Verbunden mit Afrika: Anat Bar-Gera in ihrem Büro am Zürichsee.

Anat Bar-Gera: «Das Internet hilft auch Kakaobauern»

Engagiert Sie setzt sich für Chancengleichheit und Gerechtigkeit ein – als Unternehmerin in Afrika ebenso wie mit Unicef Schweiz.

Sie ist eine der einflussreichsten Wirtschaftsfrauen der Schweiz, hat mit ihrem Mann eine ganze Reihe von Telekommunikationsunternehmen gegründet und wird als Beraterin geschätzt, unter anderem vom World Economic Forum. Daneben ist Anat Bar-Gera Mutter von drei Kindern und arbeitet im Vorstand des Schweizerischen Komitees für Unicef.

Warum wollten Sie Unternehmerin werden – gab es ein Vorbild?
Nein, mein Vater war Physikprofessor. Ich hatte Jura studiert, fand aber die Anwaltstätigkeit langweilig. Nach meinem MBA-Studium am Insead in Fontainebleau (international renommierte Wirtschaftshochschule, Anm. d. Red.) arbeitete ich bei einem grossen Konzern und merkte nach einiger Zeit, dass ich da nicht hineinpasste. Dann gründete ich mit meinem Mann ein Unternehmen, ein Start-up im Bereich Telekommunikation, und das machte mir richtig Spass: Etwas Neues aufbauen – das ist fast ein wenig wie mit Lego spielen!

In der Jugend hatten Sie aber wohl andere Träume?
Ich wollte Groupie bei den Rolling Stones werden! Aber daraus wurde dann doch nichts. Für Rockkonzerte kann ich mich heute noch begeistern, ebenso wie für die Oper. Und ich spiele immer noch ein wenig Klavier. Musik ist in meinem Leben sehr wichtig: Meine Mutter war Sängerin und bei uns zu Hause wurde bei allen Familienfesten musiziert.

 
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Andere Eltern haben oft Mühe mit dem Internet-Konsum der Jugend. Wie gehen Sie als Profis damit um?
Mein Mann und ich kennen zwar die technischen und wirtschaftlichen Hintergründe besser, aber im Umgang mit der Technik zeigt sich auch bei uns der Generationenunterschied. Unsere Kinder sind «digital natives», also mit diesen Techniken aufgewachsen. Sie sind viel schneller und effizienter, wenn es um die Nutzung geht.

Das klingt nach Resignation …
Nein, wir haben unseren Kindern natürlich die Risiken des Internets erklärt und Spielregeln vereinbart, keine Handys am Esstisch zum Beispiel. Meistens funktioniert das sogar. Ich habe den Eindruck, dass unsere Kinder recht bewusst mit dem Internet umgehen. Vor allem die beiden Grossen achten darauf, ihre Privatsphäre zu schützen und nicht mehr Daten preiszugeben als nötig.

Vier Bücher, die ihr wichtig sind (mehr dazu unter «Wichtige Daten»).

Vier Bücher, die ihr wichtig sind (mehr dazu unter «Wichtige Daten»).
Vier Bücher, die ihr wichtig sind (mehr dazu unter «Wichtige Daten»).

Ihr Unternehen YooMee bietet Breitband-Internet in Afrika an – warum?
Südlich der Sahara gab es bis vor einigen Jahren fast keine Internet-Infrastruktur. Zugang zu schneller Datenübertragung haben höchstens acht Prozent der Bevölkerung – in der Schweiz sind es 85 Prozent. Eine Statistik der Weltbank zeigt: 10 Prozent mehr Breitband-Internet bringt 1,4 Prozent mehr Bruttoinlandprodukt. So können neue KMU entstehen und sich weiterentwickeln – das schafft Arbeitsplätze. Internet bedeutet auch: Zugang zu Bildung oder medizinischen Informationen aus aller Welt. Und es hilft Fischern oder Kakaobauern, ihre Waren ohne Zwischenhändler zu besseren Preisen zu vermarkten.

Wie hängt das mit Ihrem Engagement für Unicef zusammen?
Ich war vor einigen Jahren in einem Flüchtlingslager in Ruanda: 4000 Menschen, darunter viele Kinder, zusammengepfercht auf engstem Raum. Mittendrin ein Mann mit Handy, und alle kamen zu ihm, um mit Angehörigen zu telefonieren. Unicef versucht unter solchen Bedingungen, den Kindern Schutz, Nahrung und ein Minimum an Ausbildung zu bieten. Ich bin überzeugt, dass das Internet auch diese Aufgaben erleichtern kann. Wir besuchten zudem eine der kinderfreundlichen Schulen, die Unicef aufgebaut hat. Ein Lehrer stand vor 40 Kindern an der Tafel und versuchte ihnen Englisch beizubringen, obwohl er die Sprache selber kaum beherrschte. Heute kann man die Lehrer online besser ausbilden oder  die Klassen unterrichten.

Skulptur aus Kamerun: Mutter mit Kind.

Skulptur aus Kamerun: Mutter mit Kind.
Skulptur aus Kamerun: Mutter mit Kind.

Was können wir hier in der Schweiz, in Europa tun, um etwas an diesen Zuständen zu verändern?
Die reichen Länder sollten sich darum bemühen, den digitalen Graben zu den Entwicklungsländern zu verringern. Und jeder von uns muss sich fragen, wie sinnvoll es ist, alle sechs Monate ein neues Handy zu kaufen, welche Folgen das für die Ausbeutung der Bodenschätze und der Menschen in Afrika hat. Es geht auch um das Gleichgewicht im Handel. Wenn die EU den Tomatenanbau in Spanien subventioniert und das Gemüse auf den afrikanischen Markt gelangt, wird dort die Existenz der lokalen Produzenten zerstört. Solche Ungerechtigkeiten müssen wir korrigieren, und die massiven Flüchtlingsströme aus Afrika, die wir derzeit erleben, sind eine eindrückliche Mahnung dazu.

Vier Daten im Leben von Anat Bar-Ger

1987 Heirat mit Dov Bar-Gera. Sie hatten zusammen studiert.

1990 Geburt des ersten Kindes. 1993 und 2003 folgen zwei weitere Kinder.

2009 Gründung von YooMee Africa – schnelles Internet in Ländern südlich der Sahara.

2011 Mit Unicef in Ruanda. Das Flüchtlingselend dort war erschütternd.

Mehr über die Arbeit von Unicef Schweiz »

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Vier Bücher, die Anat Bar-Gera am Herzen liegen

Chimamanda Ngozi Adichie: Die Hälfte der Sonne
Ein bewegender Roman aus der Zeit des Biafra–Kriegs Ende der 1960er-Jahre. 
Ende Juli 2016 kommt er auf Deutsch als Taschenbuch in den Buchhandel.

W. Chan Kim, Renée Mauborgne: Der Blaue Ozean als Strategie
Wie man neue Märkte erschliesst, auf denen Konkurrenz noch keine Rolle spielt.
Soeben ist die 2. Auflage des Bestsellers auf Deutsch erschienen.

Jane Nelson: Positive Discipline
Erziehung ohne Bestrafung – der Klassiker der US-Pädagogin wurde auf Deutsch
unter dem Titel «Kinder brauchen Ordnung» veröffentlicht.

Erin Meyer: The Culture Map
Wie man Missverständnisse zwischen Menschen verschiedener Kulturen vermeidet.
Das 2014 erschienene Buch der Insead-Professorin gibt es noch nicht auf Deutsch.

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Martin Winkel

Redaktor

Foto:
Mischa Christen
Veröffentlicht:
Montag 25.04.2016, 17:00 Uhr

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