Nahe bei den Tieren: Bauer Alois Huber kennt all seine Schützlinge mit Namen.

Alles Bio: Knospe von A bis Z

Wo Bio draufsteht, ist nicht immer dasselbe Bio drin. Im Vergleich mit der EU gelten bei Bio Suisse besonders hohe Anforderungen.

Auch die Kälber können sich an der frischen Luft bewegen.

Auch die Kälber können sich an der frischen Luft bewegen.
http://www.coopzeitung.ch/Alles+Bio_+Knospe+von+A+bis+Z Auch die Kälber können sich an der frischen Luft bewegen.

Bio – was steckt eigentlich hinter den drei Buchstaben? Mitunter komplizierte Richtlinien, die für den Konsumenten nur schwer verständlich sind. Wichtige Schlagworte sind der Verzicht auf Pestizide und der Schutz der Böden – zwei Aspekte, die auch für die Zukunft unserer Ernährung und unseres Planeten von zentraler Bedeutung sind. Doch Bio ist nicht gleich Bio. Verschiedene Länder verfolgen unterschiedliche Standards und sogar innerhalb der Schweiz sind die Anforderungen von privaten Verbänden wie Bio Suisse mit der Knospe deutlich anspruchsvoller als es die Schweizer Bio-Verordnung vorsieht. In der Schweiz werden über 6000 landwirtschaftliche Betriebe nach den Richtlinien des seit 1981 bestehenden Verbandes Bio Suisse bewirtschaftet. Mehr als 850 Lebensmittelunternehmen produzieren und verarbeiten Knospe-Produkte, etwa für Naturaplan, die Bio-Marke von Coop. Doch welche Unterschiede gibt es zu den gesetzlichen Richtlinien sowie jenen der Europäischen Union? Wir zeigen die Unterschiede anhand des Coop-Naturaplan-Erdbeerjogurts.

Engagierter Landwirt

«

Für mich ist Bio eine Lebensphilosophie.»

Alois Huber (53), Bio-Bauer

Unsere Suche nach Antworten führt zunächst nach Möriken-Wildegg AG. Am Fusse des Schlosses Wildegg hegt und pflegt Alois Huber (53) rund 70 Milchkühe, die pro Jahr um die 450 000 Liter Bio-Knospe-Milch geben. Drei Viertel davon gehen an Emmi. Er begrüsst uns herzlich, obwohl er bereits seit dem morgendlichen Melken um 5 Uhr auf den Beinen ist. Um 17 Uhr steht das nächste Melken an. «Es ist sehr wichtig, die Kühe alle zwölf Stunden zu melken, um zu verhindern, dass sich die Euter übermässig füllen.» Denn dies würde bei den Kühen zu Stress führen. Und da Stress ein Krankheitsfaktor ist, sollte er unbedingt vermieden werden. Nach den Richtlinien von Bio Suisse ist in einem mit der grünen Knospe zertifizierten Bio-Betrieb der Einsatz von Antibiotika, ausser in tierärztlich bestätigten Notfällen, unzulässig. «Daher ist natürliche Prävention bei uns an der Tagesordnung. Dies fängt bereits beim Futter an, das sich aus Gras, Heu, Mais und Rüben zusammensetzt, und von unseren Feldern stammt.» Bei der Knospe muss der Anteil Raufutter – die natürliche Nahrung der Wiederkäuer – mindestens 90 Prozent betragen. «Kraftfutter hingegen, das zu einer Steigerung der Milchleistung führt, darf bei uns nur wenig eingesetzt werden.» Bereits hier gibt es einen deutlichen Unterschied zu den Anforderungen unserer europäischen Nachbarn. Dort muss der Raufutteranteil 60 Prozent betragen.

Alle zwölf Stunden werden die Kühe gemolken.

Alle zwölf Stunden werden die Kühe gemolken.
http://www.coopzeitung.ch/Alles+Bio_+Knospe+von+A+bis+Z Alle zwölf Stunden werden die Kühe gemolken.

Ein wichtiges Wort für die mit der grünen Knospe ausgezeichneten Höfe lautet: «Gesamtbetrieblichkeit». Demnach müssen die Bio-Richtlinien vom gesamten Betrieb (Ackerbau, Viehzucht, Dauerkulturen etc.) und nicht nur von einzelnen Bereichen erfüllt werden. Auch hier besteht ein beträchtlicher Unterschied zu unseren Nachbarn, bei denen die partielle Bio-Bewirtschaftung zulässig ist. Ausserdem werden in der EU weniger Anforderungen an Fruchtfolge und Biodiversität gestellt. Anders als bei uns fordert die EU von landwirtschaftlichen Betrieben etwa keine Ökoausgleichsfläche. In Bio-Suisse-Bauernhöfen müssen mindestens 7 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche Ökoausgleichsfläche sein.

