WM-Vorbereitung: Ana Maria Crnogorcevic in Magglingen.

Ana Maria Crnogorcevic: «Auf jeden Fall ins Achtelfinale»

Sie scheute nie den Zweikampf, hat mit ihrem Verein die Champions League gewonnen und spielt nun für die Schweiz an der WM in Kanada.

Zur Siegerehrung kam sie in kroatischen Hosen und mit der Schweizer Fahne über ihrem Vereinstrikot – ein symbolischer Akt für die Doppelbürgerin. An Auffahrt siegte Ana Maria Crnogorcevic (sprich: Tsenogortchewitch) mit dem 1. FFC Frankfurt im Final der Champions League 2:1 gegen Paris SG. Nun bereitet sich die 24-Jährige, die in 68 Länderspielen 34 Tore erzielt hat, mit der Schweizer Nati auf die erste Teilnahme an einer Frauen-Fussball-WM vor. Der letzte Test ist am 27. Mai in Baden gegen Europameister Deutschland, dann gehts nach Kanada.

Wie haben Sie das Champions-League-Finale erlebt?
Da ich mich wegen Rückschmerzen schon hatte auswechseln lassen, als das entscheidende Tor in der 92. Minute fiel, habe ich beim Aufspringen von der Spielerinnenbank vor lauter Freude meine Wasserflasche weggeschleudert und mit voller Wucht meinen Trainer getroffen! Nach dem Abpfiff bin ich aufs Feld gerannt, um meine Mitspielerinnen zu umarmen. Dabei kamen mir auch Tränen, denn nach der in letzter Minute verlorenen Meisterschaft war es um so schöner, dass wir diesmal den Titel geholt haben.

Und wie haben Sie das gefeiert?
Nach der Pokalübergabe liefen wir eine Ehrenrunde, dann gab es eine Kabinen-Party, ein offizielles Bankett und eine lange Nacht in einem Club in Berlin. Es war schon hell, als die Party vorbei war!

CL-Siegerehrung in Berlin: Ana Maria Crnogorcevic in kroatischen Hosen und mit Schweizer Fahne.

CL-Siegerehrung in Berlin: Ana Maria Crnogorcevic in kroatischen Hosen und mit Schweizer Fahne.
CL-Siegerehrung in Berlin: Ana Maria Crnogorcevic in kroatischen Hosen und mit Schweizer Fahne.

Welche Bilder haben Sie beim Stichwort Fussball-WM vor Augen?
Volle Stadien, ein grosses Event und eine Mega-Euphorie. Natürlich denkt man dabei zuerst immer an die Turniere der Männer, aber auch an der letzten Frauen-WM in Deutschland waren die meisten Spiele ausverkauft und die Atmosphäre grandios.

Welches waren Ihre intensivsten Erlebnisse als Zuschauerin?
Bei der EM in der Schweiz habe ich Holland-Italien gesehen. Das Eindrücklichste waren jedoch die vielen holländischen Fans auf dem Bundesplatz und die positive Stimmung in der ganzen Stadt. Du bist ganz leicht mit Menschen aus aller Welt ins Gespräch gekommen, weil sie das gleiche Interesse hatten und dem gleichen Ereignis entgegen fieberten.

 
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Wie wurden Sie Fussballprofi – gab es da einen Schlüsselmoment in der Kindheit?
Nein, es hat mir einfach Spass gemacht, mit den Kollegen im Quartier oder den Jungs in der Schule Fussball zu spielen. Ich träumte auch nicht davon, damit reich oder berühmt zu werden. Damals wusste ich ja nicht einmal, dass es eine Frauen-Nati gibt!

Wurden Sie als Mädchen bei den Junioren des FC Steffisburg akzeptiert?
Bei den E- bis C-Junioren war das kein Problem, danach sind gemischte Teams vom SFV aber nicht mehr erlaubt. Der Wechsel in das erste Frauenteam war am Anfang sehr hart. Ich hatte gerne mit den Jungs gespielt und konnte zur Sache gehen. Nach dem Training oder dem Spiel war trotzdem alles vergessen. Bei den Frauen wurde es mir eine Woche nachgetragen. Dafür lernte ich neben Spielerinnen, die teils beträchtlich älter waren, dass sich die Welt – trotz meines Talents – nicht nur um mich dreht.

