Veit Heinichen:
«Triest ist meine Liebe»

Persönlich. Veit Heinichen beschreibt in seinen Krimis rund um Commissario Laurenti die Stadt Triest und erschliesst sie so deutschsprachigen Lesern.

Coopzeitung: Wie hat es Sie nach Triest verschlagen?

Veit Heinichen: Das war vor 31 Jahren. Getrieben von einer grossen Neugier auf eine Stadt, deren Namen man in der ganzen Welt kennt, die aber auch eine der wenigen Weltliteratur-Hauptstädte ist. Ich wusste damals natürlich nicht, dass sich daraus dieses Schicksal ergibt.

Sie sind viel gereist?
Ich habe zwölf Umzüge in vier europäischen Ländern hinter mir. Ich komme aus der Ökonomie, der Autoindustrie, habe später in die Verlegerei gewechselt. Triest ist der Ort, mit dem ich am längsten verbunden bin.

Sie waren aber zunächst als Tourist hier in Triest?
Ja, und bin nach drei Tagen wieder gegangen. Ich hatte nichts verstanden. Aber irgendetwas hat mich fasziniert, deshalb bin ich wieder zurückgekommen. Ich lernte Freunde kennen und kam immer wieder her. Anfang der 90er-Jahre wurde ich zum Pendler. Bis ich dann die Entscheidung getroffen habe, nur noch hier zu leben.

Warum schreiben Sie Kriminalromane?
In einer Welt, in der die internationale Verflechtung von Politik, Wirtschaft und organisierter Kriminalität immer dichter wird, kann man eigentlich am besten in der Form desRoman noirwiedergeben, denn er stützt sich auf die Neurosen einer Epoche und er ist ein ideales Transportmittel, um die Dinge zu erzählen, die ich aufgrund jahrelanger Recherchen aufgespürt habe.

Haben Sie literarische Vorbilder?
Ich glaube, ich decke ein eigenes Spektrum innerhalb des Genres ab: Es sind einerseits die historischen und politischen Zusammenhänge, andererseits die Wirtschaftsgeschichten und die kulinarischen Seiten. Und ich fühle mich dem Leser verpflichtet, dass er sich auf meine Bücher, auf die Inhalte, verlassen kann, sowohl was das kriminologische betrifft, als auch den Verbrechenshintergrund, die sozialen, historischen und wirtschaftlichen Kontexte, aber auch die Restaurants, die Weinproduzenten und alles drum und dran.

Warum?
Sonst hätte ich ein anderes Genre wählen und Märchen erzählen müssen. Ich glaube, wir haben alle zu wenig Zeit, als dass wir uns auf eine Literatur stützen könnten, die nur frei der Fantasie des Autors folgt – wobei die Fantasie schon auch wichtig ist, weil da der erzählerische rote Faden und die Charaktere entstehen, von denen ein Buch lebt.

Sie recherchieren ausgiebig für Ihre Bücher?
Für jedes einzelne Buch, bevor ich anfange zu schreiben, recherchiere ich sehr, sehr lange und spreche mit allen involvierten Gruppen, ob das nun Täter, Ermittler oder Opfer sind.

Auch mit den Ermittlern?
Ja. Ich bin sehr gut vernetzt, was diesen Bereich betrifft. Aber natürlich auch alles, was den kulturgeschichtlichen Background betrifft. Im Gegensatz zu den Venedig-Krimis Ihrer amerikanischen Kollegin Donna Leon werden Ihre Krimis auch auf Italienisch übersetzt. Meine Bücher sind mehrfach prämiert, in Italien allein schon dreimal, 2003 und 2004 wurde das jeweilige Buch unter die drei besten italienischen Kriminalromane des Jahres gewählt und soeben habe ich den Preis für den besten fremdsprachigen Roman 2010 erhalten.

Wie sind die Reaktionen, speziell in Triest?
Durch die Bank positiv, bis auf einige wenige, denen es nicht passt, dass ihre Machenschaften zum Thema werden.

Wie viel Veit Heinichen steckt in Ihrer Hauptfigur, dem Commissario Proteo Laurenti?
Er ist nicht mein Alter Ego. Wir haben nur wenige Dinge gemeinsam. Eines ist, dass wir beide von aussen kommen und über 30 Jahre mit diesem Raum hier verbunden sind. Wer von aussen kommt, hat immer die Freiheit, Fragen zu stellen und Beobachtungen zu machen, die der Einheimische aus Gewohnheit und wegen der Tabus nicht stellt. Proteo Laurenti ist in Süditalien geboren. Er muss Leute dingfest machen, während ich als Romancier den gesellschaftlichen Hintergrund erzählen muss, die Welt, in der wir leben. Er hat drei Kinder und er raucht nicht mehr, versucht aber verzweifelt, immer wieder damit anzufangen. Wir frequentieren aber durchaus die gleichen Restaurants und Bars. Allerdings: Wenn er reinkommt, dann gehe ich raus. Ich arbeite ja schon den ganzen Tag mit ihm, und ausserdem denkt der Kerl, dass ich all den Wein bezahle, den er trinkt, da hat er sich aber geschnitten.

Was macht Veit Heinichen, wenn er nicht grad an einem Krimi schreibt?
Dann recherchiert er grundsätzlich und ständig, dann besucht er seine Freunde, die Produzenten von Wein, Olivenöl, Käse, Honig und Kaffee in der Stadt oder auf dem Karst, manchmal findet man ihn auch in einer Besenwirtschaft. Er geht gerne im Meer schwimmen und geniesst das saubere Wasser im Golf von Triest. Und er widmet sich seinem eigenen Garten mit Gemüse. Klingt idyllisch.

Was machen Sie für das Restaurant Scabar, das von Ihrer Lebenspartnerin Ami Scabar geführt wird?
Nix. Es war schon bevor wir uns kennenlernten das berühmteste Fischrestaurant der Stadt. Das ist die Sache von Ami und ihrem Bruder. Da bin ich ein Kunde wie alle anderen und geniesse es ganz einfach. «In meinen Büchern kann sich der Leser auf alle Details verlassen.»

Veit Heinichen

Geboren: 1957 in Villingen-Schwenningen

Werdegang: Studium der Betriebswirtschaft, danach Arbeit als Buchhändler und für verschiedene Verlage. Heinichen hat den Berlin Verlag mitbegründet und von 1994 bis 1999 geleitet.

Wohnort: Heute lebt Heinichen in Triest und hat die Stadt an der Adria auch zum Schauplatz seiner Krimis gemacht.

Bücher: Bislang sechs Krimis rund um Commissario Proteo Laurenti, alle erschienen im Paul Zsolnay Verlag. Sehr empfehlenswert ist zudem ein kulinarischer Reiseführer über Triest, den er gemeinsam mit Ami Scabar geschrieben hat (Sanssouci Verlag).

Aktuell: Am 7. April erscheint der nächste Krimi der Serie: In «Eine Frage des Geschmacks» ermittelt Commissario Laurenti wieder in Triest, diesmal geht es um gefährliche Machtspiele.

Zur Homepage von Veit Heinichen

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Matthias Zehnder

Ehemaliger Chefredaktor

Foto:
Fotos: Pino Covino
Veröffentlicht:
Dienstag 15.02.2011, 08:00 Uhr

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