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Fühlt sich am, aber auch im Wasser wohl: Greenpeace-Frau Andrea Rid, hier am Rhein in Basel

Die Rainbow Warrior von Greenpeace

Andrea Rid während ihrer Zeit auf der Rainbow Warrior

Zurück in der Schweiz «hängt» es sich auch nicht schlecht.


Ja ist nun Andrea Rid gegen die Kälte abgehärtet oder unser Redaktor René Schulte einfach ein Gfrörli?

Andrea Rid: «Das Meer liegt mir am Herzen»

Die Basler Greenpeace-Aktivistin Andrea Rid hat fast fünf Wochen auf der «Rainbow Warrior 3» im Indischen Ozean verbracht. Und dabei viel erlebt.

Coopzeitung: Nach über einem Monat auf hoher See: Sind Sie froh, wieder festen Boden unter den Füssen zu haben?
Andrea Rid:
Ach, ich hätte schon noch ein paar Wochen auf dem Schiff ausgehalten. Wir waren eine gute Truppe. Wie eine grosse WG. Knapp 30 Leute jeden Alters aus 18 Nationen. Alles herzliche Menschen, die sich für die Umwelt einsetzen und sich gegenseitig helfen. Es hat keinen einzigen Streit gegeben. Das hat mich schon beeindruckt. Zu Beginn dachte ich, hoffentlich geht das gut, weil, wir sind ja auf einem Schiff und da kannst du nicht einfach weg.

Sie konnten auch nicht weg, als Sie zu Beginn der Reise seekrank wurden.
Nicht nur ich. Es wurden praktisch alle Neuankömmlinge seekrank. Als wir von Mauritius aus starteten, gab es einen Sturm mit hohen, rollenden Wellen. Und die Rainbow Warrior ist ja ein grosses Segelschiff, das sich auf seine eigene spezielle Art bewegt. Aber bereits am zweiten Tag auf See konnte ich wieder am Laptop arbeiten. Das ist quasi die Königsdisziplin.

Die Königsdisziplin?
Weil einem dabei auf einem Schiff am schnellsten schlecht wird. Bei Wellengang auf einen starren, flimmernden Bildschirm zu schauen, das ist, wie wenn man hinten in einem fahrenden Auto sitzt und ein Buch liest. Das können die wenigsten.

War die Rainbow Warrior ein Kindheitstraum von Ihnen?
Nein, aber es war ein Wunschtraum von mir, eines Tages für Greenpeace zu arbeiten. Und dieser Wunsch wurde stark beeinflusst von den Bildern der Rainbow Warrior. Zudem ist das Meer eine Herzensangelegenheit von mir. Daher kam irgendwann auch der Wunsch, auf dieses Schiff zu gehen, meine eigenen Erfahrungen zu sammeln und mich vor Ort zu engagieren. Sonst kennt man die Dinge ja nur vom Hörensagen und von Bildern.

Mussten Sie sich bewerben?
Nicht direkt. Da ich mich bei Greenpeace Schweiz unter anderem auch um den Bereich Meere kümmere und an den internationalen Konferenzen dabei bin, kennt mich das «Oceans Team» von Greenpeace International. Als dann für die Tour im Indischen Ozean noch jemand für die Online-Kampagnenkommunikation respektive das New-Media-Campaigning gesucht wurde, hat man mich angefragt.

Wie sieht ein typischer Tag auf der Rainbow Warrior aus?
Der Tagesablauf ist sehr strukturiert. Zumindest in der Theorie. Dass heisst, man wird um halb acht geweckt. Dann hat man eine halbe Stunde, um sich zu duschen, anzuziehen und zu essen. Um Punkt acht wird geputzt: die WCs, die Aufenthaltsräume ... Und jeder hilft mit. Um halb neun ist Kampagnenmeeting. Da wird der Tag geplant. Dann geht jeder seiner Arbeit nach. Punkt zwölf gibt es Zmittag. Zwei Freiwillige räumen danach auf. Am Nachmittag wird wieder gearbeitet. Um sechs gibt es Znacht. Und danach hat man Zeit zur freien Verfügung. In der Realität sieht es aber anders aus. Man kann ja nicht planen, wann man dem nächsten illegal fischenden Boot begegnet, wann ein Erkundungsflug mit dem Helikopter nötig wird, wann die Küstenwache zu Besuch kommt oder wann man einen Tag lang Pole-and-Line-Fischer auf See begleiten darf.

Und sonst?
Natürlich haben wir auch mit Nichtregierungsorganisationen und der Industrie gesprochen. Zum Beispiel auf Mauritius, wo es zwei Thunfisch-Fabriken gibt. Die haben wir uns angeschaut, unsere Forderungen vorgebracht und eine Zusammenarbeit angeboten. Daneben haben wir den Kontakt zu den Einheimischen gesucht, etwa mit einem Tag des offenen Schiffs. Das machen wir praktisch überall. Wir zeigen dann den Leuten das Schiff, erklären ihnen unsere Kampagne, was wir tun und warum.

