Bienen: Ihr Sterben bleibt ein Rätsel

Jeden Winter sterben bis zu 30 Prozent der Bienenvölker. In Verdacht steht unter anderem Handystrahlung. Dieser Verdacht erhielt kürzlich neue Nahrung. Doch Imker winken ab: Das Problem ist komplexer.

Das Ausmass des Bienensterbens ist gross: In Europa sind die Bienenpopulationen in den vergangenen Jahren um 10 bis 30 Prozent zurückgegangen, in den USA um 30 Prozent, im Nahen Osten sogar um 85 Prozent. Die Wissenschaft hat rasch einen Ausdruck für das unerklärliche Sterben gefunden, CCD – Colony Collapse Disorder, zu Deutsch etwa: Völkerkollaps.

Vermutungen über die Ursachen gibt es viele – von der Umweltverschmutzung über Insektizide und die eingeschleppte Varroamilbe bis zu Handystrahlung. Gesichertes Wissen ist aber rar. Ein fortwährendes Bienensterben könnte dramatische Auswirkungen auf die Landwirtschaft haben.

Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) schätzt, dass rund 80 Prozent aller Nutzpflanzen hauptsächlich von Honigbienen bestäubt werden. Die ökonomische Bestäubungsleistung der Bienen weltweit wird auf 153 Milliarden Franken pro Jahr geschätzt.

In der Schweiz sind im letzten Winter rund 15 Prozent der Völker eingegangen. Das ist laut Verein Deutschschweizerischer und Rätoromanischer Bienenfreunde (VDRB) ein verhältismässig kleiner Verlust. In anderen Jahren starben bis zu 30 Prozent der Völker. Dennoch könne man keine Entwarnung geben.

Daniel Favre hat diesen Frühling die Handydiskussion im Zusammenhang mit dem Bienensterben neu lanciert. Der Bienenzuchtberater des Kantons Waadt platzierte zwei Handys in der Nähe eines Bienenstocks und stellte fest, dass die Strahlung der Handys die Bienen stark irritiert, sie sogar zum Schwärmen bringen kann. Elektromagnetische Strahlen von Handys und Sendeanlagen stehen seit Längerem im Verdacht, mitschuldig am Bienensterben zu sein.

Über die Ursachen des Bienensterbens rätseln die Biologen und Ökologen nach wie vor. In vielen Bienenstöcken finden die Imker praktisch keine verendeten Insekten. Der Stock ist einfach verlassen. Das nährt den Verdacht vom Orientierungsverlust der Bienen. Doch die Imker wollen die These von der Handystrahlung nicht so recht glauben. Das Phänomen der verlassenen Stöcke sei leicht zu erklären, sagt Richard Wyss, der Präsident des VDRB. «Wenn die Bienen spüren, dass das Volk dem Tod geweiht ist, verlässt der Grossteil der Bienen den Stock, entweder um zu sterben oder um sich bei anderen Völkern einzubetteln.»

Thomas Amsler, Bienenfachmann FiBL (Forschungsinstitut für biologischen Landbau)

Auch Thomas Amsler, Bienenfachmann am Forschungsinstitut für biologischen Landbau in Frick (FiBL), zweifelt daran, dass elektromagnetische Strahlen den Orientierungssinn der Bienen zerstören. Sie können die Bienen beeinflussen, ja sogar verwirren, sagt Amsler. Deshalb sei sie «vielleicht ein Faktor, aber nicht die Erklärung.»

Imkerpräsident Richard Wyss konnte bis jetzt keinen Zusammenhang zwischen Strahlung und dem Bienensterben erkennen: «Es gibt Imker in der Nähe von Sendeanlagen, deren Völker prächtig gedeihen. Dafür erlitten andere, fernab von bewohntem Gebiet, grosse Verluste.» Die Imker hätten zudem ein Netz von über 20 automatischen Waagen installiert, die via Handy regelmässig Daten an eine Zentrale senden. Das Messprogramm dient der Imkerstatistik, «die Bienen scheint das aber nicht zu stören».

Vom Handy als einzigen Grund für das Bienensterben hält Wyss deshalb nichts. Viel wichtiger sei der Kampf gegen die vor rund 25 Jahren aus Asien eingeschleppte Varroamilbe. Der blutsaugende Parasit ist nach wie vor eines der Hauptprobleme in der Imkerei.

