Auf ihrem Weg zum Nordpol sass Evelyne Binsack täglich 10 bis 14 Stunden auf dem Sattel.

Am Limit: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg

Evelyne Binsack hat den Mount Everest bezwungen, ebenso den Süd- und Nordpol – an ihre wahren Grenzen brachte sie aber anderes.

Das Interview mit Evelyne Binsack soll an einem speziellen Ort stattfinden – auf einem Berg am besten. «Super Idee», findet das die 50-Jährige am Telefon und weiter: «Dann treffen wir uns doch auf dem Pilatus, und ich nutze den Aufstieg für mein tägliches Training.» Während Fotograf und Journalist die 1700 Höhenmeter von Alpnachstad OW auf den Luzerner Hausberg also mit der steilsten Zahnradbahn der Welt bewältigen, legt Binsack die Strecke joggend zurück. Nichts Besonderes für die Frau der Extreme, die schon den Mount Everest sowie Süd- und Nordpol bezwungen hat.

Evelyne Binsack, wie viele Male sind Sie dem Tod schon von der Schippe gesprungen?
Zweimal war es sicher ganz knapp. In noch jungen Jahren geriet ich in eine Lawine, die mich rund 500 Meter mitriss – herzlichen Dank an meinen Schutzengel. Glück hatte ich auch bei einem Kletterwettkampf. Die Frau, die für die Seilsicherung zuständig war, verlor die Kontrolle über den Bremsmechanismus beim Abseilvorgang und liess mich aus einer Höhe von über vier Metern auf Rücken und Hinterkopf fallen. Die Diagnose: stabiler Halswirbelbruch und ein Schädelhirntrauma. Das hätte das Ende sein können.

Sind Sie lebensmüde?
Im Gegenteil, es benötigt viel Lebensmut, um die eigenen Grenzen immer wieder aufs Neue auszuloten.

Diesen Lebensmut verloren Sie aber, als Ihr damaliger Lebenspartner Ihnen an Ihrem 45. Geburtstag eröffnete, dass er eine andere Frau liebe.
Das war ein Schock. Es gab keinerlei Anzeichen. Ich war am Boden zerstört.

Wie sind Sie diesem Abgrund wieder entronnen?
Ich versuchte mich aufzurappeln. Das klappte nicht. Ich versuchte es ein zweites Mal – es klappte nicht. Nach Dutzenden von Versuchen merkte ich, dass ich es alleine nicht schaffe.

Sie holten Hilfe.
Zuerst bei meiner Schwester und Freunden. Danach auch noch bei einem Psychologen. Letztlich brauchte es einfach Zeit und ein neues Ziel.

In Ihrem neuen Buch «Grenzgängerin» schreiben Sie über diese Situation: «In diesem Moment klopfte der Nordpol wieder an meine Tür, und zwar in einer Heftigkeit, die mir keine andere Wahl liess, als ihn hereinzubitten.»
Eine Expedition zum Nordpol war schon lange ein Traum von mir. Als ich nach meiner Mount-Everest-Besteigung und später auf meiner 484 Tage dauernden Expedition zum Südpol an meine körperlichen Grenzen stiess, zweifelte ich, dass ich die mentale Kraft für den Nordpol nochmals aufbringen würde – bis eben zu diesem Zeitpunkt.

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«

Ich bin weniger masochistisch veranlagt, als jemand, der im Reichtum schwimmt.»

Der Nordpol war also quasi Ihr Angelhaken, der Sie an die Oberfläche zog – Sie wieder atmen liess.
Genau, denn auf dieses neue Ziel richtete ich von da an meinen kompletten Fokus. Eine Expedition zum Nordpol – mit dem Velo, zu Fuss, auf Skiern und mit Schlitten – benötigt einen starken Fokus, gebündelte Willenskraft und einiges an Vorbereitungszeit.

Aber warum muss es bei Ihnen immer etwas Extremes sein? Sie hätten sich doch auch ein etwas gemütlicheres Ziel setzen können. Ein neues Instrument lernen – oder so?!
Es gibt verschiedene Menschen mit verschiedenen Fähigkeiten und ich habe einfach eine sehr grosse Lust, mich in der Natur zu verwirklichen. Es gibt eine Studie, die besagt, dass 80 Prozent der Westeuropäer nicht das machen oder den Beruf ausüben, den sie eigentlich wollen. Also frage ich jetzt Sie: Warum machen nicht mehr Menschen das, woran sie Freude haben?

