Mit «PostAuto» hat Susanne Ruoff in Sion einen Shuttle-Service ohne Fahrer lanciert.

Ab die Post: «Die Zeiten und unsere Kunden ändern sich»

Susanne Ruoff (59) leitet mit der Schweizerischen Post ein Unternehmen mit über 60 000 Angestellten – eine grosse Aufgabe für eine Frau mit grossem Herz.

«Wir wollen zu einer intelligenten Mobilität beitragen.»

«Wir wollen zu einer intelligenten Mobilität beitragen.»
http://www.coopzeitung.ch/Ab+die+Post_+_Die+Zeiten+und+unsere+Kunden+aendern+sich_ «Wir wollen zu einer intelligenten Mobilität beitragen.»

Reden wir übers Essen: Kochen Sie manchmal selbst?
Nein, ich koche nicht gern und ehrlich gesagt, kann ich es auch nicht wirklich. Ich esse aber sehr gerne gut.

Was ist Ihr Lieblingsessen?
Das ist Brisolée (geröstete Kastanien mit weiteren Zutaten, Anm. d. Red.). Dieses Gericht gehört hier im Wallis zu einem schönen Abend in guter Gesellschaft mit dazu.

Woran denken Sie beim Stichwort Dezember in der Küche?
An Weihnachtsguetzli. Die liebe ich. Ich denke auch an die traditionellen Grittibänzen, dieses kleine Teigmännchen mag ich sehr – und natürlich Lebkuchen.

Wir treffen uns heute Morgen in Sion VS. Sind Sie von Ihrem Zuhause in Crans-Montana aus mit dem Postauto gekommen?
Heute Morgen bin ich nicht mit dem Postauto gekommen. Normalerweise benutze ich das Postauto, die Haltestelle ist sehr nah bei unserem Haus. Aber heute musste ich mich wegen meiner Termine anders organisieren.

Sie sind Konzernleiterin der Post, welche ihren Sitz in Bern hat. Aber Sie wohnen hier im Wallis. Was verbindet Sie mit dieser Region?
Ich wohne tatsächlich schon seit über 20 Jahren mit meiner Familie hier. Als die Kinder noch klein waren, haben mein Mann und ich entschieden, unseren Lebensmittelpunkt ins Wallis zu verlegen. Es gibt hier viele Möglichkeiten, um Sport zu machen, und die Lebensqualität ist anders als in einer grossen Stadt. Ich liebe die Landschaft und die Berge, hier kann ich mich entspannen.

Seit 2012 leiten Sie mit der Schweizerischen Post ein gigantisches Unternehmen mit über 60 000 Angestellten – als erste Frau. Was war Ihr Traumberuf als Kind?
(Lacht.) Nicht Konzernleiterin der Post, das kam mir nie in den Sinn! Ich wollte auf jeden Fall etwas mit Menschen machen, in einem Team arbeiten. Das gefiel mir bereits sehr, als ich als Kind in der Pfadi war. Mein erster Beruf war Lehrerin. Nach Weiterbildung und Studium habe ich 20 Jahre lang bei IBM in einem grossen, multikulturellen Team rund um den Globus gearbeitet. Ich mag es, mit verschiedenen Kulturen zusammenzuarbeiten. Das konnte ich danach auch als CEO von BT Switzerland.

«

Die Umstellung des Poststellennetzes bleibt ein emotionales Thema.»

Schaffen Sie es, ab und zu abzuschalten und nicht an die Post zu denken?
Es ist nicht immer einfach, abzuschalten. Bewegung in der Natur hilft mir jedoch dabei, mich zu entspannen und ein Gleichgewicht zu finden. Besonders gut kann ich das bei einer Wanderung in den Bergen. Wenn man all die Gipfel der 4000er sieht, dann ändert man seine Perspektive und denkt anders als beispielsweise in einem Büro oder in einem Sortierzentrum. Ich finde es sehr wichtig, einen Blick für das Gesamtbild zu haben.

Was ist das Schönste, das Ihnen in den Sinn kommt, in den nun etwas mehr als fünf Jahren, in denen Sie die Post leiten?
Das Schönste? Das ist schwierig, weil es nicht nur etwas gibt. Aber wenn ich wählen muss, dann würde ich sagen, es ist das Engagement der Mitarbeitenden. Ich habe viele Sitzungen auf allen Stufen und ich rede auch viel mit der Basis, mit den Boten, den Schaltermitarbeitenden in den Filialen, im Sortierzentrum oder bei «PostFinance». Ihr Engagement und ihren Stolz für ihre Arbeit bei der Post zu sehen, das ist das Schönste.

Und das Schwierigste?
Das Schwierigste ist zurzeit die Umstellung des Poststel-
lennetzes. Obwohl wir kommuniziert haben, dass keine Poststelle geschlossen wird, ohne dass eine Ersatzlösung besteht, und dass wir die Anzahl der Zugangspunkte erhöhen werden, bleibt das ein emotionales Thema. Die Umstellung des Netzes ist eine Notwendigkeit, denn die Gesellschaft entwickelt sich und die Schaltergeschäfte (Briefe, Pakete, Einzahlungen) nehmen drastisch ab. Es ist nicht das Gebäude, das zählt, sondern die Leistungen. Und diese werden weiterhin garantiert, auch wenn die Form der Poststelle ändert.