Wäre es nach Ihrem Vater gegangen, hätten Sie nicht Fussball spielen dürfen …
Er wusste als Hobbyspieler, wie es im Fussball zugeht, und hätte es lieber gesehen, wenn ich mich für Tennis und Leichathletik interessiert hätte. Meine Mutter meldete mich heimlich beim FC an, weil sie fand, auch als Mädchen sollte ich das tun können, was mir am meisten Freude macht. Inzwischen unterstützt mich aber auch mein Vater. Er ist sehr objektiv und kritisiert mich, wenn ich schlecht gespielt habe, während meine Mutter das Positive sucht: «Hauptsache, du bist nicht verletzt!»

Im Interview sprechen Sie lupenreines Berndütsch – und zuhause?
In der Familie reden wir mehrheitlich Kroatisch. Wenn mir ein Wort nicht mehr einfällt, sage ich es aber auf Deutsch. In der Nati heisst es, dass ich den krassesten Dialekt von allen Bernerinnen hätte!

Was bedeuten Ihnen die Nichte und der Neffe, deren Namen Sie sich eintätowieren liessen?
Ich besuche die Kinder meiner älteren Schwester immer, wenn ich nach Hause komme. Mit Marko, der drei Jahre alt ist, mache ich sonst einmal pro Woche Face-Time. So können wir uns zumindest sehen und reden. Wir haben eine sehr enge Beziehung, fast, als ob er mein eigener Sohn wäre. Aber auch die halbjährige Elena ist ein Goldschatz.

Die Uhr ist ein Weihnachtsgeschenk des Vaters.

Die Uhr ist ein Weihnachtsgeschenk des Vaters.
Die Uhr ist ein Weihnachtsgeschenk des Vaters.

 Wie reagierten Ihre Eltern, als die Chance kam, zum Hamburger SV zu wechseln?
Wir hatten abgemacht, dass das Ausland erst infrage kommt, wenn ich mit dem Sport-KV fertig bin, und daher wollte ich schon absagen. Nach der U19-EM 2009, an der wir mit der Nati bis ins Halbfinale gekommen waren, bot der Verein aber eine Möglichkeit, die Lehre in Hamburg zu beenden. So nutzte ich die Chance. Neben Training, Arbeit und Berufsschule noch meinen ersten eigenen Haushalt zu schmeissen, war eine echte Herausforderung. Da kam ich mehr als einmal abends hungrig nach Hause, schaute in den Kühlschrank und merkte, dass ich vergessen hatte einzukaufen!

Nati-Kollegen wie Haris Seferovic, der für Eintracht Frankurt stürmt, verdienen sehr viel Geld. Wie ist das bei Ihnen?
Reich wird man nicht! Von ein paar wenigen Ausnahmen abgesehen verdienen in der Bundesliga der Frauen alle etwa so, als würden sie einen «normalen Beruf» ausüben. Auch ich spiele dort nicht des Geldes wegen, sondern weil ich die sportliche Herausforderung suche.

Auf Instagram haben Sie ein Foto von vier Kindern gepostet, drei Jungs und ein Mädchen. Darunter steht: «That one girl that always hangs out with the boys because its less drama.» Waren Sie als Kind so ein Mädchen, das lieber mit den Jungs abhängt, weil es bei denen weniger Theater gibt?
Ja, ich war in meiner Kindheit immer das einzige Mädchen in der Gruppe, weil ich Velofahren, Klettern, Fussball und Hockey spielen immer viel lieber gemacht habe als mit Puppen zu hantieren, und weil es erst noch weniger Drama gab.

