Der gute Ton

Einladungen klingen weiblich besser

Sybil Schreiber: Die Abstimmung am Familientisch verläuft einstimmig: Wir wünschen uns, dass Schneiders Eltern wieder Heiligabend bei uns feiern. «Sofern sie nicht von einem deiner Brüder bereits gebucht sind. Darum sollten wir sie gleich anrufen», sage ich.
Schneider nickt. Mit «gleich» meine ich: sofort. Doch Schneider ist zur Hälfte Italiener, drum gehts zuerst ums Essen. «Ich mache eine Lammkeule», meint er.
Unsere Jüngste ruft: «Papa, lieber das Schwein!»
Schneider hat vor zwei Jahren einen Schinken im Teig serviert und den Brotteig mit Ringelschwänzchen, Öhrchen, Hufen und Schweinerüssel versehen. Ist für unsere Grössere, die kein Fleisch mag, dennoch in Ordnung. Sie isst dann Teig mit Salaten.
Schneider nickt, und unsere zwei Mädchen rennen jauchzend in ihre Zimmer, um Geschenke für Nonnis zu basteln.«Ruf jetzt deine Eltern an, damit wir wissen, ob sie überhaupt Zeit haben und kommen wollen.»
Er brummt: «Ach, mach du das.»
«Aber es sind deine Eltern», erkläre ich. – «Wenn du anrufst, ist es, wie wenn ich anrufen würde. Nur besser, glaub mir», behauptet Schneider.
Ist das ein Kompliment? Verquere männliche Logik? Bin ich sein Medium? Oder ist er einfach zu bequem?

Steven Schneider: «Du freust dich doch auch, wenn deine Eltern an Heiligabend zu uns kommen können», sagt Schreiber.
Wir sitzen am Tisch, die Kinder werkeln in ihren Zimmern und ich sage: «Klar.» Wir feiern immer wieder mal miteinander. Das ist gemütlich und locker.
«Dann ruf an. Es sind deine Eltern.» Hm. Versteht sie nicht, dass sie rhetorisch begabter ist?
Das Gespräch zwischen mir und meinem Vater würde etwa so verlaufen: «Hoi.» – «Hoi.» – «Gehts gut?» – «Ja.» – «Habt Ihr schon was vor an Heiligabend?» – «Ich frage schnell nach. (Pause) Nein.» – «Kommt ihr zu uns?» – «Könnten wir.» – «Also, bis dann.» – «Ja.»
Tja. Nicht, dass sich mein Vater nicht über unsere Einladung freuen würde. Aber weder er noch ich zeigen diese Freude. Und dann klingt das halt so. Und das ist doch schade. Immerhin geht es um Heiligabend.
«Weisst du», sage ich darum zu Schreiber, «du kannst das besser.»
Sie schüttelt den Kopf: «Wenn es um Einladungen geht, muss immer ich anrufen. Ich hoffe, du betrachtest mich nicht als deine Sekretärin, oder?» – «Im Gegenteil», wehre ich ab und versuche charmant dreinzusehen: «Du bist einfach die bessere Aussenministerin als ich, liebe Sybillary.»

(Coopzeitung Nr. 48/2012)

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Freitag 23.11.2012, 00:00 Uhr

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