfte ab. Beim Strecken auf der Röntgenplatte versuchte Francis immer wieder, sich wegzudrehen. Endlich! Ich hatte eine Spur. Als die Bilder aus dem Entwickler kamen, staunte ich nicht schlecht: Francis Knie waren in Ordnung! Ein Hüftgelenk aber war völlig arthrotisch. Er musste als kleiner Welpe entweder einen Unfall oder eine Hüftgelenkserkrankung gehabt haben. Wie dieser Hund jahrelang mit nur so wenigen Symptomen durch sein sportliches Leben hatte laufen können, war mir ein Rätsel.

«Der kleine Francis hat seit dem Welpenalter ein Hüftproblem», erklärte ich dem Halter. «Er besitzt nur ein gesundes Hüftgelenk. Es ist unbegreiflich, wie dieser kleine Hund durchs Leben rennt und spielt, ohne grössere Beschwerden!» Francis schaute mich abschätzig an, und hob sein Bein. Auch das beherrschte er perfekt.

(Coopzeitung Nr. 47/2012)

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Chantal Ritter

Tierärtztin

Foto:
Prisma
Veröffentlicht:
Freitag 16.11.2012, 15:25 Uhr

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