Männerwecken

Sie startet zart, er zügig in den Tag.

Sybil Schreiber: Die dunklen Tage sind vor allem am Morgen eine Qual. Die Kinder zu wecken, wenn draussen noch pechschwarze Nacht herrscht, macht keine Freude. Ich gehe die Sache darum sehr sensibel an.
Leise schleiche ich in ihre Zimmer und flüstere: «Guten Morgen ihr Süssen, es ist Zeit, aufzuwachen.» Die Atemfrequenz verändert sich einen Augenblick lang, und schon wird sie wieder langsam und tief. Ich lasse es gut sein, gehe ins Bad und ziehe mich an.
Dann drehe ich die Rollläden hoch und wiederhole mein Morgenmantra, ein klitzekleines bisschen lauter. Diesmal strecken sich die Kinder, seufzen, ächzen, drehen sich zur Wand und pennen weiter.
Beim dritten Weckversuch klappt es: Die Kinder schlurfen grummelnd ins Badezimmer, mit kleinen Augen und zerzausten Haaren, noch zwischen den Welten von Traum und Wirklichkeit schwebend ... deshalb versuche ich, den Tag so sanft und freundlich wie nur möglich zu beginnen.
Weiblich eben. Nicht so, wie ich geweckt wurde: Mein Vater riss die Türe auf, machte das Licht an und brüllte seinen Weckruf ins Zimmer. «MORGEN!» Ich zucke zusammen, mir dröhnen die Ohren, die Wirklichkeit trifft mich mit voller Wucht: Schneider steht hinter mir.

Steven Schneider: Was für ein Privileg, heute leben zu dürfen! Das denke ich nicht jeden, aber fast jeden Morgen, und ich stimme Udo Jürgens aus vollem Herzen zu, wenn er singt: «Heute beginnt der Rest deines Lebens», was ich am liebsten gleich nach dem Aufstehen mit ihm im Duett singen würde, denn er hat ja Tag für Tag so was von recht damit!
Ich kann es also kaum erwarten, was ein neuer Tag so mit sich bringen wird. Entsprechend frohsinnig wecke ich, wenn die Reihe an mir ist, meine Töchter, knipse das Licht an und schmettere begeistert einen Morgengruss in die müden Gesichter. Das mag den einen etwas penetrant erscheinen, diese Fröhlichkeit frühmorgens, aber ich sehe keinen Grund, muffig in den Tag zu starten.
Auch dass meine Töchter mich beschimpfen, tut meiner guten Laune nichts an, denn schon zwei Minuten später stehen sie im Bad und kämmen sich die Haare. Wie süss sie dabei sind, Wahnsinn! Natürlich fauchen sie noch ein wenig, aber hinter der gerunzelten Stirn sehe ich schon das erste Lächeln.
Sie sind auf dem besten Weg, strahlend den Tag zu beginnen – bis Schreiber lautlos heranschwebt, «Guten Morgen» haucht und flüstert: «Ihr Ärmsten, gings mit Papa einigermassen?»

(Coopzeitung Nr. 02/2013)

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Montag 07.01.2013, 00:00 Uhr

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