Anhänger

Wenn sie sich erinnert, hängt er ab.

Steven Schneider: Rund um Silvester packt mich Aufbruchstimmung. Weihnachten ist passé, das neue Jahr praktisch da und ich bin voller Tatendrang. Zum Beispiel bin ich parat, den Baum abzuschmücken und in den Garten zu stellen. 

«

Es war schön, es war gut, nun gehts weiter.»

Schreiber offensichtlich nicht.
Sie hat in den vergangenen Tagen schachtelweise Kerzen angezündet, was ich übertrieben finde, denn Kerzen am Baum sollen an Weihnachten brennen und nicht zehn Tage nacheinander. Ist auch zu gefährlich. Und irgendwann ist genug Glanz. War schön, war gut, nun gehts weiter.
Sie seufzt und zeigt auf den Baum: «Schau! Die Kartonbäumchen, die wir mit den Kindern gebastelt haben. Und hier, die Girlande aus Goldpapier, die haben meine Eltern vor Jahrzehnten geklebt. Damals, als ich klein und wir alle noch beisammen waren.» Zart berührt sie das matte Kunstwerk. «Und das winzige Porzellankaffeekännchen dort oben: Mit der habe ich als Kind Wasser aus der Kloschüssel für meine Puppenküche geholt.»
Mir wird klar: Dieser Baum erzählt aus ihrem Leben. Viel mehr, als ich dachte oder wissen wollte. Andere Leute hängen Lametta dran, Schreiber ihre Vergangenheit und Familiengeschichte.
Das Einzige, was bei uns nicht am Baum hängt, bin wohl ich.

Sybil Schreiber: Ich liebe die Tage zwischen Weihnachten und Silvester. Sie sind das Ausatmen nach einem langen Jahr und gleichzeitig ein tiefes Atemholen für die kommenden zwölf Monate.

«

Ihm fehlt das Gespür für zarte Augenblicke.»

Früher ängstigten sich die Menschen vor den Geistern dieser dunklen Zeit. Heute haben wir es einfacher: Jeden Abend zünde ich darum die Kerzen unseres Christbaumes an. Mein Feiertagsritual, ich brauche viel Licht und Wärme. Dann sitze ich vor unserem Weihnachtsbaum und erinnere mich beim Anblick der strahlenden Tanne an meine Kindheit, an meine Familie, an alles, was war.
«Müssen wir das jeden Abend machen?»
Ich blicke mich um. Schneider. Steht im Türrahmen und blickt düster. Ihm fehlt irgendwie das Gespür für zarte Augenblicke. «Mir tut es gut», antworte ich. Statt sich gemütlich zu mir zu setzen, sagt er viel zu laut und zu energisch: «Ich finde, wir könnten den Baum rausstellen. Ich hätte morgen prima Zeit, um die Kugeln und so abzunehmen.» – Die Kugeln und so?
«Jedes einzelne Stück hat eine Bedeutung. Ich hänge doch kein Klimbim an unseren Baum, das sind alles Sachen mit Geschichte. Ganz abgesehen davon, hänge ich einfach dran!»
Schneider stutzt, dann grinst er: «Zum Glück tust du das nicht!»

(Coopzeitung Nr 01/2014)

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Samstag 28.12.2013, 00:00 Uhr

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