Leben und lesen lassen

Er liest sich wund, sie sagt: Schund!

Sybil Schreiber: «Jetzt lies doch mal laut! Also echt!», dränge ich Schneider. Ich lasse nicht locker, endlich blättert er an den Anfang des Buches und liest zögernd vor: «Rebecca ist gross, mit vollen puterroten Lippen. Tolle Beine. Anständiger Vorbau. Aber ihr Gesicht beginnt zu vergehen – kleine Krähenfüsse um die Augen, Furchen in den Mundwinkeln.» Er macht eine Pause und schaut mich fragend an. Ich nicke. Er fährt fort: «Sie ist entsetzlich alleinstehend und geht auf die Dreissig zu». «Und so ein Schund macht dir Spass?» – «Ich habe dir gerade die harmloseste Stelle vorgelesen. Das Buch heisst ‹Kill your friends›. Was erwartest du da?» «Dass du keinen solchen Quatsch liest!» «Sei froh, dass ich so etwas nur lese und nicht lebe», antwortet er und grinst. «Ich tauche halt zwischendurch gerne mal in eine kaputte, hoffnunslose, eiskalte Welt ab. Sozusagen als Gegenprogramm zu unserem Leben.» Ich erschrecke: Schneider sehnt sich nach Schattenseiten! Ist das eine verschlüsselte Nachricht? «Was passt dir an unserem Leben nicht?», frage ich mutig. Er schaut mich lange an, dann, endlich, sagt er: «Dass ich nicht einmal ein Buch lesen kann, ohne dass du deinen Kommentar dazu abgibst.»

Steven Schneider: Ich liege im Bett und lese. Was ziemlich Hartes. John Niven heisst der Autor, ein Schotte, der in seinen Romanen nichts auslässt, was verboten ist, und eine Sprache anwendet, die Schreiber sofort rot anlaufen liesse. Mir passiert das nicht. Ich habe früher alles von Charles Bukowski gelesen. Das hat mich abgehärtet. Schreiber dreht sich zu mir: «Darf ich in dein Buch schauen?» Hoppla. «Scheint mir, dass du schon lange nicht mehr so Spass an einer Geschichte hattest», fährt sie fort. Spass? Gerade eben schläft der Protagonist im Koksrausch mit einer Frau, die sehr in ihn verliebt ist. Dazu ist noch ein Polizist mit im Bett, der den Protagonisten – völlig zu Recht – des Mordes verdächtigt, was den Protagonisten aber wenig interessiert, da er sich gerade vorbereitet, der Frau mit einer Scherbe die Kehle aufzuschlitzen. Würde Schreiber so etwas lesen, dann wäre sie a) zutiefst schockiert darüber, was Niven schreibt und b) zutiefst beunruhigt, dass ich so etwas lese. Deshalb ist es besser, wenn sie das Buch nie in die Finger bekommt. «Weisst du», sage ich möglichst entspannt, «die Story hat mit unserem Alltag wenig zu tun. Ich glaube, du würdest dich nur langweilen.»

(Coopzeitung Nr. 47/2012)

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Freitag 16.11.2012, 16:55 Uhr

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