Peter Maffay beim Interview im Hotel Atlantis by Giardino in Zürich: «Wir alten Rocker werden weniger.»

Altrocker: «Euphorie garantiert keinen Erfolg»

Peter Maffay (68) reitet auf der Erfolgswelle. Das war nicht immer so: An einem Konzert wurde er mit Eiern beworfen.

Schlager, Rock und Tabaluga

«Die Lebensform als Musiker, nämlich ständig auf Achse zu sein, sagt mir zu.»

«Die Lebensform als Musiker, nämlich ständig auf Achse zu sein, sagt mir zu.»
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Peter Maffay, 1949 in Braşov in Rumänien geboren und mit 14 nach Deutschland ausgewandert, feierte 1970 mit «Du» seinen ersten Hit. Seitdem ist er gross im Geschäft, erst als Schlagersäger, seit Ende der Siebzigerjahre als Deutschrocker. Maffay ist aber auch neben der Musik erfolgreich: Er ist Miterfinder der sehr populären Märchen- und Zeichentrickfigur Tabaluga.

  

Peter Maffay, Sie haben es mit Ihrem neusten Album «MTV Unplugged» zum 18. Mal auf Platz 1 der Charts geschafft. Was Sie veröffentlichen, wird zum Selbstläufer.
Das täuscht gewaltig. Wir haben eine enorm veränderte Landschaft im Musikbereich. Es gibt neue Plattformen und neue Künstler. Wir alten Rocker werden weniger, gleichzeitig zieht das Tempo an. Wenn man da mithalten will, muss man etwas dafür tun. Das ist bei uns der Fall. Der Erfolg kommt nicht von selbst.

Wer hat das erste nichtenglischsprachige «MTV Unplugged»-Album veröffentlicht?
Das muss Herbert Grönemeyer gewesen sein.

Genau, 1994. Warum hat das bei Ihnen so lange gedauert?
Ich hatte andere Projekte und war voll ausgelastet. Wir planen sehr langfristig. Ich weiss schon heute, was in zwei Jahren auf dem Programm stehen wird. 2019 stehe ich dann seit 50 Jahren auf der Bühne, ein kleines Jubiläum.

Ein kleines Jubiläum? Sie geben sich sehr bescheiden! Hängt das vielleicht damit zusammen, dass Sie in den fünf Jahrzehnten auch schon tief unten durch mussten?
Was meinen Sie genau?

Ich spreche von Ihren Auftritten als Vorgruppe der Rolling Stones Anfang der 80er-Jahre. Das Publikum hatte wenig Freude an Ihnen und bewarf Sie mit Eiern.
Noch viel schlimmer waren die vollen Colabüchsen, die da geflogen kamen. Es war ein klares Statement eines Teils des Publikums: Der Maffay hat hier nix verloren. Das war für mich in jenem Moment sehr verletzend, erwies sich aber im Nachhinein als wirkungsvolle Lehre.

Was haben Sie gelernt?
Dass Euphorie noch keinen Erfolg garantiert. Und dass man sich nicht blauäugig in eine neue Situation hineinbegeben soll. Ich hatte bis dahin noch nie vor so vielen Zuschauern gespielt – schon gar nicht im Vorprogramm einer Gigantengruppe, für die die Menschen von weit her kamen. Die wollten nicht Peter Maffay sehen, sondern die Stones. Das erste Konzert war in Hannover. Wir fingen bei über 30 Grad an, Balladen zu spielen. Das war total falsch, sodass es eskalierte.

Fühlten Sie sich verkannt, weil man Sie nur mit Schlager in Verbindung brachte?
Ja klar. Ende der Siebzigerjahre begannen wir uns von diesem Genre zu verabschieden. Das Album «Steppenwolf» schaffte es gleich auf Platz 1. Aber diese Metamorphose brauchte ihre Zeit, für uns selber und erst recht für viele Musikfans. Die Stones-Konzerte kamen zu früh.

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Ein Teil des Publikums fand: Der Maffay hat hier nix verloren.»

Haben die Stones die Proteste mitgekriegt?
Ja, aber es war nicht so, dass Mick Jagger mir tröstend übers Haar streichelte. Die waren selber überrascht, weil sie unsere Erfolge kannten. Deshalb hatten sie mich ja ausgewählt. Diese Differenzierung, aber auch Polarisierung zwischen Schlager und Rock gibt es im angloamerikanischen Musikgeschehen in dieser Form nicht. Später spielten wir erfolgreich im Vorprogramm von Michael Jackson oder von Prince.

Sie sagen von sich selber, Sie seien ein Getriebener …
… nein, das hat mir ein Journalist in den Mund gelegt. Auch wenn es teilweise stimmen mag. Meine Neugierde ist unerschöpflich. Und es hängt damit zusammen, dass Musik in meinem Leben eine zentrale Rolle spielt. Ich fing mit 14 an und wusste sofort, dass ich das als Beruf ausüben möchte. Die Lebensform als Musiker, nämlich ständig auf Achse zu sein, sagt mir zu. Ich kann mir keinen anderen Beruf vorstellen, der mir so viel Spass macht. Ich habe zwar ein paar sehr attraktive Nebenbeschäftigungen wie beispielsweise die Landwirtschaft. Aber mein Hauptding ist und bleibt die Musik.

