Erste Male

Wie sie und er Sterne sehen.

Sybil Schreiber: Ich liege zum ersten Mal in diesem Jahr unter unserem schönen Apfelbaum im Gras. Ich spüre die Halme, blinzle in die Baumkrone und bin glücksbeschwipst.

«

Das Glück rieselt wie Blütenstaub zu mir herunter. »

Immer wieder gibt es ein erstes Mal. Grad jetzt. Und vor langer Zeit. Die Erinnerungen zwinkern mir durchs Blattgrün zu.
Ich erinnere mich ans erste Mal – als ich mit Schneider in die Ferien fuhr. Nach Grado. Kleines Zimmer, grosses Bett und vor dem Fenster das Meer. So viel Glück.
Ich erinnere mich ans erste Mal, als ich mit ihm spazieren ging. Nach einem Tag in der Arbeit, damals, als ich unbedingt Karriere machen wollte.
Unterwegs sahen wir auf einer Wiese einen zahmen Hasen, der mümmelte Löwenzahn, liess sich streicheln und ich wusste, ich wollte mit Schneider Kinder haben.
Ich erinnere mich, als ich zum ersten Mal mit ihm zu den Sternen blickte. Es war perfekt, ausser, dass das Universum verschwamm, denn ich trug meine Brille nicht.
Egal, dafür holte er mir später die Sterne vom Himmel. Während ich hier liege, rieselt das Glück wie Blütenstaub zu mir herunter. All diese wunderbaren ersten Male mit Schneider.
Ich spürs, heute ist der Tag für die erste Liebeserklärung in dieser Woche.

Steven Schneider: Ich greife nach den beiden Kaffeetassen und trete auf die Veranda hinaus. Aha! Schreiber hat es sich unter unserem grossen Apfelbaum bequem gemacht.

«

Es war krampfig, eher Mahnmal als Denkmal.»

Normalerweise trinken wir den Kaffee nach dem Mittagessen auf der Holzbank an der Sonne, nicht im Schatten in der Wiese.
Na ja, denke ich, warum nicht, und gehe zu ihr hin. Die Wiese fühlt sich unter meinen Füssen weich und kühl an. Ich reiche ihr den Cappuccino und lasse mich mit meinem Espresso neben ihr nieder. Sie blickt mich verträumt an, nimmt einen Schluck und sagt lächelnd: «Ach, ich liebe das Leben!
«Schön», sage ich. «Du hast Milchschaum an der Lippe.»
Sie leckt ihn weg und strahlt mich an: «Erinnerst du dich?»
«Woran?»
«An das erste Mal.»
Jetzt muss ich lächeln. Gibt es irgendjemanden, der das je vergisst, dieses allererste Mal? Das ist doch eines der Ereignisse im Leben eines Menschen, das ... wobei, ich muss einräumen, dass es krampfig war, dieses erste Mal, weniger ein Denkmal solider Manneskraft als ein Mahnmal dessen, dass aller Anfang schwer sein kann.
«Dank dir habe ich viele, viele Sterne gesehen», säuselt sie.
Ich stutze: «Bist du sicher? Ich habe dich doch damals noch gar nicht gekannt, oder?»

(Coopzeitung Nr. 20/2013)

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Montag 13.05.2013, 10:30 Uhr

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