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Die sauertöpfische Miene von Alfred Hitchcock ist belegt. Auch wenn Anthony Hopkins, der die Rolle im Film verkörpert, etwas andere Gesichtsüge hat: Man nimmt ihm die Rolle 100-prozentig ab.

Wie seine berühmte Fernsehserie «Alfred Hitchcok presents ...» beginnt auch dieser Film: Zu Beginn tritt der Regisseur höchstpersönlich auf und wendet sich im Filmsetting mit einem humorigen Kommentar an das Publikum.

Auf der Suche nach einem verfilmbaren Stoff stösst Hitchcock auf das Buch «Psycho» von Schriftsteller Robert Bloch. Als es sicher ist, dass er den Roman verfilmt, lässt Hitchcock die gesamte Auflage aufkaufen, um sicher zu gehen, dass niemand die Pointe in seinem Film kennt.

Schon früh stellt Hitchcock ein Ensemble zusammen. In seinen Filmen ist er immer wieder auf der Suche nach der kühlen, unnahbaren Blondine. Dieses Mal wird er in der Person von Janet Leigh (links) fündig, die von Scarlett Johansson («Lost in Translation», «Vicky Cristina Barcelona», «The Avengers») gespielt wird. Seine Frau Alma (Helen Mirren) muss mit ansehen, wie er vor ihren Augen mit der jungen Frau schamlos flirtet. Das tut weh.

Seine rechte Hand ist seine Sekretärin und Assistentin Peggy Robertson. Sie kümmert sich ums Organisatorische. Peggy wird gespielt von der Australierin Toni Colette («Muriels Hochzeit», «About a boy», «Little Miss Sunshine»).

Zu Beginn der Dreharbeiten lässt Hitchcock das komplette Ensemble einen Eid schwören - darunter sind auch Vera Miles (Jessica Biel), Janet Leigh und Anthony Perkins (James D'Arcy).

Hitchcock ist ein Spanner – vornehmer ausgedrückt: ein Voyeur. Er liebt es, mit seinen Blicken den jungen Frauen nachzustellen. In den Filmgarderoben hat er sogar ein Gucklock installieren lassen, durch das er beobachten kann, wie die Damen sich umziehen.

Die Frauen sind ahnungslos und fühlen sich durch die charmanten Avancen des ansonsten doch recht unattraktiven Mannes geschmeichelt.

Das hemmungslose Flirten ihres Mannes ist für Alma herabwürdigend. In ihrer Freizeit wendet sie sich Whitfield Cook (Danny Huston) zu, mit dem sie zusammen an einem Drehbuch arbeitet. Um den Kopf für das gemeinsame Projekt freizubekommen, hat er extra ein Haus am Strand gemietet.

Hitchcock ist eifersüchtig und stellt seine Frau zur Rede. Doch diese stellt klar, dass sie ihr Leben dem seinen untergeordnet hat und von ihm dafür nie eine Wertschätzung erhalten habe.

Neben den Problemen mit seiner Frau erleidet er auch im Studio einen Dämpfer: Bei der Testvorführung der ersten Fassung seines neuen Werks «Psycho» erntet er nur Kritik.

Das Paar besinnt sich nicht nur seiner engen Verbundenheit, sondern auch seiner Stärken. Alma, die ausgebildete Cutterin ist, schneidet zusammen mit ihrem Mann den Film neu und eine neue, spannendere Version entsteht.

Vor der Zensurbehörde muss Hitchcock seinen Film verteidigen. Dem Komitee ist die Handlung zu blutrünstig und zu aufreizend – obwohl man die Gewalt und Erotik nie sieht. Nur durch einen Kniff bekommt er die Freigabe.

Alfred Hitchcock hat den richtigen Instinkt: Jungschauspieler Anthony Perkins ist die perfekte Besetzung für die Hauptfigur Norman Bates – auch er hatte ein kompliziertes Verhältnis zu seiner Mutter.

Nicht nur die Ehefrau steckt hinter dem Gelingen des Filmes, auch die loyale Assistentin Peggy, die mit den unerträglichen Launen und dem Alkoholproblem ihres Chefs souverän umgeht.

Eine der berühmten Szenen von Psycho – nachgestellt mit Scarlett Johansson: Die Hauptdarstellerin ist auf dem Weg zu einem Motel, geplagt voller Schuldgefühle, da sie Geld gestohlen hat. Genialer Kunstgriff: Die äusserst attraktive Hauptdarstellerin wird bereits nach einem Drittel des Filmes umgebracht und sorgt damit für eine schreckliche Überraschung. Die Idee dazu hatte Hitchcocks Ehefrau Alma.

Auch wenn Peggy, Alfred und Alma an der Filmpremiere 1960 keine guten Miene ziehen: Der Film wird ein riesiger Erfolg ...

... und Hitchcock zur Legende.

Netter Wink mit dem Zaunpfahl am Ende des Films: Eine Rabe landet auf der Schulter des Meisterregisseurs und weist damit auf das nächste erfolgreiche Fimprojekt hin, das da lautet: «Die Vögel» (1963).

Filmkritik: «Hitchcock»

Seine Filme haben Millionen Kinobesucher in Angst und Schrecken versetzt. Jetzt ist Alfred Hitchcock selbst Gegenstand eines Filmprojekts. «Hitchcock» widmet sich nicht nur der Entstehungsgeschichte von «Psycho», dem kommerziell erfolgreichsten Streifen des «Master of Suspense», sondern auch seiner Beziehung zu seiner Frau Alma.

