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Es war ein hartes Los, als Magd den feinen Herrschaften zu dienen.

Bitte eintreten: Eingang zu einer Wohnung in einem Berner Barockhaus.

Den Schlüssel zur Vergangenheit: Gritli hat ihn.

So sah es damals in der Rathaus-Apotheke aus.

Bern aus der Sicht einer Magd

Tragisch-komischer Spaziergang mit einer Dienstmagd durch das Bern von 1870. Dabei kann man lächeln. Doch manchmal bleibt das Lachen im Halse stecken.

Ihre Bühne sind die Gassen und Herrschaftshäuser, die Hinterhöfe und versteckten Winkel Berns. Ihre Rolle ist die der Dienstmagd aus dem Jahr 1870. Und so ziehen wir denn mit Margarete Schaller – alias «Bärner Gritli» – los. Die Frau, ein echtes «Bärner Meitschi», hat zwei Jahre lang recherchiert. Sie kennt ihren Part, spielt mit Herz und Verstand. Das Gritli lässt vor unseren geistigen Augen alte Gemäuer wieder erstehen, etwa den Christoffelturm. Jetzt, zwei Tage später, bin ich nicht mehr sicher, ob ich diesen Teil der Stadtmauer wirklich gesehen habe oder ob dort jetzt der «Loeb-Egge» ist. Bern, das Gritli und seine Erzählungen haben es in sich. «Meine Herrschaft rede ich mit Madame und Monsieur an», erzählt es im Eingang zu einem der wunderschönen Berner Barock-Paläste. Dabei habe sie es noch gut getroffen: «Ich kenne solche, die müssen sich bei der Madame mit einem Knicks entschuldigen, dass sie im falschen Moment – ‹es ungrads Mal› – am falschen Ort sind.» Beim Beck – der Name sei hier gnädig verschwiegen – erzählt das Gritli, dass es dort gestern wieder «gchlepft» habe. Um das Ungeziefer aus der Backstube zu vertreiben, wirft er jeweils Mehlstaub in die Luft und zündet ihn an. Die Explosion ist dann im ganzen Quartier zu hören.

Die Magd, Bauerntochter einer kinderreichen Familie, verdient kaum etwas: «Ig diene für Choscht und Logis.» Dazu kommt die Arbeitskleidung. Die wird – wie damals üblich – zweimal im Jahr gewaschen. Zu fragen, ob das Gritli schon Unterwäsche trägt, die noch nicht überall üblich ist, verbietet die Contenance. Manchmal wird ihm auch grosse Gunst zuteil: «An Weihnachten, da erhielt ich von einem häufigen Gast meiner Herrschaft eine ‹Grampoolschybe›». Selbst jetzt, drei Monate später, kann Gritli sein Glück noch kaum fassen. Eine «Grampoolschybe» heisst so, weil es ordentlich poltert, wenn man sie fallen lässt und ist eine Art Vorläufer des Fünflibers. Einfach grösser. «Damit können die daheim auf dem Land 20 Kilo Brot kaufen!» Von ihren Herrschaften selber hat Gritli ein Japan-Köfferli erhalten. Ein Ding aus Bambus, das viel zu gross ist für ihre Habe. «Wenn ich mit dem unterwegs bin, was selten vorkommt, halten mich die Fuhrleute für etwas Besseres und wollen mich für ein paar Batzen mitnehmen. Als ob ich Geld für so etwas hätte», sagt Gritli kopfschüttelnd. Apropos Geld: Der Monsieur verdient etwas über 1100 Franken im Jahr. Wenn er heimkommt, hat er öfter mal den Krampf in der Hand: Er ist einer von 100 Kanzleischreibern im Bundeshaus.

Vieles ist in Bern noch heute wie damals - etwa die Lauben.

Vieles ist in Bern noch heute wie damals - etwa die Lauben.
http://www.coopzeitung.ch/Bern+aus+der+Sicht+einer+Magd_ Vieles ist in Bern noch heute wie damals - etwa die Lauben.

Weiter geht die Reise durchs Bern des vorletzten Jahrhunderts. Etwa vorbei am Bubenwaisenhaus. Das Gritli erzählt, dass dort in der Küche der Wandspruch steht: «Tut alles ohne Murren.» Einmal hat es auch mit Schaudern ein Traktat gesehen, in dem zu lesen war: «Probleme bei der Abrichtung der Dienstboten.» Noch ist halbwegs Winter, aber das Gritli erzählt, dass schon bald nach Pfingsten jedermann wieder die Betten sonnen werde. Halblaut fügt es bei: «Bei manchen kommt dann wieder der ‹Wanzentod› zur Anwendung, ein Pulver, bei dem es so ziemlich alles putzt.» Vieles noch könnte das Gritli erzählen, etwa vom Säustallklopfen oder vom Alkoholismus. Doch es müsse jetzt weiter, in die Rathaus-Apotheke, um Zucker zu kaufen. Aber bevor es in der Chesslergasse verschwindet, dreht es sich um. Etwas müsse es jetzt doch noch schnell loswerden. Demnächst finde eine Aufführung statt, darin gehe es um die Stadt Bern im Jahr 2000. Dann zieht das Gritli ein Plakat hervor, auf dem steht: «Man wird, wie Diogenes mit der Latern’, die Spuren dann suchen vom einstigen Bern.»

Kurz-Info

Region: Mittelland
Ort: Bern
Typ: Rundgang 
Dauer: 2 Stunden 
Natur: *****
Kultur: ***** 
Abenteuer: *****
bewertet von Coopzeitung

Berner Rundgang: Gritli erzählt

Ein Rundgang mit Margarete Schaller ist ein Abtauchen in die nicht immer so lustige, aber immer interessante Berner Vergangenheit.

Preis pro Person: Fr. 25.–.
Gruppen (max. 15 Personen) nach Vereinbarung möglich; Fr. 280.–.

Info und Anmeldung:
Margarete Schaller-Samuel
Tel. 031 829 13 53

schaller-samuel@bluewin.ch
www.gritli.ch

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Franz Bamert

Redaktor

Foto:
Philipp Zinniker
Veröffentlicht:
Freitag 01.03.2013, 18:26 Uhr

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