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Pippo Pollina: «Man sieht die Gefahren nicht»

Der seit 1989 in Zürich lebende sizilianische Cantautore Pippo Pollina (47) über die Mafia und seinen neuen Schweizer Pass.

Coopzeitung: Weshalb wollten Sie auch die Schweizer Staatsbürgerschaft?
Pippo Pollina:
Ich möchte mich in die Schweiz einbringen. Das kann ich besser, wenn ich mich zugehörig fühle und mitentscheiden kann, was für dieses Land gut ist und was nicht.

Und warum erst jetzt?
Den ersten Antrag hatte ich schon 1995 gestellt – zeitgleich tat das meine Schweizer Frau in Italien. Während Christine den italienischen Pass problemlos erhielt, bekam ich seltsame Anrufe von der Polizei. Warum ich denn Schweizer werden wolle? Weil ich der einzige Ausländer in der Familie bin! Ob es nicht politische Gründe gebe? Da ahnte ich, dass ich fichiert war. Daraufhin zog ich mein Ersuchen zurück.

Weshalb nahmen Sie nun einen zweiten Anlauf?
Ich konnte und wollte nicht mehr tatenlos der SVP-Politik zusehen. Vor drei Monaten hat es endlich geklappt. Ich wurde eingebürgert, habe bereits zweimal abgestimmt und zweimal verloren! (lacht) Die Beamten waren diesmal übrigens extrem freundlich und betonten ihre Freude über meinen Wunsch, Schweizer zu werden.

Wie wollen Sie mit Ihren Liedern Grenzen überwinden?
Ich zeige, dass alle Völker verschieden sind, dass wir uns in den wesentlichen Dingen aber sehr ähneln. Wir haben zwar unterschiedliche Lebensarten, sind pünktlich oder unpünktlich, genau oder ungefähr, emotional oder rational, aber zentral sind für uns alle Liebe, Ernährung, Familie, Kinder und Freundschaften.

Und die Musik ...
Sie ist ein fantastisches Mittel, um mit anderen Menschen in Kontakt zu treten, Gefühle zu wecken und zu kommunizieren. Instrumentalmusik ist ideal, weil sie keine Sprachbarrieren überwinden muss – dafür kann man sich mit Worten präziser ausdrücken.

Verstehen Sie sich selbst als politischen Liedermacher?
Ich mag solche Schubladisierungen nicht. In einer Gemeinschaft zu leben, bedeutet automatisch, politisch zu handeln. Nicht nur, wer redet, bezieht Stellung, auch, wer schweigt.

Schätzt man Sie in Ihrer Heimat immer mehr, weil es sonst kaum noch Cantautori gibt, die sich getrauen, etwas gegen Berlusconi zu sagen?
Es hat sicher damit zu tun, dass viele von ihnen müde geworden oder gestorben sind oder in Ruhe ihren Lebensabend geniessen wollen. Ich bin aber auch einer, der Berlusconi und die anderen skrupellosen Machtmenschen, welche die Medien kontrollieren, schon sehr lange kritisiert. Leider gibt es auch in der Schweiz ausser dem «Kulturplatz» kaum noch Fernsehsendungen, in denen Künstler, die keine Hitparadenstars sind, ihre Platten vorstellen können.

Sind Sie in Italien mit Repressionen konfrontiert?
Natürlich, da gibt es diverse Beispiele. Als ich 2005 wie Lucio Dalla und Edoardo Bennato beim Jubiläum der Regionalverfassung von Sizilien zwei Lieder sang, jubelte das Publikum, als ich eines davon einem Anti-Mafia-Kämpfer widmete. Dagegen standen die ersten zwei Sitzreihen mit Lokalpolitikern demonstrativ auf und gingen.

Mit welchen Konsequenzen?
Man wollte mir die Rückflugtickets nicht aushändigen, meiner Frau wurde die Kamera gestohlen, und am nächsten Tag strahlte die RAI die Aufzeichnung ohne meinen Auftritt aus. Immerhin wurde der damalige Präsident der Region kürzlich in der dritten und letzten Instanz wegen seiner mafiösen Verstrickungen zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt!

Haben Sie nie um Ihr Leben gefürchtet?
Als ich noch in Palermo lebte, waren meine Eltern schon sehr besorgt um mich, aber ich kümmerte mich nicht um die Gefahren. Wenn man jung ist, sieht man sie nicht.

Sind Sie mutiger als andere, weil Sie als Sechsjähriger nach einem Verkehrsunfall schon einmal ein zweites Leben geschenkt bekommen haben?
Ich war zumindest schon einmal mit dem Tod konfrontiert. Ich lag eine Woche im Koma und habe Verletzungen erlitten, unter deren Folgen ich heute noch leide. Als kleines Kind fühlte ich mich sehr bestraft, musste lernen, mit meinem versehrten Körper umzugehen und auf vieles zu verzichten. Mit –13 beziehungsweise –14 Dioptrien konnte ich zuerst fast nichts und dann nur mit dicken Brillengläsern sehen, ehe glücklicherweise die Kontaktlinsen aufkamen.

Was haben Sie durch die neue Biografie «Über Grenzen trägt uns ein Lied» über sich hinzugelernt?
Die Gespräche mit Autor Franco Vassia machten mir klar, dass ich 1985 nicht nur aus Neugier mit Schlafsack und Gitarre zu einer Europatournee als Strassenmusiker aufgebrochen und dann in der Schweiz hängengeblieben bin. Im Unterbewusstsein war ich entschlossen, ins Exil zu gehen, da ich befürchtet hatte, dass sich Italien zu dem entwickeln würde, was es heute ist.

Sie sind in den nächsten Wochen parallel mit dem Zürcher Orchester Nota Bene und einem multimedialen Duo-Programm unterwegs. Ein schwieriger Wechsel?
Nein, die Konzepte ergänzen sich wunderbar. Es ist spannend, die Intimität meiner Biografie mit den grossen Gefühlen, welche die Musik transportiert, in Einklang zu bringen.

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Reinhold Hönle

Autor

Foto:
Fotos: Christian Lanz
Veröffentlicht:
Dienstag 08.02.2011, 08:00 Uhr

Steckbrief
Pippo Pollina

Beruf:Sänger, Musiker & Songschreiber

Geburtsdatum:18. Mai 1963 in Palermo

Zivilstand:verheiratet mit Christine, Sohn Julian und Tochter Madlaina

Wohnort:Zürich

Laufbahn:Anfangs der 80er-Jahre musizierte Pollina mit der sizilianischen Gruppe Agricantus. Seit 1988 lebt und arbeitet er in der Schweiz. Der Cantautore, der zuerst in der Schweiz und Deutschland bekannt wurde, hat im letzten Jahrzehnt auch seine Heimat erobert.

Aktuell:Biografie «Über die Grenzen trägt uns ein Lied – Leben und Musik von Pippo Pollina», von Franco Vassia.

Hompepage von Pippo Pollina

 



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