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Altkleider - Aus den Augen, und dann?

Jedes Jahr landen Dutzende Tonnen Altkleider und Schuhe in den Sammelcontainern. Aber was passiert dann eigentlich damit? Ein Blick hinter die Kulissen.

Das rote Shirt, Pyjamas, Tops und Tücher: Der Altkleidersack der Redaktion wird gefüllt.

Das rote Shirt, Pyjamas, Tops und Tücher: Der Altkleidersack der Redaktion wird gefüllt.
http://www.coopzeitung.ch/Altkleider Das rote Shirt, Pyjamas, Tops und Tücher: Der Altkleidersack der Redaktion wird gefüllt.

Fast drei Tonnen. Pro Tag! So viel wiegen die Altkleider, die Ferdi Korucu, Mitarbeiter der Tell-Tex GmbH, allein in den beiden Basler Halbkantonen einsammelt. Das zweitgrösste Unternehmen der Schweiz im Bereich Alttextilien arbeitet mit 14 gemeinnützigen Organisationen zusammen. Eine davon ist die Coop Patenschaft für Berggebiete.
«Die Basler werfen im Gesamtschweizer Vergleich am meisten Kleider weg», weiss Ferdi Korucu aus Erfahrung. Wir treffen ihn im März an einem Donnerstagmorgen vor einem der über 500 Kleidercontainer der Coop Patenschaft, die landesweit zur Unterstützung der Bergbauern aufgestellt wurden. Um das Altkleidersystem besser zu verstehen, wirft auch unsere Redaktion einen Sack in den Container. Darin befinden sich unter anderem ein neues rotes Poloshirt, ein getragenes Badekleid, mehrere Pyjamas aus Baumwolle (davon eines mit einem kleinen Fleck), bunte Halstücher sowie Oberteile für den Sommer. 

Nachdem Ferdi Korucu den Container geleert hat, transportiert er die Säcke mit seinem Wagen nach Safenwil (AG) ins Sortierungszentrum der Tell-Tex GmbH.

Nachdem Ferdi Korucu den Container geleert hat, transportiert er die Säcke mit seinem Wagen nach Safenwil (AG) ins Sortierungszentrum der Tell-Tex GmbH.
http://www.coopzeitung.ch/Altkleider Nachdem Ferdi Korucu den Container geleert hat, transportiert er die Säcke mit seinem Wagen nach Safenwil (AG) ins Sortierungszentrum der Tell-Tex GmbH.

Ferdi Korucu öffnet den Container, um uns den Inhalt zu zeigen: etwa ein Dutzend prall gefüllte Säcke mit Altkleidung, unverpacktem Spielzeug und etwas Abfall. Der Fahrer entnimmt nur die Alttextilien, während der Rest in einen Plastiksack wandert, der anschliessend getrennt entsorgt wird.
Der 38-Jährige zählt die Säcke und trägt sie in seinen Lieferwagen. Die Säcke erleichtern ihm nicht nur die Arbeit, sondern dienen auch zur Bestimmung der eingesammelten Menge: «Ein Sack entspricht etwa vier bis fünf Kilo», erklärt er. Nach jeder Containerleerung übermittelt der Mitarbeiter die Anzahl der Säcke und die Nummer des Containers mittels GPS an die Zentrale.

«

Der Grossteil der gesammelten Kleider geht ins Ausland.»

Roland Tegtmeyer, Sprecher von Tell-Tex

Der lange Kleiderweg  

Irmin Brdarevic, zuständig für die Sortierung, nimmt die Ware entgegen.

Irmin Brdarevic, zuständig für die Sortierung, nimmt die Ware entgegen.
http://www.coopzeitung.ch/Altkleider Irmin Brdarevic, zuständig für die Sortierung, nimmt die Ware entgegen.

Nach der täglichen Runde mit etwa 50 Leerungen wird der Containerinhalt ins aargauische Safenwil gebracht, wo sich der Sitz der Tell-Tex befindet. Hier prüft Irmin Brdarevic, Leiter des Sortierbereichs, den Inhalt der Säcke mit seinem Team aus 12 Mitarbeitenden, zu dem auch Behinderte gehören. Pro Tag werden hier bis zu vier Tonnen abgefertigt, wie uns Irmin Brdarevic erzählt. Aus der über ein Fliessband laufenden Ware werden zunächst schmutzige Kleidung sowie Nicht-Textilien wie Schrott und Elektrogeräte, die mit in den Containern landen, zur anschliessenden Entsorgung aussortiert. Helme, Rollschuhe und andere Kleidungsstücke, die nicht aus Stoff gemacht sind, gehen hingegen an Flohmärkte oder Waisenhäuser. 