Bio als Lebensphilosophie

Doch wie steht ein Schweizer Bio-Betrieb bei all diesen Auflagen eigentlich finanziell da? «Gut, wenn die Milchqualität einen echten Mehrwert bietet», sagt Alois Huber. «Natürlich geben meine Kühe weniger Milch als jene in einem herkömmlichen Betrieb.» Er bräuchte 50 Prozent mehr Kühe, um jährlich die gleiche Menge Bio-Milch herzustellen wie ein Nicht-Bio-Betrieb, rechnet Huber vor. Und dazu wäre eine ganz andere Infrastruktur nötig. «Aber wenn man Bio-Produkte herstellt, muss man voll und ganz dahinterstehen. Es ist eine Lebensphilosophie, die sich nicht in Geld bemessen lässt.» Ausserdem ist er davon überzeugt, dass die biologische Landwirtschaft, angefangen bei den geringeren Tierarztkosten, langfristig viele Vorteile bringt. «Meine Kühe sind nur sehr selten krank, weil sie artgerecht gefüttert werden, sie können sich frei bewegen, fressen und schlafen, wann sie wollen, und sie werden regelmässig gemolken.» Eine seiner Kühe wurde übrigens ganze 19 Jahre alt.

Kostbare Milch

Fürs Grundprodukt für unser Erdbeerjogurt ist nun also gesorgt. Alle zwei Tage kommt im Milchbetrieb von Alois Huber ein Emmi-Lkw vorbei. Von den 2000 Milchbauern, die das Schweizer Unternehmen direkt beliefern, sind rund 60 mit der Bio-Knospe ausgezeichnet. Zählt man die Lieferungen über die Produzentenorganisationen hinzu, sind es etwa zehn Mal mehr. Emmi ist mit etwa 10 000 Tonnen pro Jahr der grösste Schweizer Bio-Jogurt-Hersteller – etwa 80 Prozent der Jogurts stehen später unter dem Label Naturaplan in den Coop-Regalen. «Bevor die Tanks der Lkws befüllt werden, werden Tests durchgeführt, unter anderem, um Antibiotikarückstände auszuschliessen», erklärt Thomas Arnold (38), Betriebsleiter in Emmen LU. «Für die Verarbeitung von Bio-Milch gelten strenge Auflagen, daher darf sie keinesfalls mit konventioneller Milch in Berührung kommen.» Ein weiterer wichtiger Aspekt: der Preis pro Liter Milch. 2015 zahlte Emmi einen Durchschnittspreis von 57 Rappen pro Liter herkömmlicher Milch – 81 Rappen waren es bei der Bio-Knospe-Milch.

Auch keine «natürlichen» Aromen

Weiter gehts mit den Erdbeeren. Da es in der Schweiz zu wenig Bio-Erdbeeren gibt, kommen solche aus dem europäischen Ausland zum Einsatz. «Sie werden direkt nach der Ernte tiefgefroren und mit dem Zug oder Lkw zu uns transportiert, damit es zu keinen Qualitätseinbussen kommt», erklärt Thomas Arnold. «Dies ist äusserst wichtig, denn für unsere Naturaplan-Jogurts setzen wir weder Farbstoffe noch natürliche Aromen ein. Auch Randensaft zum Färben – bei konventionellen Produkten durchaus üblich – kommt für uns nicht infrage.» Dafür enthält ein Bio-Jogurt 10 Prozent mehr Früchte als ein klassisches Jogurt. Anders ist es bei den Bio-Richtlinien der EU. Dort ist der Einsatz natürlicher Aromen zulässig. Ein europäisches Bio-Erdbeerjogurt kann also mit Stoffen aromatisiert sein, die mit Erdbeeren nichts zu tun haben. Denn natürliches Aroma bedeutet lediglich, dass es sich um kein chemisches oder künstliches Aroma handelt. Es stammt aber nicht unbedingt von der Frucht, nach der das Produkt benannt ist.

Erdbeeren aus dem In- und Ausland

So weit, so klar. Doch weshalb kommen die Erdbeeren und der Zucker für ein Knospe-zertifiziertes Jogurt aus dem Ausland? «Die Produktion von Bio-Erdbeeren in der Schweiz reicht nicht aus, um den Bedarf zu decken», erklärt Christian Waffenschmidt, Projektleiter von Coop Naturaplan. «Dies betrifft sowohl die Nachfrage an frischen Erdbeeren als auch den Bedarf an Erdbeeren für verarbeitete Produkte.» Eine Situation, die sich langsam ändert, da die zum Anbau von Bio-Erdbeeren genutzte Fläche in der Schweiz in den letzten fünf Jahren um 35 Prozent gestiegen ist. Dies auch dank eines Förderprojekts des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL), das von Coop finanziert wurde. «Entsprechend den Anforderungen von Bio Suisse erfüllen aber auch die Bio-Erdbeeren aus Polen oder der Türkei, die für die Naturaplan-Produkte verwendet werden, dieselben Vorgaben wie in der Schweiz angebaute Erdbeeren. Dasselbe gilt für Zucker, der – auch wenn er aus Südamerika stammt – dieselben Bio-Kriterien erfüllt.» Der beste Beweis, dass die Verbraucher den Richtlinien von Bio Suisse vertrauen? Innerhalb von 10 Jahren ist der Anteil von Bio-Knospe-Jogurts, die am Standort von Emmi in Emmen produziert werden, von 10 auf 25 Prozent gestiegen.

 

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Text:
Sophie Dürrenmatt
Foto:
zVg
Veröffentlicht:
Montag 23.05.2016, 00:00 Uhr

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