Gibt es heftige Reaktionen an den Standorten, an denen Sie die Poststellen schliessen?
Die gibt es tatsächlich, aber nur sehr punktuell. Viele Leute verstehen die Änderungen gut, sie erkennen an sich selbst, dass sie weniger Briefe schreiben und die Einzahlungen elektronisch machen. Aber es sind diejenigen, die nicht einverstanden sind, die man jeweils am lautesten hört.

Die Post war lange Zeit auch eine wichtige soziale Institution. Der Pöstler klingelte, brachte die Briefe, grüsste und war manchmal eine der seltenen
Begegnungen für Menschen, die allein waren. Das hat sich verändert.
Ja, seinerzeit kam der Bote sogar zweimal am Tag. Und in der Anfangszeit der Post wurde der Gotthard mit einer Postkutsche überquert. Aber die Zeiten und unsere Kunden ändern sich und die Post muss sich anpassen. Wenn Entwicklungen sehr schnell voranschreiten, entsteht manchmal die Tendenz, sich in eine Vergangenheit zurückzuziehen, die vielleicht idealisiert wird. Aber wenn wir die Realität betrachten, dann durchlebt die Post heute einen wichtigen Wandel. Dieser ist bedingt  durch den technologischen Fortschritt und wird beschleunigt durch die abnehmenden Briefmengen, die immer weniger werdenden Besuche am Schalter und die rückläufigen Margen auf dem Logistikmarkt. Ein Beispiel: Die Briefpost nimmt ab – Millionen von Briefen wurden durch E-Mails abgelöst. Die Bevölkerung muss verstehen, dass die Post auf die Herausforderungen von heute reagieren muss, wenn sie ihre Rolle auch morgen noch erfüllen will.

Die französische Post hat einen neuen Service lanciert ...
... Bonjour facteur ...

... genau, ein Service als «Aufsicht über meine Eltern», bei dem betagte Personen regelmässig in ihrem Zuhause besucht werden. Was halten Sie davon?
Wir haben diesen Versuch bereits vor mehreren Jahren im Kanton Solothurn angeboten, aber aufgrund mangelnder Nachfrage wieder aufgehört. Die Post muss Dienst-
leistungen anbieten, die auf dem Markt, also von der Bevölkerung, auch wirklich verlangt werden. 

Sie haben Versuche mit Drohnen für die Auslieferung von Paketen gemacht. Werden Drohnen die Boten ersetzen?
Nein, nein (lacht), stellen Sie sich vor: Millionen von Paketen, die durch die Luft fliegen. Nein, niemals! Die Drohnen sind als Ergänzung für Spezialtransporte besonders auf der letzten Meile gut geeignet, etwa für Medizinprodukte. In einem Pilotversuch in Lugano TI wurden damit sehr schnell und ohne Staus durch den Stadtverkehr Blutproben zwischen zwei Spitälern transportiert.

Mit «PostAuto» haben Sie hier in Sion einen Shuttle-Service ohne Fahrer lanciert. Werden die autonomen Shuttles die legendären Postautos ersetzen und werden wir im Shuttle zum Lac de Derborence fahren können?
Wenn wir das erreichen wollen, dann müssen wir noch sehr viele Fortschritte machen. Aber das ist nicht das Ziel. Wir wollen zu einer intelligenten Mobilität beitragen. Die Idee ist nicht, die existierenden Postauto-Linien zu ersetzen, sondern die autonomen Shuttles zusätzlich auf spezifischen Strecken in der Stadt, wie hier zwischen dem Bahnhof und der Place de la Planta, einzusetzen. Weitere mögliche Einsätze sehen wir für Transporte auf einem Campus, einem Flughafen oder auf dem Gelände einer grossen Firma.

Wird der Ausdruck «ab die Post» in fünf Jahren noch Sinn ergeben?
Die Post wird sicher auch in fünf Jahren noch schnell unterwegs sein, aber vielleicht noch mehr mit Paketen als mit Briefen.

Ihre Wünsche fürs 2018?
In einer Welt im Umbruch mit sich schnell entwickelnden, neuen Technologien müssen wir die Chancen sehen, die sich aus diesen Veränderungen ergeben, anstatt uns auf die negativen Aspekte zu konzentrieren.

Immer am Puls der Zeit

Susanne Ruoff besitzt einen Master in Ökonomie, erwarb den Abschluss Client Executive an der Managementschule Insead in Frankreich und absolvierte an der Universität St. Gallen eine Weiterbildung in Corporate Governance in Executive Boards. Nach ihrer Ausbildung zur Lehrerin hat Susanne Ruoff (geboren 1958) nie aufgehört, sich weiterzubilden. Nach 20 Jahren in der Geschäftsleitung von IBM wurde sie CEO von BT Switzerland AG. Seit 2012 ist sie Konzernleiterin der Post.

Kommentare (4)

Danke für Ihren Kommentar

Enthält dieser Kommentar bedenkliche Inhalte?

Der Text wird geprüft und eventuell bearbeitet oder blockiert.

Ihr Kommentar

Bitte vergessen Sie nicht Ihren Kommmentar.

Bitte geben Sie Ihren Namen an.

Pflichtfeld
Bitte geben Sie Ihre E-Mailadresse an.










Bitte beachten Sie beim Kommentieren unsere Netiquette und gehen Sie respektvoll miteinander um.

Text:
Jean-Dominique Humbert
Foto:
Olivier Maire
Veröffentlicht:
Montag 11.12.2017, 15:57 Uhr

Neuste Artikel:

Weiterempfehlen:



Login mit Coopzeitung-Profil

schliessen
Fehlertext für Eingabe

Fehlertext für Eingabe

Passwort vergessen?