Bei Tell-Tex arbeiten auch Menschen mit Handicap: Markus und Stefan öffnen die Säcke, da ist wieder das rote Shirt der Redaktion.

Bei Tell-Tex arbeiten auch Menschen mit Handicap: Markus und Stefan öffnen die Säcke, da ist wieder das rote Shirt der Redaktion.
http://www.coopzeitung.ch/Altkleider Bei Tell-Tex arbeiten auch Menschen mit Handicap: Markus und Stefan öffnen die Säcke, da ist wieder das rote Shirt der Redaktion.

In dieser Phase wird auch Kleidung für Bauernfamilien entnommen, die durch die Coop Patenschaft für Berggebiete oder die Schweizer Berghilfe unterstützt werden. In einem mehr als hundert Quadratmeter grossen Lager werden geeignete Kleidungsstücke nach Art und Grösse sortiert: von Unterwäsche über Schuhe hin zu Bettwäsche und Handtüchern ist das Angebot für Frauen, Männer und Kinder gross. Auch das neue Poloshirt aus unserem Sack wird hier aussortiert. Bei der Auswahl, so erklären uns die Angestellten, zählt nicht nur die Qualität, sondern auch die Höhe der Nachfrage und der Bedarf an bestimmten Teilen. Von den vielen Tonnen an gesammelten Altkleidern werden für die Bauern und Bergfamilien nur die besten und wirklich nützlichen Stücke genommen. 

Die Kleider werden sortiert, auch das rote Poloshirt. Es kommt zu den Kleidern für die Coop Patenschaft für Berggebiete.

Die Kleider werden sortiert, auch das rote Poloshirt. Es kommt zu den Kleidern für die Coop Patenschaft für Berggebiete.
http://www.coopzeitung.ch/Altkleider Die Kleider werden sortiert, auch das rote Poloshirt. Es kommt zu den Kleidern für die Coop Patenschaft für Berggebiete.

Über ein Formular auf der Website der Coop Patenschaft für Berggebiete können diese ihren Bedarf anmelden. Der Service ist einschliesslich Versand vollständig kostenlos. Um Missbrauch zu verhindern, wurden entsprechende Kontrollen eingerichtet: Nur Bergbauern sowie Familien in den Schweizer Berggebieten haben Anspruch, wenn sie finanziell eng durchmüssen. Und diese Berggebiete sind vom Bund klar festgelegt. In einem Jahr wurden über dieses System rund drei Tonnen Kleidung gespendet. «Zu den gefragtesten Stücken zählen Rollkragenpullover, Arbeitshosen, sportliche Damenjacken und Winterkleider für Kinder», sagt Katharina Migliorisi, Leiterin Päcklilager. «Babykleidung ist hingegen am wenigsten gefragt.» In einem Regal des Lagers liegt ausschliesslich Spielzeug, das persönlich in Safenwil abgegeben wurde. Pakete für Familien mit Kindern werden automatisch mit einem der Spielzeuge bestückt.

Katharina Migliorisi holt es aus dem Lager... 


Katharina Migliorisi holt es aus dem Lager... 

http://www.coopzeitung.ch/Altkleider Katharina Migliorisi holt es aus dem Lager... 


Spenden für die Berggebiete  

Von den Kleidungsstücken aus unserem Sack werden neun von zehn im Ausland verkauft. «Der Grossteil der gesammelten Kleider geht ins Ausland. Belgien, Italien und die östlichen Länder sind die Hauptmärkte. Unsere Kunden sind hauptsächlich Firmen, die den Selektionsprozess der Ware fortsetzen und diese anschliessend weiterverkaufen», so Roland Tegtmeyer, Sprecher der Tell-Tex. Etwa 90 bis 95 Prozent der gesammelten Kleidung werden vom Aargauer Unternehmen weiterverkauft. 65 Prozent davon sind Secondhand-Kleidungsstücke und Schuhe, etwa 20 Prozent werden zu Putzlappen und 10 Prozent zu Rohmaterial verarbeitet, das für Isolierungszwecke oder Industrieanwendungen gebraucht wird, etwa für das Interieur und als Dämmstoffe von Fahrzeugen. 

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Gefragt sind Arbeitshosen, Damenjacken und Kleider für Kinder.»

Katharina Migliorisi, Leiterin Päcklilager Tell-Tex in Safenwil

Der Rest, nicht brauchbarer Abfall, wird korrekt entsorgt. Unabhängig von den erzielten Erlösen erhält jede karitative Organisation, die mit Tell-Tex zusammenarbeitet, für jedes Kilo gesammelte Originalware einen festen Satz. Die Coop Patenschaft für Berggebiete zum Beispiel 20 Rappen, wie Roland Tegtmeyer verrät. 

