Der Freund im Wald

Er liefert Schmetterbälle, sie den Rest.

Sybil Schreiber: Er fiel mir sofort auf, so wunderschön, einfach perfekt: gross, stattlich, gut gewachsen. Im Sommer sah ich ihn zum ersten Mal und seither beobachte ich ihn.
Er hat sich gut entwickelt in diesen Monaten, und für mich ist klar: dieser oder keiner!
Auf all meinen Spaziergängen mit unserem Hund komme ich an ihm vorbei, oben am Waldrand, wo er mit Blick auf Bad Zurzach unerschütterlich in der Landschaft steht: Mein Freund im Wald – unser zukünftiger Weihnachtsbaum.
Jetzt naht der Tag, an dem der Forstbetrieb eine Anzahl Tannen fürs Fest freigibt. Jeder kann sich seinen Baum persönlich aussuchen. Ich gerate dadurch in ein Dilemma: Einerseits will ich auf keinen Fall, dass jemand anderer meinen Baum bekommt.
Ich muss also frühmorgens vor Ort sein, lange bevor der Verkauf beginnt, um meine Tanne zu bewachen.
Ich habe zwar schon überlegt, ob ich heimlich am Abend vorher ein Reservationszettelchen anbringen soll, damit klar ist, dass dieser Baum bereits vergeben ist. Aber das wäre zu forsch. Andererseits merke ich, dass mir mein Baum so vertraut geworden ist, dass ich ihn überhaupt nicht fällen will.
Ein Freund im Wald: Den kann man doch nicht einfach umlegen.

Steven Schneider: An Weihnachten pflegen wir Rituale. Eines ist, einige Tage vor Heiligabend den Christbaum im Wald zu holen. Es gibt Punsch, die Leute stehen um ein Feuer, es wird geschwatzt und gelacht.
Schreiber ist dann ganz aufgewühlt: Sie freut sich auf das Tännchen, aber es bricht ihr das Herz, wenn ich die Säge ansetze. Hole ich aber das Bäumchen am Abend des 23. Dezember von der Veranda und stelle es in der Stube auf, wird sie, wie jedes Jahr, von ihrer Wahl sehr begeistert sein und ihn mit Verve schmücken.
Von da ab zündet Schreiber auch jeden Abend die Kerzen am Baum an. Ich hingegen werde erst wieder am 6. Januar aktiv, wenn ich das Tännchen, nun mit goldenen Fäden und roten Wachstropfen auf den Nadeln, zurück auf die Veranda trage.
Und dann folgt mein ganz privater Brauch. Denn es würde mir das Herz brechen, den Christbaum einfach wegzuschmeissen. Stattdessen hole ich Axt, Rebschere und Schnur und binde die Zweige zu Bündeln, die ich im Sommer zum Anfeuern verwende.
Und den Stamm spitze ich so zu, dass er als Stütze für die Himbeeren dient. Dort steckt unser Christbaum dann in der Erde, neben all seinen Vorgängern. Das sind wir ihm einfach schuldig.

(Coopzeitung Nr. 51/2012)

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Montag 17.12.2012, 11:30 Uhr

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