Eine schnelle Packerin: In weniger als einer Stunde ist Dominique Gisin jeweils reisefertig. Und ihr Teddybär aus Plüsch kommt immer mit.

Dominique Gisin: «Ich habe nie Heimweh»

Die 27-jährige Skifahrerin Dominique Gisin lebt in den nächsten Monaten wieder ganz aus dem Koffer. Mehr als zwei nimmt sie nie mit.

Coopzeitung: Wie lange brauchen Sie vor der Abreise fürs Packen?
Dominique Gisin: 20 Minuten. Mittlerweile habe ich Routine darin, ich packe ja pro Woche mindestens einmal. Dabei hilft mir eine Checkliste, mit der ich kontrolliere, ob ich alles dabei habe. Es ist sicher nicht meine liebste Beschäftigung, aber es gehört halt zu meinem Job dazu.  

Kommt es vor, dass Sie trotz der Checkliste etwas vergessen?
Ja, hin und wieder. Ich sage mir jedoch: Wichtig sind nur die Skischuhe, alles andere kann ich im Notfall einkaufen. Die Skischuhe nehme ich deshalb ins Handgepäck, was fast immer möglich ist.

Wie viel Unnötiges haben Sie dabei?
Was verstehen Sie unter unnötig?

Schokolade zum Beispiel.
Um Himmels willen – Schokolade ist doch nicht unnötig! Schweizer Schoggi gehört zu jeder Reise zwingend dazu. Nein, ich habe auf meinen Reisen nur Dinge dabei, die ich brauche. Alleine schon deshalb, weil alles in zwei Koffer hineinpassen muss. Absolut nötig ist auch mein Teddybär, der begleitet mich überall hin.

Sind die vielen Reisen für Sie Strapaze oder Abwechslung?
Ganz klar Abwechslung. Ich reise sehr gerne und freue mich immer wieder auf neue Orte. Ich habe das Glück, dass ich auf den Reisen problemlos schlafen kann und praktisch nie an Jetlag leide. Und ich habe nie Heimweh, was einiges erleichtert. Ich kehre zwar stets gerne nach Hause zurück, finde es aber genauso toll, auf Reisen zu sein.

Was vermissen Sie von der Schweiz, wenn Sie unterwegs sind?
Engelberg. Die Schweizer Berge. Sicher auch das Essen meiner Mutter. Und natürlich das Schweizer Brot. Das ist nirgends so gut wie bei uns. In Österreich hat es überall Kümmel dran, das ist gar nicht mein Fall.

Was vermissen Sie weniger?
Ich sage es mal so: Es ist schön, manchmal für längere Zeit in Ländern wie den USA oder Kanada zu sein, wo es so viel Platz hat. Das ist eine schöne Abwechslung zur Schweiz. Bei uns ist alles enger.  

Skifahren ist ein Einzelsport. Gibt es trotzdem Freundschaften unter den Fahrerinnen?
Wir sind über 200 Tage pro Jahr miteinander unterwegs. Klar, dass sich da Freundschaften bilden. Natürlich fährt jede für sich und will gewinnen, trotzdem ist der Respekt füreinander riesig.

«

Die Schweizer Schoggi gehört zu jeder Reise zwingend dazu.»

Sie sind derzeit Single. Wofür braucht der Partner eines Skifahrers am meisten Verständnis?
Er muss die langen Abwesenheiten akzeptieren können. Und dass der Partner oft ganz auf seinen Job fokussiert ist. An Renntagen beispielsweise gibt es für mich nicht viel anderes als das Skifahren. Da ziehe ich mich gerne zurück und konzentriere mich ganz auf das Rennen. Ich bin dann offline und nicht erreichbar, habe das Handy abgestellt. In diesen Momenten lebe ich sozusagen in einer anderen Welt.

Kam es schon vor, dass Sie in ein Loch fielen, als Sie aus dieser Welt ins «reale» Leben zurückkehrten?
Nein, zum Glück nicht. Es ist wichtig, dass man zwischendurch bewusst abschalten und sich auch mit anderen Dingen beschäftigen kann. 24 Stunden am Tag nur auf den Sport fokussiert zu sein, kann nicht gut sein. Ich lese gerne, gehe hin und wieder mit den Freundinnen ins Kino oder an ein Konzert, betreue meine Website selber …

…  was bei Weitem nicht jeder könnte. Sie haben auch das Flugbrevet, spielen sehr gut Golf mit Handicap 10 und haben als Studentin ein Flair für Physik …
… wobei das Studium an der Uni Basel derzeit ruht. Das lässt sich mit dem Skifahren nicht vereinbaren.

Trotzdem gelten Sie als Multitalent.
Das habe ich auch schon gehört. Ich kann darüber nur schmunzeln. Viele stellen es sich zu einfach vor. Es ist ja nicht so, dass ich etwas automatisch kann. Ich investiere viel, um mich zu verbessern. Im Übrigen ist es bei mir wie bei den meisten Menschen: Die Dinge, die ich gut beherrsche, stehen in keinem Verhältnis zu dem, was ich nicht gut kann.   

Was können Sie denn überhaupt nicht?
Ich habe null Ballgefühl. Wenn ich zum Beispiel meine Teamkollegin Fabienne Suter Fussball spielen sehe, dann ist das für mich fast beängstigend. In Mannschaftssportarten bin ich generell nicht gut. Ich stehe am falschen Ort, treffe die falschen Entscheidungen – und die anderen müssen dafür büs-sen (lacht). Das finde ich peinlich. Skifahren ist also schon der richtige Sport für mich. Da muss ich die Suppe, die ich mir eingebrockt habe, wenigstens selber auslöffeln.  