Gab es denn keine Störaktionen? Ich meine, Greenpeace kann auch aggressiv auftreten.
Wir sind nicht aggressiv. Unsere Aktionen sind immer gewaltfrei. Das ist auch das oberste Gebot.

Aber wenn ihr jetzt zum Beispiel auf ein AKW-Gelände dringt und euch von den Kühltürmen abseilt ...
Klar scheuen wir uns nicht, auch mal Risiken einzugehen. Das kommt dann auf die Kampagne an. Aber wir machen das nicht aus Spass an der Sache. Überhaupt versuchen wir zuerst immer, mit den Menschen zu reden. Bei dieser Tour ging es uns primär darum, das Gebiet zu erkunden, zu schauen, wie die Situation vor Ort wirklich ist punkto Überfischung, illegaler, unregulierter und undokumentierter Fischerei und wie Länder wie Mauritius, die Malediven, Sri Lanka oder Mosambik damit umgehen. Mosambik zum Beispiel vergibt Fanglizenzen an ausländische Grossflotten. Gleichzeitig hat das Land nur sehr begrenzte Kapazitäten, um zu überwachen, ob die sich auch an die Abmachungen halten.

Grossflotten sind das eine. Aber wie ist das mit den Kleinfischern, die illegal in Schutzgebieten fischen? Das sind ja meist arme Leute, bei denen es ums nackte Überleben geht.
Natürlich tun mir diese Leute leid. Es ist ja ein sehr komplexes Thema. Und es gibt keine einfache Lösung. Jedes Land hat auch andere politische Voraussetzungen. Manche schützen ihre Wirtschaft und ihre Bevölkerung besser als andere. Die Malediven, zum Beispiel, lassen in ihren Gewässern keine ausländischen Schiffe Fischfang betreiben und fischen traditionell nachhaltig. Damit schützen sie die Fischgründe und ihre Fischer. Das sieht man auch vor Ort, dass es den Fischern auf den Malediven deutlich besser geht, als etwa den Fischern auf Sri Lanka oder anderswo.

Warum?
Grundsätzlich hat es zu viele Schiffe und zu wenige Fische. Es gibt Regionen, dort lohnt es sich für manche Kleinfischer nicht einmal mehr rauszufahren. Die verbrauchen fast mehr Benzin, als dass sie Fische fangen, mit denen sie das Benzin bezahlen könnten. Also suchen sie nach Alternativen und fangen auch mal illegal in Schutzgebieten oder sie fangen gezielt Haie, mit deren Flossen sich mehr verdienen lässt. Aber das sind extrem komplexe Probleme, die nicht einfach zu lösen sind. Die betroffenen Staaten sind dann zur Verantwortung zu ziehen. Wir können sie dabei aber unterstützen, indem wir Probleme aufzeigen, dokumentieren, was auf dem offenen Meer passiert, Forderungen stellen und Lösungen aufzeigen.

Wie sieht es eigentlich mit den Thunfischbeständen im Indischen Ozean aus?
Nun, wegen der Piratenattacken vor dem Horn von Afrika sind viele Fangschiffe in den Süden ausgewichen. Seither haben sich die Bestände der Gelbflossen-, der Grossaugen- und der Skipjack-Thunfische (deutsch: Echter Bonito, Anm. der Red.) zumindest in diesem Bereich des Indischen Ozeans etwas erholen können. Andererseits wird dafür jetzt der Weisse Thunfisch stärker befischt, sodass er im Süden als überfischt gilt. Das ist fast schon ironisch ...

... weil die Piraten quasi drei Thunfischbestände retten.
Das würde ich so nicht sagen. Thunfische wandern. Das Problem kann sich also wieder verschieben. Zudem würde ich niemals sagen: Toll, dass es die Piraten gibt, so kann sich der Thunfisch erholen. Das sind Menschen, die wenden Gewalt an. Wir mussten uns ja auch mit dieser Gefahr auseinandersetzen, als wir durch Piratengewässer steuerten.

Hatten Sie da nie Angst?
Nein, nie. Es ist ja eh eine abstrakte Vorstellung, wie das jetzt wäre, wenn einem plötzlich ein Boot mit zehn Piraten und einer Kalaschnikow entgegenkommt. Zudem war das Risiko gering, die Crew sehr erfahren und diverse defensive Sicherheitsvorkehrungen wurden getroffen: Nachts haben wir alle Türen geschlossen, alle Lichter ausgemacht und die Wache von zwei auf vier Leute verdoppelt. Auch ich hatte mehrere Nachtschichten ... Waffen hatten wir aber keine an Bord. Schliesslich sind wir eine friedliche Organisation.