Da Bienen nicht nur sammeln, sondern gerne auch mal andere Völker erobern, kann sich die Milbe weiter ausbreiten. Sobald ein geschwächtes Volk kein Abwehrverhalten mehr zeigt, wird es von einem anderen Volk geplündert – mit der Konsequenz, dass die plündernden Bienen nicht nur Honig, sondern auch die Milbe mitnehmen.

Die Imker seien deshalb sehr darauf bedacht, dass alle ihre Mitglieder der Varroamilbe den Kampf ansagen. Ein Imker, der seine Bienen richtig pflege und der Varroamilbe zum Beispiel mit Ameisensäure zu Leibe rücke, habe gute Chancen, seine Tiere über den Winter zu bringen.

 

Förderung der heimischen Dunklen Biene

Einst bevölkerte die Dunkle Biene die ganze Alpennordseite. Heute kümmert sich ein Förderkreis um Koordinator Balser Fried um sie.

Coopzeitung: Warum pflegt Ihr Förderkreis die Dunkle Biene?

Balser Fried: Es geht um die Erhaltung unseres Kulturgutes und der genetischen Vielfalt. Die Dunkle Biene gehört seit Jahrtausenden hierher. Zudem ist sie eine fleissige, anpassungsfähige Rasse, die auch bei niedrigen Temperaturen fliegt. Sie besucht und bestäubt gerne Naturblumen und -sträucher, auch in höheren Lagen. Gerade deshalb ist sie sehr wertvoll.

Dann müssten alle Imker an ihr interessiert sein.
Sie ist keine Hochleistungsbiene. Im mehrjährigen Durchschnitt ergibt sie aber einen guten Ertrag. Wir sind froh, dass wir über die Marke «Slow Food» einen guten Preis für den Honig bekommen. Das ist für Imker ein Anreiz, die Dunkle Biene zu halten und zu pflegen.

Wie wird sie gepflegt?
Wir brauchen Schutzzonen, um Kreuzungen mit anderen Rassen zu verhindern. Das Glarnerland ist seit über 30 Jahren ein Schutzgebiet und seit Kurzem wird auch im Münstertal nur noch die Dunkle Biene gezüchtet.

Ist die Dunkle Biene resistenter gegen Krankheiten?

Vom Bienensterben ist sie leider auch betroffen.

 

Slow Food: Pflege der Kultur und Vielfalt

Die Slow-Food-Bewegung wurde 1986 in Italien gegründet und ist eine unabhängige Nonprofitorganisation. Ziel ist es, kulinarischen Genuss mit einer nachhaltigen Produktion zu vereinbaren. Slow Food ist über regionale Gruppen in mehr als 130 Ländern vertreten. Coop unterstützt Slow Food bei der Gründung neuer Presidi, also neuer Slow-Food-Projekte in der Schweiz, und beim Verkauf von Spezialitäten aus den weltweiten Presidium vom Aussterben bedrohte, hochwertige Produktionen zu unterstützen.

Kommentare (3)

Danke für Ihren Kommentar

Enthält dieser Kommentar bedenkliche Inhalte?

Der Text wird geprüft und eventuell bearbeitet oder blockiert.

Ihr Kommentar

Bitte vergessen Sie nicht Ihren Kommmentar.

Bitte geben Sie Ihren Namen an.

Pflichtfeld
Bitte geben Sie Ihre E-Mailadresse an.





Bitte übertragen Sie die Zeichen in das Feld:

$springMacroRequestContext.getMessage($code, $text)






Bitte beachten Sie beim Kommentieren unsere Netiquette und gehen Sie respektvoll miteinander um.

Thomas Compagno

Redaktor

Foto:
Getty Images, zVg
Veröffentlicht:
Mittwoch 20.07.2011, 19:19 Uhr

Mehr zum Thema:

Verein der Bienenfreunde
Zur Slowfood-Homepage
Slow Food bei Coop
Mehr Themen aus dem Bereich ökologisch&fair



Weiterempfehlen:

Diese Themen könnten Sie auch interessieren:


Die neusten Kommentare in «Taten statt Worte»

Beat Meyer antwortet heute
Totes Moor
@Hans Müller. Ich arbeite nich ... 
Inge Ross antwortet vor 2 Wochen
Weidegänse: Nun sind sie wieder da
Bravo! Warum nicht auch mit an ... 
Scout antwortet vor 2 Monaten
Bio-Äpfel: Forschung fürs Obstregal
That's 2 clever by half and 2x ... 


Login mit Coopzeitung-Profil

schliessen
Fehlertext für Eingabe

Fehlertext für Eingabe

Passwort vergessen?