Daniel Elber auf Besuch in einem der Dörfer in Muntigunung: Die Frauen flechten Körbe aus Palmblättern, die als Verpackung für Cashews und Rosella-Produkte dienen.

Daniel Elber: «Ich bereue keine Sekunde»

Daniel Elber kam vor acht Jahren für eine Auszeit nach Bali. Aufgerüttelt von bettelnden Frauen, hat der ehemalige Banker in Muntigunung, im Norden der Insel, ein erfolgreiches Hilfsprojekt auf die Beine gestellt.

Coopzeitung: Bali gehört zu einer der reicheren Inseln in Indonesien. Wieso haben Sie ausgerechnet hier ein Hilfsprojekt gegründet?
Daniel Elber: Als ich vor acht Jahren nach Ubud kam, ist mir aufgefallen, dass es in dieser Stadt sehr viele bettelnde Frauen und Kinder hat. Das hat mich stutzig gemacht und ich habe angefangen, mich mit der Kultur und der Insel auseinanderzusetzen. Denn Betteln und Bali passen überhaupt nicht zusammen.

Warum nicht?
Die balinesische Kultur ist so familien- und gemeinschaftsorientiert, dass sie Betteln eigentlich gar nicht zulässt. Und trotzdem sieht man Bettler. Der Grund ist, dass diese fruchtbare Insel noch eine andere Seite hat – nämlich die Nordseite der Insel. Dort ist es extrem trocken, halbwüstenähnlich, es gibt kein Wasser und während acht Monaten des Jahres keinen Regen. Das ist der Hauptgrund für die Armut in der Region. Und für mich war das der Grund, mich für etwas einzusetzen und länger hier in Bali zu bleiben.

Sie sind also nicht mit dem Ziel hergekommen, hier ein Hilfsprojekt aufzubauen?
Richtig. Aber ich habe mir schon lange vorher intensiv Gedanken gemacht darüber, was ich mit den vielleicht letzten 15 produktiven Jahren meines Lebens machen möchte. Ich habe Kollegen, Freunde, meine Kinder und meine damalige Frau zu einem Workshop zu diesem Thema eingeladen. Und schlussendlich bin ich 2003 nach Bali gekommen, nicht, weil ich da etwas gesucht hätte, sondern weil ich in der Schweiz mit etwas aufgehört hatte. Ich habe 35 Jahre in einer grossen Bank gearbeitet. Und als 2003 eine Reorganisation anstand, zog ich einfach einen Schlussstrich.

Die Zeit in Bali war also als Auszeit gedacht?
Genau. Ich dachte, ich komme für ein Jahr nach Bali und schaue, was für neue Gedanken und Möglichkeiten kommen. Aber primär war mein Ziel, wegzugehen vom Alten und sich aufzumachen für Neues.

Brauchte das Mut?
Der Entscheid selbst brauchte nicht so viel Mut, denn er war schon lange gewachsen. Doch nach 35 Jahren aus einem sicheren Umfeld he-rauszulaufen, kein Salär und keine Versicherung mehr zu haben – das war sicher ein Schritt, den viele Leute nicht machen. Nach der ersten oder zweiten Woche bin ich auch etwas über meinen eigenen Mut erschrocken.

Gab es später Momente, in denen Sie es bereut haben?
Nein, das gab es nicht mehr. Die letzten acht Jahre waren die schönsten acht Jahre meines Lebens. Es ist eine ganz andere Art des Arbeitens, des Lebens. Wenn du etwas machst, von dem du sagen kannst, dass es Sinn macht, dass es Substanz hat.

Was genau haben Sie gemacht?
Muntigunung ist das ärmste Gebiet von Bali, ein Gebiet, wo 5500 Leute in 35 Dörfern
leben, an einem Berghang, der total trocken ist. Die Leute müssen drei bis fünf Stunden am Tag Wasser transportieren. Die Kindersterblichkeit ist extrem hoch und die Menschen haben keinen Zugang zu medizinischer Versorgung. Die meisten haben kaum Arbeit und Einkommen und müssen mit etwa einem Franken pro Tag durchkommen. Viele sind mangelernährt.

Und wie sind Sie die Probleme angegangen?
Wir haben vier Ziele: erstens die Sicherstellung einer Wasserversorgung von 25 Litern pro Kopf und Tag. Zweitens eine Ausbildung für Erwachsene, damit sie etwas produzieren und für sich selbst ein Einkommen generieren können. Drittens die Reduktion der Kindersterblichkeit um 50 Prozent und viertens, dass alle Kinder eine Schulausbildung haben. Seither haben wir elf Dörfer mit Wasser versorgt. Wir haben grosse landwirtschaftliche Projekte ins Leben gerufen, an denen alle Familien teilnehmen können, zum Beispiel die Produktion von Cashewnüssen, von Tee, Süssigkeiten und Sirup aus Rosella (eine Hibiskusart), von Palmzucker sowie Korbwaren für die Verpackung.

Können Sie sich vorstellen, irgendwann wieder in die Schweiz zurückzukehren?
Eine schwierige Frage. Ich arbeite jetzt acht Jahre ohne Salär. Danach bleibt die AHV – und einzig mit der AHV in der Schweiz zu leben, dürfte schwierig sein. Aber ich nehme jeden Tag so, wie er kommt und versuche mich dann zu organisieren, wenn ich ein Problem habe.

Jeden Tag nehmen, wie er kommt, ist das die balinesische Mentalität, die Sie schon angenommen haben?
Wenn man in Bali arbeiten möchte, geht es fast nicht anders. Zudem ist es wohltuend, hier zu leben, weil die Menschen viel entspannter sind als bei uns. Ich lebe gerne hier, ich habe gerne fröhliche, lachende Gesichter um mich herum. Ich würde mich auch in der Schweiz wohl fühlen. Eine oder zwei Wochen im Engadin zu wandern, das finde ich auch schön. Aber das hatte ich in den ersten 50 Jahren meines Lebens. Ich hatte all das, und brauche es nicht mehr. Jetzt sind andere Sachen wichtig geworden. Ich bereue keine Sekunde.

Daniel Elber

Geburtsdatum: 13. November 1951

Werdegang: Ursprünglich KV-Lehre beim damaligen Bankverein (heute UBS) in Zürich. Das weitere Berufsleben auf der Bank war immer wieder unterbrochen von grösseren Reisen, etwa mit dem Rucksack quer durch Südamerika, Asien oder Madagaskar. Während seiner beruflichen Laufbahn engagierte er sich in einem Verein, der mit geistig behinderten Kindern arbeitet (Theater Hora). Seit 2003 lebt er in Bali (Indonesien) und hat das Hilfswerk «Zukunft für Kinder» aufgebaut.

Aktuell: Am 19. September wurde dem Verein der renommierte SKAL-Award für nachhaltigen Tourismus verliehen – dies für das Trekking, das von ehemaligen Bettlerinnen geleitet wird und die Touristen in die Dörfer des Bezirks Muntigunung führt.

www.zukunft-fuer-kinder.ch

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Nicole Hättenschwiler

Stv. Chefredaktorin

Foto:
ZVG
Veröffentlicht:
Freitag 07.10.2011, 11:59 Uhr

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