...und schickte die Spende weiter an Bauern und Bergfamilien.

...und schickte die Spende weiter an Bauern und Bergfamilien.
http://www.coopzeitung.ch/Altkleider ...und schickte die Spende weiter an Bauern und Bergfamilien.

2015 sammelte das Aargauer Unternehmen insgesamt rund 16 800 Tonnen Altkleider ein, davon etwa drei Tonnen aus den Containern der Coop Patenschaft. Vom Gesamterlös gingen 2,8 Millionen Franken an gemeinnützige Zwecke. Die Coop Patenschaft für Berggebiete erhielt 597 000 Franken (rund 160 000 Franken mehr als 2014). Béatrice Rohr, Geschäftsleiterin der Coop Patenschaft, erklärt, dass die Spenden voll und ganz den Bauern zugutekommen: «Seit Coop unsere Verwaltungs- und Personalkosten übernimmt, fliesst jeder Franken ohne Abzug in Selbsthilfe-Projekte im Schweizer Berggebiet.» Das heisst konkret: Die eingenommenen Gelder werden für Alp-, Stall- oder Haussanierungen, die Sicherstellung von Strom- und Wasserversorgung und Erschliessungen verwendet. 
S. S. (Name der Redaktion bekannt) hat zwei Kinder und lebt in Klosters. Seit zwei Jahren nimmt sie die Möglichkeit der Kleiderspende für sich und ihre Familie in Anspruch. «Anfangs musste ich meinen Stolz überwinden. Mittlerweile habe ich das Angebot mehreren Freundinnen in der gleichen Situation empfohlen. Bei insgesamt vier Bestellungen war nur ein Teil dabei, das wir nicht brauchten. Ich war wirklich überrascht: Nie hätte ich gedacht, dass wir auch fast neue Sachen bekommen. Für die Hilfe bin ich sehr dankbar.»

Kleider werden aus verschiedenen Gründen gespendet. In der Schweiz kümmern sich zwei Firmen um Altkleider.

In der Schweiz werden laut Bundesamt für Umwelt BAFU pro Jahr und Kopf durchschnittlich sechs Kilo Altkleider weggeworfen. Doch warum sollte man ausgediente Kleidung stattdessen in die Altkleidersammlung geben? «Damit ich mehr Platz im Kleiderschrank habe», «Wegwerfen wäre Verschwendung und man bezahlt auch noch», «Ich wollte die Kleider loswerden und unterstütze damit auch noch eine gute Sache», «Weil der Container gleich um die Ecke steht», «Um Menschen zu helfen» – dies sind nur einige der Gründe, die Passanten nennen. Die einen entscheiden sich für den Sammelcontainer, damit ihnen für die Entsorgung keine Kosten entstehen (insbesondere in Orten, in denen eine Sackgebühr erhoben wird), andere hingegen wählen die Altkleiderspende, da sie glauben, dass alles wieder getragen wird. «Deshalb ist es auch so wichtig, transparent und offen zu kommunizieren, was mit den gespendeten Kleidern passiert», so Béatrice Rohr, die Geschäftsleiterin der Coop Patenschaft für Berggebiete.
Für die Schweizer Behörden zählen Altkleider zu den wiederverwertbaren Abfällen. In der Schweiz, im öffentlichen Raum, werden Altkleider von zwei Unternehmen eingesammelt: Laut BAFU entfallen rund 65 Prozent des Marktanteils auf die Texaid-Gruppe (einschliesslich Contex), der Rest auf die Tex-Tell GmbH. Beide Firmen verwenden dieselben Methoden zum Sammeln, Sortieren und Verkaufen von Altkleidern.

Transparenz ist Pflicht  

Zum Einsammeln der Ware müssen die Organisationen eine Genehmigung bei den Gemeinden einholen. Die Koordinationsstelle für Textilsammlungen beantragt eine solche Genehmigung und erstellt anschliessend einen Plan zum Einsammeln der Ware. Für die Abfall-Kategorie, zu der Altkleider gehören, ist keine Exportgenehmigung des BAFU erforderlich. Laut BAFU sind zudem keine Qualitätssiegel für Firmen vorgesehen, welche die Ware abholen. Gemeinnützige Organisationen wie die Coop Patenschaft für Berggebiete müssen daher selber sicherstellen, dass sich die Firmen, mit denen sie zusammenarbeiten, zu Transparenz und Offenheit verpflichten, insbesondere wenn sie Träger eines Siegels wie des Zewo-Gütesiegels sind.  

Text:
Giorgia von Niederhäusern
Foto:
Pino Covino
Veröffentlicht:
Donnerstag 14.04.2016, 16:00 Uhr

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