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«Wo ist die Seele des Toten? Schaut sie zu?»

Persönlich.  Die Schweizer Schriftstellerin Mitra Devi veröffentlicht ihren vierten Krimi mit der Privatdetektivin Nora Tabani. Dafür recherchierte sie in der psychiatrischen Klinik und am Obduktionstisch.

Coopzeitung: Es ist 11 Uhr. Haben Sie heute schon geschrieben?
Mitra Devi: Nein, heute nicht. Ich schreibe gerne ein paar Stunden am Stück. Heute hat es sich nicht gelohnt, anzufangen.

Haben Sie normalerweise einen geregelten Arbeitstag oder schreiben Sie nur, wenn Sie die Muse küsst?
Normalerweise arbeite ich von 8 Uhr bis Open End.

8 Uhr morgens?
(lacht) Klar. Schreibe ich an einer Erstfassung und bin grad gut im Schuss, bleibe ich dran und lasse es laufen, bis ich genug habe; bei einer Überarbeitung, wenn die Formulierungen wirklich sitzen müssen, breche ich um 12 Uhr ab, weil dann die Konzentration absackt. Dann gehe ich zum Mittag-
essen …

… und malen nachmittags?
Schön wärs, so habe ich mir das eigentlich auch immer vorgestellt: am Morgen schreiben, am Nachmittag malen. Aber das geht nicht. Das sind zwei derart intensive Dinge, die muss ich klar trennen: Ein paar Monate schreibe ich, ein paar Monate male ich.

Was können Sie besser?
Ich weiss nicht. Ich kann nur sagen: Mein Perfektionsanspruch ist beim Schreiben höher. Ich schrieb schon als Kind Geschichten, malte die Bilder dazu und fasste sie zu Büchlein zusammen. Doch mit 20, als ich zum ersten Mal ausstellen konnte, begann sich das zu teilen.

Ihr neuer Krimi spielt zu einem grossen Teil in einer psychiatrischen Klinik. Haben Sie vor Ort recherchiert?
Ja, im Burghölzli in Zürich. Ein Psychiater führte mich durch die Klinik und beantwortete all meine Fragen, zum Beispiel über die Wirkung von Medikamenten, über Krankheiten und Behandlungsmöglichkeiten und vieles mehr.

Niedergespritzte Patienten, herrisches Personal, eine düstere Atmosphäre – Sie zeichnen kein schönes Bild vom Burghölzli.
Was ich beschreibe, hat mit dem Burghölzli nichts zu tun. Meine Klinik ist frei
erfunden, aber die Fakten wie die Medikamente und die Störungsbilder, die stimmen. Und klar ist, in einem Krimi will ich die abgründigen Sachen zeigen und alle müssen halt ein bisschen suspekt sein.

Was sagt Ihr Berater zu dieser Darstellung der Psychiatrie?
Er hat das Buch noch nicht gelesen – aber ich werde ihm sicher ein Exemplar zukommen lassen.

In Ihrem letzten Buch, «Seelensplitter», beschreiben Sie die Obduktion einer Leiche mit dem Aufsägen des Schädels oder dem Zurückklappen des Gesichts mit gruseliger Akribie. Haben Sie da auch vor Ort recherchiert?
Ja, da war ich zusammen mit meiner Kollegin Petra Ivanov drei Tage lang am Gerichtsmedizinischen Institut in St. Gallen. Dort waren alles sehr nette Leute, die hatten überhaupt nichts Morbides an sich, wie man vielleicht meinen könnte.

Und, wie wars?
Extrem beeindruckend. Wir sahen die Obduktion von drei Leichen, und das hat mich schon sehr aufgewühlt.

Was denn?
Bei einer Person haben wir vor ihren Angehörigen gewusst, dass sie tot ist, weil sie noch nicht identifiziert war. Das Wissen, dass ich jetzt diesen intimen Blick auf jemanden habe, der einfach da liegt und sich nicht wehren kann, das hat mich schon beschäftigt. Es war weniger das Gruslige oder das Sensationslüsterne, das mich beschäftigte, sondern die tiefen Lebensfragen, die in dieser Situation hochkamen. Fragen wie: Wo ist die Seele des Toten? Schaut sie noch zu? Ist sie noch in der Nähe?

Hat das Anprangern gewisser Missstände in Ihrer Psychiatrischen Klinik einen sozialkritischen Hintergrund?
Ich will in erster Linie gut unterhalten und spannende Bücher schreiben. Aber bei Krimis kommen natürlich gezwungenermassen Themen zur Sprache, die ein Stück Sozialkritik enthalten. In einem meiner Bücher spielte zum Beispiel ein Junkie eine Rolle. Da haben mir Leser gesagt, sie hätten sich nach der Lektüre Gedanken zur Situation von Drogensüchtigen gemacht und wa-
rum jemand in diese Situation kommen könne.

Ihre Heldin, Privatdetektivin Nora Tabani, ist eine Chaotin. Ihr Atelier dagegen ist tipptopp aufgeräumt.
Nora ist nicht mein Alter Ego, ich bin viel strukturierter. Sie ernährt sich von Junkfood, ich schaue auf meine Ernährung; sie hat chaotische Beziehungen, ich stabile; dafür zügle ich öfter, und sie wohnt seit Jahren am selben Ort. Ich habe auch kein Chamäleon wie Nora, obwohl mich Reptilien faszinieren.

Warum gönnen Sie Nora eigentlich nie eine glückliche Beziehung?
Ich finde es spannender, wenn sie in der Liebe immer ein bisschen Pech hat. Mal schauen, was im fünften Tabani-Krimi kommt – das wird nämlich der letzte der Reihe sein.

Dann lüften Sie auch das Familiengeheimnis: Wer hat Noras Vater umgebracht?
Ja, zum Glück weiss ich das jetzt inzwischen.

Wer denn?
(lacht) Nein, nein, das sage ich Ihnen nicht, sonst schreiben Sies noch.

Mitra Devi

Geburtsdatum: 30. Oktober 1963

Zivilstand: ledig

Wohnort: Zürich

Beruf: «Ich habe schon allerlei gemacht, aber heute bezeichne ich mich mit
frohem Mut als Schriftstellerin.»

Aktuell: Am 22. September erscheint im Appenzeller Verlag Mitra Devis Krimi «Das Kainszeichen – Nora Tabanis 4. Fall».

www.mitradevi.ch

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Martin Zimmerli

Redaktor

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 19.09.2011, 11:48 Uhr

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