Sie meinen Empfindlichkeiten und Eifersucht?
Frauen sind nachtragender, da kann es schon zickiger zugehen. Aber ich will auch nicht alle in einen Topf werfen. Mittlerweile male auch ich mir die Fingernägel in der Farbe der Fussballschuhe, trage vor dem Match Wimperntusche auf und schaue, dass Frisur, Hosen und Stulpen gut sitzen. Daran merkt man, dass man älter wird! Früher habe ich mir einfach meinen Dress geschnappt und bin raus auf den Platz gegangen.

Haben die Frauen früher einfach den Männern nachgeeifert und nun mehr Selbstbewusstsein entwickelt?
Ich denke schon. Man darf und sollte den Fussball von Frauen und Männern nicht vergleichen. In Sachen Kraft und Tempo können wir einfach nicht mithalten. Daraus haben wir unseren eigenen Stil entwickelt. Ich würde sogar sagen, es ist eine eigene Sportart geworden.

«

Die Leute sind toleranter als bei uns.»

Sie liebt die Kinder ihrer Schwester innig.

Sie liebt die Kinder ihrer Schwester innig.
Sie liebt die Kinder ihrer Schwester innig.

Was hat dazu geführt, dass die Schweiz erstmals an der Frauen-Fussball-WM ist?
Das ist die logische Konsequenz jahrelanger harter Arbeit. Wir hatten schon vor der letzten WM 2011 eine sehr gute Quali gespielt und waren Gruppenerste, verloren aber die Playoff-Spiele. Damals erreichten nur vier europäische Teams die Endrunde mit 16 Teams – nun sind es 24. Zudem hat uns die neue Trainerin in der Entwicklung weitergebracht.

Wie macht Martina Voss-Tecklenburg das?
Sie lässt uns modernen Fussball spielen und als vierfache Europameisterin und Vizeweltmeisterin mit Deutschland vermittelt sie uns die Gewinnermentalität. Zudem sind viele Spielerinnen bereits in einer starken Liga im Ausland engagiert und können sich auf den Sport konzentrieren.

Wie würden Sie den Stil des Schweizer Nationalteams umschreiben?
Wir setzen unsere Gegner wie Borussia Dortmund in seiner besten Zeit mit Angriffs-Pressing unter Druck und sind mit schnellem Umschaltspiel erfolgreich. Die Abwehr, früher ein Schwachpunkt, ist stärker gewor-den – auch, weil die Stürmerinnen beim Verteidigen helfen. So haben wir in der ganzen Quali nur ein einziges Gegentor erhalten.

Was trauen Sie dem Team in Kanada zu?
Gegen Japan wird es schwer, aber auch für einen Titelverteidiger ist das erste Turnierspiel kein Selbstläufer. Wenn wir unser Potenzial ausschöpfen, kommen wir auf jeden Fall ins Achtelfinale, vielleicht sogar darüber hinaus.

Sie spielen nun seit sechs Jahren in der Bundesliga. Wollen Sie über Ihre aktive Karriere hinaus in Deutschland bleiben?
Ich habe meinen Vertrag in Frankfurt zwar gerade um ein Jahr verlängert und würde niemals nie sagen, doch die Lebensqualität in der Schweiz ist so sensationell, dass ich wieder hierher zurückkehren will.

Und wie möchten Sie sich dann beruflich weiterentwickeln?
Wenn ich frei wählen könnte, würde es mich reizen, als Kantonspolizistin Mordfälle aufzuklären oder in der Drogenfahndung zu arbeiten.

Vier Daten im Leben von Ana Maria Crnogorcevic

1990 Am 3. Oktober in Steffisburg BE als Tochter kroatischer Einwanderer geboren.
2009 Torschützenkönigin in der NLA und Cupsieg mit dem FC Thun. Wechsel zum Hamburger SV.
2012 In ihrer ersten Saison beim 1. FFC Frankfurt spielt sie in der Champions League (Final: 0:2 gegen Lyon).
2015 Im Verein gewinnt sie die Champions League, mit der Schweizer Nati fährt sie an die WM in Kanada.

WM-Spezial des Schweizerischen Fussballverbands

SRF Sportpanorama

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Reinhold Hönle

Autor

Foto:
Peter Mosimann, zVg
Veröffentlicht:
Montag 25.05.2015, 16:55 Uhr

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