Laufhunde haben schöne, lange Ohren. Chantal Ritters Patient wollte sich diese auf keinen Fall untersuchen lassen.

Manche Ohren haben Wände

Gehen Menschen zum Arzt, lassen sie auch unangenehme Unteruchungen über sich ergehen, wenns nur hilft. Meistens jedenfalls. Einem Tier kann man das aber nicht erklären. Laufhund Alf will denn auch sein Ohr partout nicht zeigen.

Ein wunderschöner Schweizer Laufhund zappelte nervös auf dem Untersuchungstisch herum. Er war ein stolzer Vertreter einer seltenen Rasse. Diese Hunde haben sehr lange Ohren und ein seidenweiches Fell. Dieser Jagdhund hielt den Kopf leicht schräg. Man durfte ihn nicht am linken Ohr berühren. Versuchte man es, so jaulte er gleich auf. «Bei der Jagd kennt er keinen Schmerz. Weder Dorngebüsch noch Kälte oder Hitze machen ihm was aus. Ausserhalb der Jagd aber ist er die reinste Mimose», meinte der Besitzer.

«Ich wollte es mit Ohrentropfen probieren, hatte aber keine Chance, auch nur in die Nähe des Ohrs zu kommen!» Alf, so hiess der Hund, versuchte vorsichtig, den Kopf zu schütteln. Er liess es sein, denn die Ohrenschmerzen waren offenbar zu gross. Vorsichtig hob ich sein langes Ohr auf und versuchte hineinzuschauen. Alf aber liess das gar nicht zu. Er wehrte sich und zeigte mir sogar seine schneeweissen Zähne. «Ich kann ihn nicht untersuchen. Ohne Narkose ist da nichts zu machen.» Während sein Besitzer ihn hielt, steckte ich eine Kanüle in den schlanken Vorderarm. Bereits nach wenigen Tropfen Schlafmittel legte sich Alf hin, und ich konnte endlich sein Ohr inspizieren.

Der Gehörgang war so verschwollen, dass ich nicht bis zum Trommelfell sehen konnte. Vorsichtig nahm ich eine Probe für das Labor, versuchte zu reinigen, was ich konnte, und tropfte Ohrentropfen hinein. Dann liess ich Alf wieder erwachen. Da der Hund auch zu stolz war, zweimal am Tag sein Ohr seinem Besitzer zu zeigen, musste Alf regelmässig in Narkose gelegt werden. Er musste Tabletten schlucken und sich immer wieder sein Ohr in Narkose spülen lassen, damit wir die Entzündung in den Griff kriegen konnten. Nach mehreren Narkosen, unzähligen Tabletten und Ohrspülungen war der Gehörgang endlich sauber und gesund. Alfs Trommelfell war zum Glück nicht betroffen. Der Hund hörte noch sehr gut.

«Vor allem Worte wie ‹Guzeli› hört er. ‹Fuss› und ‹Aus› hingegen überhört er gerne», sagte der Besitzer lachend. «Es wäre bedeutend einfacher gewesen, wenn du hingehalten hättest», sagte ich vor der letzten Narkose zum schönen Alf. «All die Katheter und Narkosen sind sicher unangenehmer, als hie und da dein Ohr zu zeigen». Alf streckte mir daraufhin versöhnlich seinen Kopf hin, damit ich ihn kraulen konnte – aber natürlich wieder nur solange ich nicht in die Nähe seiner langen Ohren kam.

(Coopzeitung Nr. 01/2013)

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Chantal Ritter

Tierärtztin

Foto:
zVg
Veröffentlicht:
Donnerstag 27.12.2012, 14:14 Uhr

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