«Hier kann ich auf höchstem Niveau arbeiten und mehr bewegen als in Paris, München oder Wien»: Andreas Homoki im Zürcher Opernhaus.

Sibylle Brunner: «Das Rebellische, das kenne ich»

Persönlich. Für ihre Rolle als Rosie im gleichnamigen Film von Marcel Gisler hat Sibylle Brunner den Schweizer Filmpreis bekommen. Jetzt erlebt die 74-jährige Schauspielerin so etwas wie den zweiten Frühling in ihrer Karriere.

Coopzeitung: Wer den Film «Rosie» sieht, bekommt  fast den Eindruck, die Rolle wurde Ihnen auf den Leib geschrieben. Wer ist Rosie?
Sibylle Brunner: Sie ist eine gute Kollegin von mir. Schon als ich das Drehbuch bekam, habe ich mir gedacht: Diese Rolle liegt mir. Ich liebe es, alte Menschen darzustellen. Ich bin privat zwar eitel, auf der Bühne aber nicht. So bin ich immer tiefer in ihr Wesen eingetaucht.

Steckt in Rosie viel Sibylle?
Ja und nein. Ich muss die Figur lieben, die ich spiele. Bei Rosie ist das der Fall. Aber ich bin ein Typ, der Dinge anspricht und bespricht. Rosie hingegen verdrängt. In diesem Punkt bin ich ganz anders. Als Mensch kann ich sie aber verstehen. Und das Rebellische, das ja immer wieder aus Rosie ausbricht, das kenne ich.

Wo zum Beispiel?
Ich bin nicht auf den Mund gefallen – was mir auch schon Ärger eingebracht hat. Aber eigentlich möchte ich das Private nicht so in den Vordergrund stellen. Ich war zweimal verheiratet, bin zweimal geschieden, wie es sich gehört für ein modernes Leben (lacht).

«Rosie» hat gute Kritiken bekommen, obwohl der Film mit der Homosexualität ein bisschen ein Tabuthema aufgreift. Gibt es ein Geheimrezept für diesen Erfolg?
Es war eine tolle Stimmung im Team. Alle waren mir sehr zugeneigt und haben mich unterstützt. Diese Stimmung hat mich gestärkt und hat mir sehr geholfen, die Rosie – das sagen zumindest viele – so authentisch zu spielen. Und ich muss sagen, obschon ich mich selber nicht gerne auf der Leinwand sehe: Manche Stellen gefallen sogar mir selber.

Spürt man während des Drehs, dass ein Film gut wird?
Das haben alle immer gesagt. Jemand hat sogar gemeint, ich bekäme noch den Filmpreis dafür, bis ich gesagt habe: «Jetzt hört mal auf und verschreit es nicht. Sonst passiert noch etwas und der Film wird ein Flop.»

Ein Detail, das auffällt: Ihre Kinder nennen Sie im Film Mami, nicht Muetter oder Mama. Passierte das bewusst?
Fabian, mein Filmsohn, hat ganz einfach festgestellt: «Du bist mein Mami.» Und das haben wir übernommen. Ich glaube, er hat es genossen, die Rolle so zu spielen.

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Ich glaube an den Humor und die Ironie»

Rosie trägt ein Geheimnis über ihr Leben mit sich, das sich im Laufe des Films auflöst. Auch Ihr eigenes Leben verlief nicht immer gradlinig und einfach. Wie wurden Sie Schauspielerin?
Ich stand mit sechs zum ersten Mal auf der Bühne und spielte den Walterli in Wilhelm Tell. Dann sagte ich zu meiner Mutter: Entweder werde ich Schauspielerin oder Mutter von drei Kindern. Schauspielerin bin ich geworden und zwei Kinder habe ich auch.

Also beide Ziele fast erreicht …
Genau. Nach der Schauspielschule erhielt ich eine Filmrolle in München. Der Film war allerdings ein Flop und ich steckte in einer Sackgasse. Ich wusch in Restaurants Geschirr, putzte, arbeitete als Platzanweiserin im Kino. Dann bekam ich endlich das erste Engagement in Dinkelsbühl – und wurde schwanger. Das hat perfekt gepasst.

Scheinbar haben Sie sich durchgebissen.
Ja. Es folgten weitere Engagements und die zweite Heirat mit Schauspieler Carsten Bodinus, der Tochter Nina mit in die Ehe brachte. Die folgenden Engagements waren stets mit Umziehen verbunden. Mit den Kindern zog ich sechs Mal um, bis ich hier in Hannover gelandet bin.

Nächste Projekte?
Ein neuer Film mit Fredy Murer ist geplant, über den ich aber noch nicht mehr sagen möchte.

Ein Folgeprojekt von Rosie und Ihrem Filmpreis?
Nein. Fredy Murer hat mich schon vorher gesehen und engagiert.

Rosie macht sich Gedanken übers Sterben. Sie auch?
Natürlich macht man sich das ab einem gewissen Alter. Aber es ist nicht die Angst vor dem Tod, sondern vor dem «Wie sterbe ich?». Und manchmal erwische ich mich dabei, dass ich denke: «Ach, das werfe ich weg, sonst müssen sie nachher so viel Zeugs entsorgen».

Glauben Sie an einen Gott?
Ich glaube an das im Menschen drin. Wir haben viel Selbstverantwortung. Ich versuche, die Probleme selber zu bewältigen und nicht Gründe für Probleme in der Vergangenheit zu suchen. Und ich glaube an den Humor und die Ironie. Die muss man auch sich selber gegenüber haben.

«

Ich bin nicht auf den Mund gefallen – was mir auch Ärger eingebracht hat. »

Auf Ihrem Balkon steht eine Buddha-Figur …
Ja, die behütet mich, schaut zu mir und ich kann dort auch die Wäsche aufhängen (lacht). Nein, im Ernst. Ich habe festgestellt, dass gläubige Menschen noch mehr Angst vor dem Tod haben als die, die nicht glauben. Vielleicht, weil sie noch die Hölle fürchten. Daran glaube ich gar nicht. Wenn es einen Gott gibt, hat er alle gern.

Sibylle Brunner

Geboren: 24. März 1939
Wohnort: Hannover
Zivilstand: Zweimal verheiratet, zwei Kinder und drei Enkel.
Karriere: Sibylle Brunner absolvierte ihre Schauspielausbildung in Zürich und München. Ihr erstes Engagement führte sie an die Komödie in Basel. Es folgten Engagements am Stadttheater Kiel, am Staatstheater Kassel, am Theater der Stadt Essen, Schauspielhaus Düsseldorf, Staatstheater Karlsruhe, am Stadttheater Freiburg und am Staatstheater Hannover, dessen Ensemble sie 25 Jahre angehörte. Während ihrer Theaterlaufbahn hat sie zahlreiche grosse Rollen der dramatischen Weltliteratur gespielt. Neben ihrer Theaterarbeit spielte sie auch in Filmen und Fernsehserien wie Derrick, Tatort. Zurzeit inszeniert sie im Theater in der List in Hannover.
Auszeichnungen: Schweizer Filmpreis 2013 als beste Schauspielerin für ihre Rolle in «Rosie» (ab 30. Mai im Kino).

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Thomas Compagno

Redaktor

Foto:
Heiner H. Schmitt jr.
Veröffentlicht:
Donnerstag 30.05.2013, 16:13 Uhr

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