 

Gleich vorneweg: Alfred Hitchcock war ein cineastisches Genie – unbestritten. «Bei Anruf Mord», «Das Fenster zum Hof» oder «Der unsichtbare Dritte» sind nur drei seiner insgesamt 53 Kinofilme, mit denen er riesige Erfolge auf der ganzen Welt feierte. Den grössten kommerziellen Erfolg erzielte der gebürtige Engländer mit «Psycho», einem Streifen über den psychopathischen Serienmörder Norman Bates. Die Entstehung dieses Films mit der berühmten Duschszene bildet den Rahmen für die biographische Hommage «Hichtcock», die jetzt in die Kinos kommt und etwa zwei Jahre seines Lebens in Hollywood beleuchtet.

So sehr Hitchcock ein genialer Regisseur war, so sehr wird in diesem Film seine persönliche Unsicherheit und Wankelmütigkeit herausgestellt. Besonders seine Frau Alma Reville muss erfahren, dass das Alltagsleben mit Alfred nicht einfach, oft sogar die Hölle sein kann. So lustig seine zynische Art auch sein kann, so sehr kann Hitchcock damit verletzen – und macht damit auch nicht vor der Frau halt, die ihn seit Jahren begleitet.

Dennoch verlangt er von ihr unbedingte Treue und Unterstützung – obwohl er selbst mit jungen, perfekt gestylten, blonden Schauspielerinnen nach Belieben flirtet. Mehr noch: Als Spanner beobachtet er sie in ihrer Garderobe sogar heimlich durch ein Guckloch.

Als Alma mit einem befreundeten Autor an dessen Drehbuch arbeitet (und nicht an einem Drehbuch von Hitchcocks Projekten) bekommt er Tobsuchtsanfälle, aus Angst davor, von Alma zurückgestossen und verlassen zu werden. Dabei ist sie es, die ihn immer wieder aus der Filmwelt in die Realität zurückholt, die Drehbücher mit genialen Ideen aufpeppt und ihm ein heiles Zuhause mit stabilen Verhältnissen bietet.

Die Beziehung wird auf eine weitere Probe gestellt, als Alfred Hitchcock unbedingt den Roman «Psycho» verfilmen möchte und kein grosses Studio für den brutalen Stoff, in dem auch viel Erotik vorkommt, findet. Alma erklärt sich kurzentschlossen damit einverstanden, eine Hypothek auf das gemeinsame Haus aufzunehmen und somit den Film selbst zu finanzieren.

Wie die Geschichte gezeigt hat, ist der Film zum grössten kommerziellen Erfolg von Alfred Hitchcock geworden – und das Risiko hat sich für ihn gelohnt. Im Hollywood-Film kommt es auch in der Beziehung zu seiner Frau zu einem Happy End. Wie es tatsächlich gewesen sein mag, ist nicht bekannt. Doch auch in der Realität honorierte Hitchcock die Rolle seiner Frau – freilich deutlich später: Als er 1979, ein Jahr vor seinem Tod, vom American Film Institute mit dem Preis für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde, meinte er: «Ich danke besonders vier Menschen, die mir ihre grösste Unterstützung entgegengebracht haben!» Eine sei eine Cutterin, die andere eine Drehbuchautorin, die dritte die beste Köchin, die er jemals gekannt habe und die vierte die Mutter seiner Tochter. «Und der Name von allen vier Personen ist Alma Reville», so Hitchcock.

Alma Reville teilte damals das Schicksal vieler Frauen, die hinter dem Erfolg ihrer Männer standen: Sie wurden kaum wahrgenommen. Und auch dieser Film heisst nicht etwa «Alfred und Alma» oder «Alma’s Leben», sondern einfach nur «Hitchcock». Schade.

Ein grosses Vergnügen ist es, den Schauspielern bei Ausübung ihrer Kunst zuzusehen: Allen voran spielt Helen Mirren («Die Queen», «Kalender Girls», «Gosford Park») aufs Neue das komplette Ensemble an die Wand. Verbitterung, Zurückhaltung, Stärke, Trauer, Wut – diese und alle anderen Gefühlszustände vermag sie mit grosser Überzeugung auszudrücken. Aber auch Anthony Hopkins als Hitchcock mit dem Mut zur Hässlichkeit und Toni Colette als Hitchcocks Sekretärin Peggy sind Künstler ihres Fachs. In kleineren Nebenrollen sind Scarlett Johansson (als Janet Leigh), Jessica Biel (als Vera Miles) und James D’Arcy (als Anthony Perkins) zu sehen.

Kinostart
In den Deutschschweizer Kinos ab 14. März 2013

Regie
Sacha Gervasi

Drehbuch
John J. McLaughlin

Produzent
Ivan Reitman, Tom Pollock, Joe Medjuck, Tom Thayer, Alan Barnette

Cast
Alfred Hitchcock: Anthony Hopkins

Alma Reville: Helen Mirren

Janet Leigh: Scarlett Johansson

Peggy Robertson: Toni Colette

Whitfield Cook: Danny Huston

Vera Miles: Jessica Biel

Anthony Perkins: James D'Arcy

Länge
98 Minuten

Produktionsland
USA

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Markus Kohler

Redaktor

Veröffentlicht:
Mittwoch 20.02.2013, 00:00 Uhr

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