Abkratzen

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Schneider: Vor einer Woche habe ich mir beim Fussball mein linkes Knie aufgeschlagen. Alles rot, offen, blutend. Eine faszinierende Sache, wenngleich schmerzhaft. Und weil ich nur ungern irgendwelche Salben an mich heranlasse, beobachte ich nun seit Tagen, wie mein Körper sein Reparaturprogramm durchzieht. 24 Stunden am Tag sind Bau-Equipen vor Ort, um neue Haut am Knie zu bilden und die Wunde zu schliessen.

«Das ist mitreissend!», sage ich zu Schreiber. Wir sitzen unter dem Apfelbaum und ich zeige auf mein Knie: «Schau mal, hier ist die Kruste schwarz, und da hat es Stellen, wo als Zwischenstufe dunkelgelber ...»

«Hör auf!!! Mir wird schlecht!», schreit sie.

«

Zum Heilen muss Luft an die Wunde kommen.»

«Sieht aus wie Bernstein», beruhige ich sie. Famos! Ich bin beeindruckt: Mein Körper weiss genau, was zu tun ist. «Und hier habe ich die Kruste aufgekratzt. Hat zwar etwas geblutet, aber das war notwendig, damit Luft an die Wunde kommt. Ich helfe bei der Reparatur sozusagen von aussen ein wenig mit.»

Schreiber sagt: «Eklig, bitte keine Details mehr!», und wendet sich ab. Ich weiss schon, sie würde gleich zum Arzt. Mein Körper und ich aber, wir können das allein – und schon taste ich nach einer neuen Stelle, wo ich meine Wunde etwas lüften kann.

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Schneider: Schneider läuft seit einer Woche nur noch in kurzen Hosen herum und zeigt allen sein malträtiertes Knie. Ich frage mich: Sind Wunden für Männer Trophäen? Etwas, worauf sie stolz sind? Das Schlimmste aber ist: Schneider kratzt sein Knie dauernd wieder auf. Sicher wäre alles längst in Ordnung, würde er nicht reinpfuschen. Aber dank seines Gezupfes kann er noch länger sein geschundenes Mahnmal herumzeigen.

Vor allem mir.

«

Er kratzt sein Knie dauernd wieder auf.»

Dabei wird mir nur schon vom Drandenken schlecht. Doch er macht sich einen Spass daraus, mir in allen Details von den Fortschritten seiner Baustelle zu erzählen, schwärmt von weissen Blutkörperchen und tüchtigen Zellen. Aus Versehen blicke ich zu ihm und sehe rot: sein Schienbein, blutüberströmt. Mir wird übel: «Du tropfst!»

Schneider, versunken an seiner Wundkruste zupfend, blickt mich an: «Ja, habe ich auch grad gemerkt.»

«Hör auf. Das gibt Narben!»

«Gleich. Aber da ist noch eine Stelle, wo es wichtig ist, dass ich abkratze.»

«Mein Leben als Paar», Lesungen mit den Kolumnisten: 28. Juni Schönenwerd SO. Infos auf der Website von Schreiber und Schneider.

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 26.06.2017, 10:00 Uhr

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