Weil die wenigsten Menschen mit dem, was sie gern tun, Geld verdienen können.
Da gebe ich Ihnen recht. Auch ich verdiene während meiner Expeditionen keinen Rappen. Vielmehr kostet es mich eine Stange Geld. Ich habe auch keine Sponsoren, die meine Expeditionen finanzieren. Was ich aber mache, ist: Erfahrungen sammeln. Wie funktioniert es, ein grosses Ziel zu erreichen, wie trainiere ich Willenskraft und Durchhaltevermögen, wie bekomme ich  ... «Cojones» – also den Biss, den es für ein solches Vorhaben benötigt, und den Mut?

Aber mit Erfahrungen Sammeln verdienen Sie kein Geld.
Nein, aber indem ich diese weitergebe. In meinen Referaten und meinen Büchern. Und durch die Tätigkeit als Berufsbergführerin.

Die Durchschnittstemperatur am Südpol liegt bei minus 50 Grad Celsius. Auch der Nordpol ist nicht kuschelig. Sind Sie masochistisch veranlagt?
Es ist ja nicht so, dass ich gerne friere. Die Frage ist, wie kann ich mich gegen solche Extremtemperaturen schützen und trotzdem Spass haben. Und dann sind es die kleinen Sachen, an denen ich mich erfreue. Eine warme Schoggi, die ich mir mit Schnee, den ich mit dem Benzinkocher aufkoche, zubereite. Das ist doch das Schönste der Welt. Man findet eine solche Dankbarkeit für die kleinen Sachen. Also bin ich doch viel weniger masochistisch veranlagt, als jemand, der im Reichtum schwimmt, sich aber an einem frischen Apfel nicht mehr erfreuen kann.

Müssen Sie sich in der Vorbereitung Fettreserven anfuttern?
Das ist von Vorteil. Bei einer sechswöchigen Expedition sind es rund 12 bis 15 Kilos, die man zusätzlich benötigt.

Coop hat neu auch Insekten im Sortiment. Mussten Sie sich unterwegs auch schon mal von solchen ernähren?
Weder am Nord- oder Südpol noch am Mount Everest gibt es Insekten (lacht).

Ihr neues Buch heisst «Grenzgängerin». An der Grenze bewegten Sie sich ja auch, als Sie in jungen Jahren in die Magersucht abrutschten.
Dazu muss ich erst mal sagen, dass der Titel nicht von mir, sondern von meiner Verlegerin ist. Aber er gefällt mir natürlich sehr gut. Weil ich mich ja oft an der Grenze bewege. Das mit der Magersucht hat aber nichts damit zu tun. Da rasselte ich durch den Leistungssport hinein, weil mir die Lebenserfahrung fehlte. Das passiert, wenn man etwas zu akribisch – zu gut machen will.

Wer oder was hat Sie geheilt?
Ich wechselte die Sportart. Wechselte von der Leichtathletik – wo ich als Nachwuchstalent galt – zum Klettern. Dort war ich zwar auch auf Spitzenleistungen fokussiert, aber es war mehr die Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich und dem Berg.

Ueli Steck sagte im letzten Interview kurz vor seinem Tod, dass er keine Kinder will, weil er dies mit seinem «Beruf» nicht verantworten könne. Ist es bei Ihnen derselbe Grund?
Nein. Aber ich bin so viel unterwegs, das wäre dem Kind gegenüber nicht fair. Dieses Kind würde sein Mami sehr viel vermissen. Ich bin aber nicht kinderlos, weil ich Angst habe, dass ich auf einer meiner Expeditionen oder am Berg tödlich verunglücke, sondern weil ich mich erinnere, wie ich als Kind meine Mutter schon vermisste, wenn sie jeweils nur einen einzigen Abend in der Woche im Damenturnen war. Ich glaube nicht, dass wir Menschen in der Lage sind, alles in einem Leben unter einen Hut bringen zu können. Ich kann mir vorstellen, dass es nach diesem Leben noch weitere geben könnte. Ich muss also nicht schon jetzt mein ganzes Pulver verballern.

  

Auszug aus «Grenzgängerin»

«Je weiter ich mich von daheim entferne, desto mehr bin ich den Umständen ausgesetzt, die mich auf meinen Reisen umgeben: Hitze, Kälte, Hunger, Gefahren. Um all das zu erdulden, streife ich mein altes Leben langsam ab, Schicht um Schicht, so lange, bis nur noch meine Persönlichkeit übrig bleibt, pur.»

Wörterseh-Verlag, Fr. 34.90. Zur Bestellung.

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