Das ist wohl kaum der einzige Grund, weshalb Sie Ihren Beruf so lieben.
Der wichtigste Grund ist sicher, dass Skifahren mich am glücklichsten macht – und ich darf es fast täglich tun! Und dazu noch so schnell, wie ich will. Auf der normalen Piste ist das ja nicht möglich, da sind zu viele andere Menschen. Das wäre gemeingefährlich, wenn ich es so laufen lassen würde wie auf einer Rennstrecke.  

Wie lange wollen Sie diesen Traum noch leben?
Die Heim-WM von 2017 in St. Moritz ist sicher noch ein Ziel, vielleicht sogar noch die Olympischen Spiele 2018 in Pyeongchang, in Südkorea. Natürlich hängt das davon ab, wie es mit meinen Knien geht. Derzeit sieht es sehr gut aus. Und ich bin zuversichtlich, dass es so bleibt.

Dominique Gisin

Geburtsdatum: 4. Juni 1985  
Werdegang: Geboren in Zermatt, wuchs sie zuerst in Silvaplana und ab dem 11. Lebensjahr in Engelberg auf. Schon früh zählte sie zu den besten Skifahrerinnen ihres Jahrgangs, wurde aber immer wieder durch schwere Knieverletzungen zurückgeworfen. Nach der Matur an der Sportmittelschule Engelberg 2005 der Einstieg in den Ski-Weltcup. 2009 der erste Weltcup-Sieg in der Abfahrt von Altenmarkt-Zauchensee.  
Jüngster Erfolg: Tolles Comeback nach ihrer neunten Knieoperation mit Platz 4 zum Saisonauftakt im Riesenslalom von Sölden.  Nächste Einsätze: Nach dem Riesenslalom in Aspen (24. November) und den zwei Abfahrten sowie dem Super-G in Lake Louise (30. November bis 2. Dezember) ist Dominique Gisin vom 7. bis 9. Dezember in St. Moritz zu sehen, wo sie in der Super-Kombination, im Super-G und Riesenslalom mitfährt.

www.dominiquegisin.ch

Welches Buch liegt auf Ihrem Nachttisch?
«Die Wohlgesinnten» von Jonathan Littell.

Welches ist Ihr Lieblings-Romanheld?
Lyra Belacqua aus «Der Goldene Kompass».

Und welche Vorbilder haben Sie in der Wirklichkeit?
Vreni Schneider im Skisport – als Mensch und Skifahrerin. Und Ex-Uno-Generalsekretär Kofi Annan.

Welchen Film haben Sie zuletzt gesehen?
«Skyfall». Ich bin ein Fan von 007-Darsteller Daniel Craig.

Und welchen Film würden Sie gerne wieder einmal sehen?
Die Tarantino-Filme kann ich mir immer wieder anschauen. Und einmal pro Jahr ziehe ich mir die «Herr der Ringe»-Trilogie rein. Aber eigentlich gibt es so viele interessante Filme, die neu ins Kino kommen, dass es fast schade ist, die bereits bekannten nochmals anzuschauen.

Ihr Lieblings-Filmheld?
Russell Crowe als Maximus in «Gladiator».

Welche Musik hören Sie gerade?
Bon Iver. Kürzlich war ich an seinem Konzert in Zürich.

Welche CD würden Sie auf die einsame Insel mitnehmen?
Mein persönliches Mix-Tape. Ich höre nicht gerne ganze CDs, weil es nur wenige gibt, die von Anfang bis Ende hörenswert sind.

Mit welchem Musiker würden Sie gerne einen trinken?
Mando Diao oder irgendeiner der Jazzmusiker, weil die als interessante Persönlichkeiten gelten.

Was kochen Sie selbst?
Vieles. Am liebsten Älplermagronen, auch wenn die von meiner Mutter noch besser sind.

Ihre Lieblingsspeise?
Wie gesagt Älplermagronen.

Ihr Lieblingsgetränk?
Tee. Grüntee, Früchtetee, Schwarztee – ganz nach Lust und Laune.

Mit wem essen Sie am liebsten?
Mit meiner Familie.

Mac oder PC?
Mac.

Auto oder Zug?
Je nach Destination. Wenn ich von Engelberg in die Stadt fahre, dann mit dem Zug. Sonst ist das Auto natürlich bequem, wenn es über die Berge geht.

Wein oder Bier?
Ganz klar Wein.

Pasta oder Fondue?
Schwierig, weil ich beides sehr gerne habe. Wenn ich mich jedoch wirklich entscheiden muss, dann wähle ich das Fondue.

Joggen oder spazieren?
Joggen.

Berge oder Meer?
Ich liebe die Berge.

Wann haben Sie zuletzt geweint?
Ende Oktober in Sölden nach meinem 4. Platz im Riesenslalom – vor Freude.

Wie bringt man Sie zum Lachen?
Mit Cartoons. Oder lustigen Büchern.

Welches Tier wären Sie am liebsten?
Ein Eisbär.

Wovon träumen Sie?
Von vielem – und jede Nacht etwas Anderes.

Was ist für Sie das grösste Glück?
Gesundheit.

Auf welche Frage würden Sie nicht antworten?
Auf diese.

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Text: Walter Campitelli

Foto:
Peter Mosimann
Veröffentlicht:
Montag 19.11.2012, 16:21 Uhr

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