Adrienne Jochum mit Häuschen der Gestreiften Weinbergschnecke in der Sammlung des Naturhistorischen Museums Bern. Drei bis vier Millionen Häuschen lagern hier.

Adrienne Jochum: «Als dreifache Oma zum Doktortitel»

Malakologin Bis 2007 machte die Amerikanerin eine 25 Jahre lange Babypause. Heute ist sie eine der weltweit bekanntesten Schneckenforscherinnen.

Die im Naturhistorischen Museum in Bern arbeitende Adrienne Jochum (57) gehört zum Forscher-Quartett, das 2015 erstmals die kleinsten weltweit bekannten Häuschenschnecken beschrieb. Einen halben Millimeter klein sind sie und stammen aus China.

 
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Ekelt es Sie eigentlich nie bei Ihrer Arbeit?
Nein, ich bin doch Biologin – durch und durch. Gut, Nacktschnecken sind auch nicht mein Ding; damit dürfen sich ruhig andere befassen. Ich bin ehrlich: Die Schalen, die Häuschen der Schnecken, machen einen Grossteil der Faszination meiner Forschungsobjekte aus. Wenn sie sterben, lassen sie eine Art Grabstein zurück. Das finde ich irgendwie edel.

Und Nacktschnecken sterben und werden einfach weggefressen?
Nein, nein. Kaum jemand frisst Nacktschnecken. Die sondern einen derart bitteren Schleim ab, dass niemand sie mag. Vögel bleiben weg, und Igel fressen auch nur bestimmte Arten. Erinnern Sie sich an den Harry-Potter-Film, wo Ron Weasley einen Zauber macht, der nach hinten losgeht und er dann dauernd Schnecken hochwürgen muss? Das ist die Realität. Auch bei Tieren.

Muscheln von Oma: Damit fing alles an.

Muscheln von Oma: Damit fing alles an.
Muscheln von Oma: Damit fing alles an.

Züchteten Sie als Kind unter dem Bett Häuschenschnecken?
Nein. Alles fing an mit einer Handvoll Muscheln, die mir meine Oma, die am Meer wohnte, nach Hause in die Wüste in New Mexico schickte. Sie waren das Schönste, was ich bis dahin in meinem Leben gesehen hatte – und ich ging schon in den Kindergarten. Ich holte mir Fachbücher aus der Bibliothek und verglich die Bilder mit meinen Muscheln. So habe ich lesen gelernt: mit Muschelnamen. Diese Sammlung aus Muscheln und Schneckenhäuschen, im Englischen nennt man beide «Shells», baue ich seither mit viel Leidenschaft aus.
 
Und Sie machten diese Leidenschaft auch zu Ihrem Beruf.
Ich studierte in San Diego Meeresbiologie und spezialisierte mich auf Austern. Als ich dann 1982 meinem Mann nach München folgte, passte ich mich an und wechselte zu den Landschnecken. Und dabei ist es bis heute geblieben.

Mit Unterbruch allerdings.
Tja, mein Mann wollte unbedingt Kinder, meine Leidenschaft war die Forschung. Da trafen wir eine Vereinbarung: Wir gründeten eine Familie, und wenn die Kinder gross genug sind, gehe ich zurück an die Uni. 2007 war es so weit, 2014 wechselte ich an die Uni Bern und 2015 erhielt ich, mit 56 Jahren, endlich meinen Doktortitel. Als dreifache Mutter und bald dreifache Oma. Aber das war nicht mein Hauptziel: Ich will wissenschaftliche Pionierarbeit leisten.

Ebenfalls 2015 sorgten Sie weltweit für Schlagzeilen, als Sie zusammen mit drei Kollegen die kleinsten je entdeckten Häuschenschnecken beschrieben. Sind Sie jetzt ein Star unter den Malakologen, den Weichtierforschern?
Ein Star? – Nein! Auf so eine Idee wäre ich nie gekommen. In Fachkreisen kennt man mich, das schon.

Lieblings-Comic: «Horton hears a Who!»

Lieblings-Comic: «Horton hears a Who!»
Lieblings-Comic: «Horton hears a Who!»

Sie reisen um die ganze Welt, um Schnecken in ihren Lebensräumen aufzusuchen und dann zu beschreiben. Was hat die Menschheit davon?
Viele Leute fragen mich: Kann man die essen? Die Antwort: nur sehr wenige, Weinbergschnecken zum Beispiel.

Essen Sie denn Schnecken?
In Frankreich habe ich schon mehrmals Escargots gegessen. Aber ich finde andere Lebensmittel schmackhafter.

Das ist also nicht Sinn Ihrer Forschung.
Es geht darum, die Biodiversität aufzuzeigen. Wir wollen die Natur schützen. Das können wir aber nur, wenn wir sie verstehen, wenn wir wissen, was alles zu schützen ist.

Einen direkten, praktischen Nutzen gibt es nicht?
Doch. Ich arbeite beispielsweise mit Nachfolgern des Architekten Heinz Isler zusammen, der diese bekannten, weitgespannten Dächer über Tankstellen oder Sporthallen konstruiert hat, etwa über die Raststätte Deitingen. Die gewinnen aus meinen Forschungen Erkenntnisse, wie man Zementbauten optimieren kann. Sie müssen wissen: Ein Schneckenhaus ist enorm raffiniert konstruiert.

Eben erst sind Sie wieder in die Forschung eingestiegen, und bald schon werden Sie pensioniert.
Es gibt Leute, die klettern auf Berge oder pilgern nach Santiago de Compostela. Mein Berg, mein Weg ist die Forschung. Ich habe noch Schubladen voll Schneckenhäuschen, die ich untersuchen und beschreiben will. Ich denke kaum, dass ich damit bis 64 fertig sein werde. Ich werde forschen, so lange ich kann.

Vier Daten im Leben von Adrienne Jochum

1959 Adrienne kommt als achtes von neun Kindern in Watertown, New York, zur Welt.
1977 Beginn des Studiums in Meeresbiologie in San Diego, Kalifornien. Spezialisierung auf Austern/Schnecken.
1982 Umzug nach Deutschland, Familienpause und 25 Jahre später Wiedereinstieg in die Forschung.
2015 Dissertation mit «summa cum laude» in Ökologie und Evolution.

Schnecken – eine Wissenschaft für sich

So winzig sind die von Adrienne Jochum beschriebenen Häuschenschnecken (Video in englischer Sprache):

Sind Sie bereits Schneckenexperte oder stehen Sie kurz davor? Die ausführliche, wissenschaftliche Beschreibung der neu entdeckten Schneckenarten (in englischer Sprache):

Seven new hypselostomatid species…

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Martin Zimmerli

Redaktor

Foto:
Joël Schweizer
Veröffentlicht:
Montag 28.03.2016, 15:59 Uhr

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