Andrea Bocelli hat sich noch nie über seine Blindheit beklagt: «Ich glaubte immer, dass es die Welt gut mit mir meint.»

«Musik hat eine heilende Wirkung»

Startenor Andrea Bocelli erklärt, warum er schlaflose Nächte fantastisch findet und weshalb es keine Zufälle gibt.

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Wir haben den berühmtesten Italiener, wie ihn der «Corriere della Sera» genannt hat, in ein paar Minuten am Telefon. Andrea Bocelli ist wegen seiner Musik ein Weltstar; kein anderer Tenor hat mehr Tonträger verkauft als er. In den Schoss gefallen ist ihm der Erfolg nicht. Der 58-Jährige hatte lange hartes Brot zu beissen, bis er als Sänger einschlug.

Bocelli kam mit der Augenkrankheit «Grüner Star» auf die Welt und erkannte fortan bloss Schatten und Umrisse. Die Eltern versuchten alles, liefen von einem Arzt zum anderen, vom Spezialisten bis zum Wunderheiler. Der kleine Andrea wurde mehrfach operiert. Doch es nützte alles nichts, im Gegenteil: Im Alter von zwölf Jahren erblindete er vollends, nachdem beim Fussballspielen sein rechtes Auge vom Ball getroffen wurde. Trotzdem versuchte er sich von seiner Behinderung nicht allzu sehr einschränken zu lassen, und dies bis zum heutigen Tag: Bocelli reitet, er fährt Velo, er springt Fallschirm.

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Vertrauen in die Welt zu haben, erleichtert das Leben.»

Es ist Zeit, ihn anzurufen. Sein Manager hat uns eine Nummer gegeben. Unter dieser meldet sich eine leicht brüchige Stimme: «Ja, bitte schön?»

Könnte ich bitte mit Andrea Bocelli sprechen?
Das tun Sie bereits.

Oh, Entschuldigung, ich habe Sie nicht erkannt …
… ach, kein Problem. Manchmal erkenne ich meine Stimme selber nicht. (Lacht.) Sie ist manchmal nicht so, wie ich sie mir wünsche.

Auch während eines Konzerts?
Ja. Wenn die Stimme eines Sängers drei von zehn Mal in richtig guter Form ist, darf er sich glücklich schätzen.

Nur drei von zehn Mal? Das ist nicht gerade viel. Sie wollen doch sicher jedes Mal gut sein.
Das will ich, ja. Aber das ist unmöglich, auch wenn ich längst einen Lebensstil habe, der alles dafür tut. Ich übertreibe nicht, ich rauche nicht, trinke nicht. Wer zu exzessiv lebt, bezahlt irgendwann die Rechnung dafür. Trotzdem klingt meine Stimme manchmal für mich gewöhnungsbedürftig, gerade am Morgen.

Ihre Stimme ist aber Ihr Kapital. Haben Sie deswegen nie schlaflose Nächte? 
Doch, das kommt bei mir immer wieder vor. Das war aber schon so, als ich noch ein Kind war. Es ist nichts, das mich beunruhigt. Im Gegenteil: In der Nacht, wenn alle schlafen, bietet sich die Möglichkeit, in Ruhe seinen Gedanken nachzugehen. Oder ungestört zu lesen. Oder einfach ein wenig Zeit für sich selber zu haben. Gerade in dieser hoch technisierten Welt, in der du ständig erreichbar bist. Viele sind sich Stille nicht mehr gewohnt, haben Angst vor ihr. Ich hingegen finde die Nacht fantastisch und liebe ihre Ruhe.

In einem Interview haben Sie von Ihrer Stimme erzählt, die sogar schon Kranke geheilt haben soll.
Ja, aber das würde ich nicht auf meine Stimme beschränken. Musik allgemein hat eine heilende Wirkung. Das ist nicht irgendein Hokuspokus, sondern wissenschaftlich bewiesen. Denken Sie nur an die Musiktherapie, die sehr wertvoll sein kann.

Können Sie uns trotzdem ein besonders eindrückliches Beispiel nennen, als Ihre Stimme heilende Wirkung hatte?
Ich bekomme jeden Tag solche Nachrichten, in denen sich Menschen bei mir bedanken. Diese Briefe oder Mails berühren mich und sind etwas sehr Intimes. Deshalb möchte ich sie lieber nicht ausbreiten. Das wäre nicht in Ordnung.

