Silvia Aeschbach, Buchautorin und Journalistin

Alte Geschichten aufwärmen

Ein gemeinsames Nachtessen mit Freunden nahm plötzlich eine gefährliche Wendung. Die Stimmung war heiter, die Wangen vom Wein leicht gerötet.

Da begann der männliche Teil eines Pärchens, das bald seinen 25. Hochzeitstag feiern kann, eine Geschichte zu erzählen, die offensichtlich schon weit in der Vergangenheit lag. Es ging um eine verpasste Zugfahrt, schlechtes Wetter, ein liegen gebliebenes Auto und eine Liebeserklärung im Regen.

Kaum hatte er geendet, fuhr ihm seine Partnerin in die Parade und bemerkte ziemlich scharf: «Was erzählst du da? Das war doch ganz anders!» Und sie begann, ihre Version der Geschichte zu erzählen. Weitere fünf Minuten später war aus der gemeinsamen Rückschau ein fast gehässiges Geplänkel geworden, in dem beide zunehmend rechthaberischer auf ihrer Fassung der Geschichte bestanden.

Es hätte nicht viel gebraucht, und das Wortgefecht wäre in einen währschaften Streit ausgeartet. Zum Glück erzählte eine andere Freundin eine lustige Geschichte aus ihrem Leben, in der sie aufzeigte, wie gewisse Ereignisse im Gedächtnis völlig unterschiedlich abgespeichert werden. Und überhaupt, wer kann 20 Jahre nach einer Erfahrung noch sagen, wie sich die Dinge genau abgespielt haben? Und wen, ausser die beiden Protagonisten, interessiert das überhaupt?

Apropos Interesse: Wie halten Sie es eigentlich, wenn Ihr Partner oder Ihre Partnerin zum x-ten Mal eine Geschichte aus seiner oder ihrer Vergangenheit erzählt? Eine Geschichte, die Sie notabene schon einige Male gehört haben? Heucheln Sie Interesse, stellen Sie Ihre Ohren auf Durchzug, oder können Sie es nicht lassen und machen eine giftige Bemerkung?

Vor Jahren dachte ich noch, dies sei ein Problem sehr alter Paare, aber in letzter Zeit beobachte ich dieses Phänomen auch in meiner Beziehung, und in jener mit meinen langjährigen Freundinnen: Wir wiederholen uns. Und unser Gegenüber müsste gar nicht weitererzählen, das könnten wir gleich selber übernehmen. Und diese Situation ist natürlich keine Einbahnstrasse, auch ich liebe es, gewisse Erlebnisse immer wieder Revue passieren zu lassen.

Alte Geschichten oder Erlebnisse in Erinnerung zu rufen – egal, ob man sie als Paar, mit Freunden oder der Familie teilt – kann durchaus wohltuend sein und einem das Gefühl von Geborgenheit geben. Auf diese Weise sind auch Verstorbene plötzlich wieder ganz nah, und wir fühlen uns «ganz».

Trotzdem dürfen wir nicht vergessen: Es ist wichtig, immer neue Geschichten gemeinsam zu erleben. Denn diese bieten nicht nur Stoff, um sie in vielen Jahren nachzuerzählen, sondern sie geben unseren Beziehungen auch den nötigen Kitt, damit diese, auch nach Jahren, spannend und überraschend bleiben.

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Text:
Silvia Aeschbach
Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 12.03.2018, 09:27 Uhr

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