Sabotierte Sauberfrau

Sie will es keimfrei, er lieber zwanglos.

Sybil Schreiber: Vor mir liegt ein ganz normales Mittagessen, und wie jedes Mal keimt Hoffnung in mir auf: Denken sie dran? Das Essen dampft auf dem Tisch und unsere Töchter toben herein, werden von Lilla und ihren drei kleinen Rackern wild begrüsst.

«

Hände waschen, Kinder, nicht Hände nass machen! »

Ich höre lautes Lachen und freudiges Bellen.
Schulranzen knallen in eine Ecke, dann bin ich dran: Ich werde umarmt, alle reden gleichzeitig. So weit, so gut.
Doch nun setzen sich die Kinder einfach an den Tisch und greifen nach ihren Gabeln. Schade! Es klappt wieder nicht. «Hände waschen!», erinnere ich sie.
Wie jeden Mittag, jeden Morgen, jeden Abend vor dem Essen. Mein Mantra. Zehntausend Mal gesagt. Zehntausend Mal ignoriert.
Mosernd stehen die beiden auf, lassen am Waschbecken zwei Sekunden Wasser über ihre Hände laufen. «Hände waschen, nicht Hände nass machen!», sage ich strenger. Sie verdrehen die Augen. Dann, endlich, spaziert auch Schneider rein, grüsst, schnuppert, setzt sich, schöpft und will gleich mit der Nahrungsaufnahme beginnen. «Hände gewaschen?», fragen die Kinder keck.
Schneider antwortet vergnügt: «Nein, heute trainiere ich meine Körperabwehr.»
Auch das noch! Mein Mann, der Saboteur meiner sauberen Erziehung!

Steven Schneider: Schreiber ist Arzttochter. Vermutlich ist ihr Waschdrang genetisch bedingt. Das mag im Krankenhaus Sinn machen. Aber an unserem Mittagstisch?

«

Ein wenig Dreck hat noch nie geschadet.»

«Es gibt keine absolute Keimfreiheit», erkläre ich zum hundertsten Mal nach dem Essen. «Da kann man noch so viele Wasserfälle aus dem Hahnen laufen lassen!»
Schreiber blickt streng und doziert ungerührt über die korrekte Händewäsche: «Mit Wasser ist es sowieso nicht getan. Auch Seife allein reicht nicht, um die Keime unschädlich zu machen. Handreinigung geht so: gründlich einseifen, – jeden Finger separat! – dann gut einreiben, sauber abspülen und abtrocknen! Das solltest du langsam wissen! Du bist doch kein Kind mehr!»
«Dann sollte aber stets auch ein desinfiziertes Handtuch neben dem Lavabo hängen, oder?», werfe ich ein.
Sie kontert: «Du weisst genau, dass Händewaschen vor Infektionen schützt.»
«Das behauptest du. Ich sage: Ein wenig Dreck hat noch nie geschadet. Hier ein Keimchen, dort ein Keimchen – damit wird der Körper schon fertig. Ausserdem lernt er auf diese Weise, unserer verschmutzten Umwelt zu trotzen.»
Und das finde ich wichtig! Zwar habe ich eine Arzttochter geheiratet – aber in einem Spital wollte ich nie leben.

(Coopzeitung Nr. 18/2013)

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Freitag 03.05.2013, 16:38 Uhr

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