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Wenn die Stimme eines Sängers drei von zehn Mal richtig gut ist, darf er glücklich sein. »

Bocellis Stimme ist mittlerweile nicht mehr brüchig, trotzdem kommt es zu einem Bruch – in der Leitung. Diese bleibt vorderhand stumm. Wir blättern in seiner bereits älteren Biografie «La mia musica» und stossen dabei auf jenen Moment, in welchem seine Mutter erkennt, dass klassische Musik mit dem kleinen Andrea nach einer weiteren Augen-OP im Spital etwas Besonderes anstellt: «Nach einer vor Schmerzen höllischen Nacht beruhigte sich der Junge beinahe von einem Moment auf den anderen. Auf einmal sehe ich, wie sich das Kind auf die Seite dreht und mit seinen Händchen gegen die Wand drückt, an dem sein Bettchen steht. Ich spitze die Ohren und höre Musik, die aus dem Nebenzimmer kommt: Es ist eine mir unbekannte, wahrscheinlich klassische Musik, Kammermusik. Langsam glaube ich, dass die Ruhe des Kleinen tatsächlich mit dieser Musik zu tun hat.» Andrea Bocelli ist nun wieder erreichbar. Er entschuldigt sich für den Unterbruch, obwohl er nichts dafür kann.

In Ihrer Biografie fiel mir auf, dass Sie nie mit Ihrer Blindheit haderten.
Es gab für mich auch keinen Grund dazu. Ich hatte immer das Gefühl, dass es die Welt gut mit mir meint.

An welche Bilder erinnern Sie sich aus Ihrer Jugend?
An Landschaften, die Gesichter meiner Eltern, an alles, was ich noch gesehen habe, wenn auch nur undeutlich. Jene Jahre waren ein unschätzbarer Vorteil für mich. Ich habe eine genaue Vorstellung von der Welt.

Es wird derzeit ein Film über Sie gedreht ...
... und über das Buch, das ich geschrieben habe.

Was ist die Botschaft des Filmes?
Der Film spiegelt wider, was mir wichtig ist: Optimismus und der Glaube, dass es keinen Zufall gibt.

Es gibt keine Zufälle? Da bin ich ganz anderer Meinung.
Vielleicht kann ich Sie mit einem Beispiel überzeugen. Wir nennen all das, was wir nicht verstehen, einen Zufall. So auch, wenn die Roulette-Kugel auf die 25 fällt. Es ist aber kein Zufall! Wir werden irgendwann mit mathematischer Genauigkeit sagen können, wann es so weit ist, dass diese und jene Zahlen kommen, dass dieses Ereignis eintritt und jenes. Und zwar mithilfe von Computern. Nein, es gibt keine Zufälle.

Ist es nicht oft Zufall, ob wir an einem Weg den linken oder den rechten Weg nehmen?
Nein, das hat weniger mit Zufall, dafür umso mehr mit unseren Erfahrungen zu tun, die wir gemacht haben. Es hängt aber auch von unserem Charakter, unserem Umfeld und noch vielen anderen Dingen ab, die am Ende entscheiden, ob wir auf dem Weg links oder rechts einbiegen.

War 2016 ein gutes Jahr für die Menschheit?
Gewisse Geschehnisse auf diesem Planeten sind fast nicht zu ertragen. Noch immer gibt es Krieg. Und trotzdem sage ich, dass wir heute in einer besseren Welt leben. Diese entwickelt sich stetig weiter und mehrheitlich zum Guten, auch wenn wir wegen der modernen Medien, die aus der hintersten Ecke der Erde berichten, das Gefühl haben, dass es immer schlimmer wird. Denken Sie jedoch daran, wie unsicher das Leben vor 500 Jahren war. Als Sie ständig von Wegelagerern bedroht waren. Jede Stadt brauchte eine dicke Mauer, um sich vor Angreifern zu schützen. Im letzten Jahrhundert hatten wir zwei Weltkriege. Vertrauen in unsere Welt zu haben, erleichtert das Leben.

Sie haben es bereits erwähnt: Sie sind eben ein Optimist.
Ja, das bin ich. Der Mensch ist keine tumbe Bestie, sondern ein intelligentes Wesen. Er lernt ständig dazu, zwischendurch macht er einen Schritt rückwärts. Doch im Grossen und Ganzen stimmt die Richtung.

Am 15. Januar in Zürich

«Wenn Gott eine Stimme hätte, käme sie sehr nahe an jene von Andrea Bocelli heran», sagte Céline Dion einmal über den 58-jährigen Toskaner. Diese grosse Stimme war erstmals vor über 20 Jahren live in der Schweiz zu hören. Seitdem kehrt Bocelli regelmässig hierher zurück – das nächste Mal am 15. Januar mit seiner «Cinema World Tour» im Zürcher Hallenstadion.

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