Wir sprachen über das «MTV Unplugged»-Album. Wie leicht fiel die Auswahl der Songs?
Die wählte ich mit meinen Bandmitgliedern aus. Wir hörten alle Lieder seit unserem Beginn vor fast 50 Jahren durch, dann wählte jeder seine Favoriten aus. Es versteht sich von selbst, dass ein paar Lieder zwingend auf das Album drauf gehörten …

… etwa der Song «Über sieben Brücken musst Du gehn».
Genau. Die Fans erwarten, dass der Song auf solch einem Album drauf ist. Er ist ein Zeitdokument und erinnert uns an die ehemalige DDR. Wir spielten dort 1986 und waren der dritte Versuchsballon nach Udo Lindenberg und Wolfgang Niedecken mit BAP. Udo eckte mit seiner berechtigten Kritik an der Aufrüstung an. Wolfgang reiste mit seiner Band an, wurde aber wieder ausgeladen. Dann versuchte man es mit uns. Was dann auch klappte.

Was löst ein Song wie «Über sieben Brücken musst Du gehn» nach mehreren Tausend Mal noch in Ihnen aus?
Jemand, der die deutsche Spaltung nicht miterlebte, betrachtet diesen Song anders als jemand, der mittendrin war. Entstanden ist die Metapher mit den sieben Brücken, weil man sich in einer kommunistischen Diktatur nicht anders ausdrücken konnte. Sie durften ja schlecht erzählen: Hauen Sie über die Mauer ab! Also wählte man diese Metapher. Für viele war das ein Hoffnungslied und eine Hymne. Ich bin oft im Osten, kürzlich war ich in Leipzig. Da kriege ich die Stimmungen mit. Die Wiedervereinigung hat zwar vor Langem stattgefunden, ist aber in manchen Köpfen noch nicht vollzogen worden. Da ist reichlich Nostalgie im Spiel, zum Teil auch unangebrachte Nostalgie.

Jetzt werden Sie politisch. Wie erklären Sie sich den Erfolg der AfD?
Wir erleben eine Völkerwanderung von noch nie gesehenem Ausmass. Deshalb wäre es wichtig gewesen, dass die grossen Parteien klar artikuliert hätten, mit welchen Belastungen die Gesellschaft konfrontiert wird, wenn so viele Menschen nach Deutschland kommen. Vor allem aber hätten sie aufzeigen müssen, wie man so etwas verkraftet. Und nicht zuletzt, wie man Integration betreiben muss, damit Menschen aus anderen Kulturkreisen hier Fuss fassen können. Das aber wurde zu wenig getan und so wandten sich viele, die sich mit ihren Ängsten nicht ernst genommen fühlten, einer Partei zu, die für schwierige Situationen leichte Lösungen anbietet. Sie taten es im vollen Bewusstsein, dass in dieser Partei rechtsextreme Kräfte dabei sind, die sich in Deutschland ganz sicher nicht ausbreiten sollen. Umso mehr müssten die grossen Parteien ihre Lösungsansätze, die sie anbieten, so konkret formulieren, dass sie bei den Menschen Gehör finden. Dann kann man einen grossen Teil der Protestwähler, die sich für die AfD entschieden haben, wieder zurückholen.

Ihre Lebenspartnerin lernten Sie bei einem Konzert kennen, als Sie sie auf die Bühne holten.
Ja, das stimmt.

Das zeigt, dass Sie das Publikum bewusst wahrnehmen – anders als viele Musiker, die die Zuschauer gar nicht mehr bemerken.
Das fände ich schade. Dann würde ich mich eines grossen Spasses berauben. Ich gehe doch nicht raus, um an den Leuten vorbeizuschauen! Ich will ihnen begegnen und da schaue ich ihnen auch in die Augen. Der Dialog mit dem Publikum während eines Konzerts ist mir wichtig. Jerry Lee Lewis sagte einmal: «If you don’t move this fucking piano closer to the audience, we move the fucking audience closer to this piano.» Das bringt es auf den Punkt. Ich hab keine Angst vor dem Publikum, ob auf der Bühne oder bei einer Autogrammstunde wie gestern, als mehrere Hundert Personen anstanden und sich mit mir austauschten.

Und da waren dann alle dabei: der Vierjährige genauso wie die Dame von 99 Jahren?
Selbstverständlich frage ich gerade die älteren Damen nicht nach ihrem Alter. Ich würde es deshalb so sagen: Es waren mehrere Generationen, die anstanden.

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Andreas W. Schmid

Redaktor

Foto:
Daniel Kellenberger
Veröffentlicht:
Dienstag 26.12.2017, 09:40 Uhr

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