Manche Ratten sind härter im Nehmen, als es auf den ersten Blick erscheint.

Tammy ist stark

Die Ratte Tammy ist nicht mehr die Jüngste. Der Knoten, der an ihrer Flanke wächst, könnte sie das Leben kosten. Doch ihr Besitzer sieht das ganz anders.

Die Ratte lief aufgeregt in ihrem Transportkistchen herum. Ihr schütteres Haar und ihre Grösse zeugten davon, dass sie bereits alt war. Hie und da hörte man ein Niesen. Viel beunruhigender aber war, dass sie an der linken Flanke einen haselnussgrossen Knoten hatte. Ratten werden in der Regel rund anderthalbjährig. Sie leiden häufig an Tumoren oder Lungenproblemen.
Nachdem sie mehrmals rund um ihren Käfig gelaufen war, stellte sie sich auf ihre Hinterbeine und putzte sich aufgeregt. Ich erklärte dem Besitzer, dass dieser Tumor weiter wachsen werde. Irgendwann würde das Tierchen dann schwere Schmerzen haben oder Probleme damit und dann müsse man es einschläfern. Mit einer grossen Gewissheit und Ruhe meinte dieser, seine Tammy werde sehr alt. Ich solle ihr den Tumor, Prognose hin oder her, heraus-operieren. Auf die Gefahren aufmerksam gemacht, welche die Narkose bei einer alten Ratte beinhaltet, winkte der Besitzer ab. «Tammy macht das. Sie ist stark.»

Zwei Tage später sah ich auf dem Terminkalender, dass Tammys Operation bevorstand. Die Ratte wartete bereits im Operationsraum. Ich liess Tammy im Transportkistchen und hielt ihr den Schlauch mit dem Narkosegas hin. Tammy drehte sich immer schneller im Kreis, putzte sich danach schwankend das Gesicht, um dann umzuplumpsen. Nun konnte ich sie narkotisiert auf den Rücken drehen und genau anschauen. Leider hatte sie nicht nur einen Tumor. Mehrere haselnussgrosse Kugeln waren in ihrem Bauch verteilt. Diese hatte ich bei der ersten Untersuchung nicht gesehen.

Mit Schere, Pinzette, Nadel und Faden machte ich mich ans Werk. Nach der Desinfektion schnitt ich alle Tumore nach und nach heraus und vernähte die Wunde. Endlich war ich fertig und hoffte, dass die alte Tammy gut erwachen würde, obwohl die Narkose länger gedauert hatte als erwartet.
Langsam kehrte ihr Bewusstsein wieder zurück. Eingebettet in mit warmem Wasser gefüllten Plastik-Handschuhen wachte sie allmählich auf. Ich war erstaunt, wie stark das Tier war. Bereits nach einer Woche kam ein Telefon. Der Besitzer erzählte, dass Tammy sich ihre Fäden herausgebissen habe. Auch fresse sie gut und man merke ihr nichts mehr an. Er hatte offenbar recht gehabt, Tammy würde sehr alt werden.

(Coopzeitung Nr. 08/2013)

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Chantal Ritter

Tierärtztin

Foto:
Prisma
Veröffentlicht:
Freitag 22.02.2013, 17:22 Uhr

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