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Er weiss: Meist gehen die Ferien zwei Mal los.

Sybil Schreiber: Es ist wie verhext: Verreisen wir ergreift mich kurz danach die Panik. Sind die Pässe dabei? Habe ich den Ersatzschlüssel fürs Auto in meiner Tasche? Ist das Notebook im Koffer?
Ich greife nach meiner Tasche und krame nach meinem Handy. Ich habs doch eingepackt, ganz bestimmt! Oder nicht?
Während ich wühle, muss ich an die Indianer denken: Haben die nicht gesagt, dass wir modernen Menschen viel zu schnell unterwegs seien? Zu schnell für die Seele jedenfalls, die es nicht schaffe, mitzureisen? Recht haben sie: Das Auto ist zu schnell, und meine Seele sitzt noch immer zu Hause auf dem Sofa. Deshalb werde ich bei Autofahrten schlagartig müde: Mir fehlt mein inneres Ich. Oder mein Handy.
«Halt mal an, vielleicht ist es hinten in meiner Jacke», sage ich zu Schneider. Der blickt mich genervt an. Ich steige aus, öffne den Kofferraum, greife in die Jacke und stelle erleichtert fest: alles dabei. Dann hole ich tief Luft, rufe in Gedanken meine Seele herbei und steige entspannt wieder ein.
Schneider brummt: «Typisch!»
Ich hingegen bin jetzt ganz bei mir und bereit, eine Friedenspfeife zu rauchen: «Hier, darf ich dir einen Kaugummi anbieten?»

Steven Schneider: Blick auf die Uhr: Seit exakt 15 Minuten sind wir im voll bepackten Auto nach Graubünden in die Ferien unterwegs.
Und es ist wie in der Werbung: Die Kinder fragen nach sieben Minuten Fahrt, wann wir endlich da seien. Eine Minute später bekommt die Grössere Hunger, der Kleineren wird zwei Minuten später schlecht und Schreiber reicht wie immer sehr hektisch den Plastikeimer nach hinten durch.
Ich schiele auf die Anzeige. Noch fünf Minuten. Schreiber sitzt neben mir, auf ihrem Schoss ihre Handtasche, beinahe so gross wie ein Nilpferd. Sie seufzt. Dann öffnet sie ihre Tasche.
Natürlich hatte ich bei Abfahrt gefragt, ob sie alles dabei hätte. Natürlich hat sie bejaht. Doch etwa 20 Minuten nach Abfahrt gibt es stets einen heiklen Moment zu überstehen, denn Schreiber fragt sich dann jeweils aus dem Nichts: Haben wir abgesperrt? Sind die Lichter aus? Der Herd? Ist der Hund dabei? Das Geschenk für den Götti?
Noch zwei Minuten. Jetzt schnappt sie sich den Plastikeimer unserer Tochter, die doch nicht gekotzt hat, und kippt den Inhalt ihrer Handtasche hinein. Sie wühlt, seufzt und blickt zu mir. Es ist so weit: «Wir müssen umdrehen, ich habe mein Handy nicht dabei.»

(Coopzeitung Nr. 06/2013)

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Montag 11.02.2013, 00:08 Uhr

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