Sie scheinen eine mutige Frau zu sein. Wie ich gelesen habe, tauchen Sie auch gern mit Haien.
Dafür muss man nicht mutig sein. Aber ich verstehe die Angst, die manche Menschen haben. Als Kind hatte ich mal den Film «Der Weisse Hai» gesehen. Danach hatte ich sogar Angst, ins Hallenbad zu gehen. Geschweige denn ins Meer. Das hat mich dann so geärgert, dass ich angefangen habe, mich zu informieren, über Haie zu lesen. Irgendwann habe ich gemerkt: Hey, das sind gar keine bösen Monster, das sind extrem tolle Tiere. Dann habe ich mit dem Tauchen angefangen und in Australien meinen ersten Hai live erlebt.

Einen grossen Weissen?
Nein, aber so einen hab ich auch schon gesehen.

Echt? Im Wasser?
Ja, aber ich war in einem Käfig. Das war unglaublich. Man kann dieses Tier mögen oder nicht, ich finde es perfekt.

Woher kommt eigentlich dieses Engagement?
Ich weiss nicht. Natur und Biologie haben mich schon in meiner Schulzeit am meisten berührt. Da musste ich mich nie zum Lernen prügeln. Diese Dinge waren mir einfach wichtig. – Dann wird man irgendwann älter, setzt sich mit der Welt auseinander, lernt dazu, sieht soziologische, psychologische, wirtschaftliche, politische Zusammenhänge ... Natürlich wird das Puzzle so immer grösser und komplexer, aber auch spannender.

Glauben Sie, mit Ihrem Einsatz etwas bewirken können?
Mit einem solch kleinen Einsatz die Welt retten zu wollen, wäre ein sehr ambitiöses Ziel. Aber für mich ist das ein Traumjob. Ich stehe dahinter. Auch wenn es frustrierende Momente gibt, in denen ich denke: Meine Bemühungen sind ein Tropfen auf den heissen Stein – und der Stein wird immer grösser und heisser. Aber wenn ich dann wieder Menschen begegne, wie auf Mauritius oder den Malediven, die auf unser Schiff kommen, die Hoffnung haben, dann glaube ich daran, das ich etwas bewegen kann. Aber es ist ein langer Prozess. Und man muss wirklich dranbleiben.

Andrea Rid

Geburtsdatum: 16. April 1981
Wohnort: Basel
Beruf: New Media Campaigner in den Bereichen Biodiversität, Toxic und Meere bei Greenpeace Schweiz
Werdegang: Studium in Sozial- und Wirtschaftspsychologie, später im Bereich Kommunikation und Marketing tätig; engagierte sich schon vor Greenpeace ehrenamtlich bei der Menschenrechtsorganisation Amnesty International und für Sharkproject, der internationalen Initiative zum Schutz der Haie und der marinen Ökosysteme
Aktuell: Detox-Kampagne: www.greenpeace.ch/detox; Bienenkampagne: www.bienenschutz.ch
Link: www.greenpeace.ch/indianocean

Welches Buch liegt auf Ihrem Nachttisch?
1Q84 von Haruki Murakami

Welches ist Ihr Lieblings-Romanheld?
Oscar in «Extrem laut und unglaublich nah» von Jonathan Safran Foer

Und welche Vorbilder haben Sie in der Wirklichkeit?
Keine speziellen

Welchen Film haben Sie zuletzt gesehen?
The Lorax

Und welchen Film würden Sie gerne wieder einmal sehen?
Fight Club von David Fincher

Ihr Lieblings-Filmheld?
Keinen

Welche Musik hören Sie gerade?
Mando Diao

Welche CD würden Sie auf die einsame Insel mitnehmen?
Pulse von Pink Floyd

Mit welchem Musiker würden Sie gerne einen trinken?
Ben Harper

Was kochen Sie selbst?
Alles, ausser Fisch; und nur wenig Fleisch – und wenn, dann von einem regionalen Biohof

Ihre Lieblingsspeise?
Da habe ich keinen Favoriten

Ihr Lieblingsgetränk?
Hahnenwasser

Mit wem essen Sie am liebsten?
Mit meinem Freund oder Freunden

Wo essen Sie am liebsten?
Zu Hause in der Küche

Mac oder PC?
Mac

Auto oder Zug?
Zug

Wein oder Bier?
Wein

Pasta oder Fondue?
Pasta

Joggen oder spazieren?
Joggen

Berge oder Meer?
Meer

Wann haben Sie zuletzt geweint?
Als ich die Rainbow Warrior verlassen hatte und auf dem Weg zum Flugzeug war

Wie bringt man Sie zum Lachen?
Mit englischem Humor – sarkastisch, ironisch, trocken …

Welches Tier wären Sie am liebsten?
Ein (vegetarischer) Weisser Hai

Wovon träumen Sie?
Dass mein Engagement für die Umwelt etwas bewirkt

Was ist für Sie das grösste Glück?
Das Meer zu sehen

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René Schulte

Stv. Chefredaktor

Foto:
Heiner H. Schmitt jr.
Veröffentlicht:
Montag 26.11.2012, 12:00 Uhr

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