Ein Blick ins Gebälk mit den Hörstationen zu den am Hexenprozess Beteiligten.

Anna Göldi: Ein Museum für eine Magd

In Ennenda wird die 1782 geköpfte Magd Anna Göldi in einem neuen Museum raffiniert beleuchtet. Dieses stärkt auch Whistleblower und Menschenrechte.

Wie bodenlos elend sie sich schon nach dem ersten peinlichen Verhör gefühlt haben muss, will man sich gar nicht vorstellen. Nach weiteren Folterungen gestand Anna Göldi, was die hohen Glarner Herren hören wollten. Die waren Politiker, Ankläger, Ermittler und Richter in einem und fast alle verwandt, verbandelt und geradezu wahnhaft gegen sie. 106 Guffen oder Stecknadeln soll die achtjährige Annamiggeli wegen ihr von sich gegeben haben. Dabei hatte das Kind entweder alles vorgespielt – oder aber es litt an Pica, dem zwanghaften Essen von Nichtnahrung: Beim Verzehr von Nadeln bildet sich ein Gewölle, das erbrochen wird. Was sich mit der Tochter von Annas Dienstherrn Johann Jakob Tschudi genau abgespielt hat, wird ebenso unbewiesen bleiben wie die Frage, ob der noble Tschudi mit seiner Magd im Bett gewesen war oder nicht. Bis heute zirkulieren nur Vermutungen. Klar ist, dass Anna Göldi als Hexe verdächtigt wurde, obwohl dies im ausgehenden 18. Jahrhundert eigentlich nicht mehr vorkam. Kein Wunder also, dass alle Beteiligten bei ihrem Leben schwören mussten, nie ein Wort über den rechtswidrigen Geheimprozess verlauten zu lassen.

Kubli verpfiff die Täter

Anna Göldi: Umgeben von den Glarner Bergen. So stellt sich die Schauspielerin Margrita Wahrer die Magd vor. In ihrem Stück lässt sie Anna kurz vor deren Verhaftung zu Wort kommen.

Anna Göldi: Umgeben von den Glarner Bergen. So stellt sich die Schauspielerin Margrita Wahrer die Magd vor. In ihrem Stück lässt sie Anna kurz vor deren Verhaftung zu Wort kommen.
http://www.coopzeitung.ch/Anna+Goeldi_+Ein+Museum+fuer+eine+Magd Anna Göldi: Umgeben von den Glarner Bergen. So stellt sich die Schauspielerin Margrita Wahrer die Magd vor. In ihrem Stück lässt sie Anna kurz vor deren Verhaftung zu Wort kommen.

Einer aber hielt sich nicht daran: der Ratsherr und Protokollführer Johann Melchior Kubli. Er gab die Akten weiter, sodass zwei deutsche Journalisten den «Hexenhandel» schon kurz nach Annas Hinrichtung publik machen konnten. Das sorgte europaweit für Entsetzen. Dass Kubli es war, dem wir alles Wissen um den Fall verdanken, entdeckte erst 2006 der Glarner Journalist und Jurist Walter Hauser, und zwar im Tagebuch des einen deutschen Publizisten. Dieser Heinrich Ludewig Lehmann hatte vor der Glarner Obrigkeit zu fliehen, denn Pressefreiheit und Gewaltenteilung waren vor der französischen Revolution nirgends verankert. Und genau für diese setzte sich Kubli ein, als er 1800 eine helvetische Verfassung mitentwarf. Parlament, Regierung und Richter sollten voneinander unabhängig sein, forderte dieser frühe Schweizer Menschenrechtskämpfer. So ist denn Whistleblower Johann Melchior Kubli der eigentliche Held des neuen Museums im Hänggiturm von Ennenda. «Menschenrechte sind unser zentrales Anliegen», sagt Museumsleiter Fridolin Elmer (64). Er führt vom Touchscreen-Pult mit den von Amnesty International dokumentierten Fällen von Menschenrechtsverletzungen zu den dunklen Tüchern des Anna-Göldi-Bereichs. Umgeben ist dieser von Bodenspiegeln, was einerseits das berauschend hohe Gebälk des Turms hervorhebt, wo einst frisch gefärbte Textilien zum Lüften ausgehängt wurden. Die Spiegelung ruft aber auch ein Gefühl des Abgrunds, der Bodenlosigkeit hervor, was einen direkt in Anna Göldis Schicksal hineinversetzt.

Rehabilitiert im 2008

Im Hänggiturm in Ennenda bei Glarus wurde das weltweit erste Museum für eine Magd eröffnet.

Im Hänggiturm in Ennenda bei Glarus wurde das weltweit erste Museum für eine Magd eröffnet.
http://www.coopzeitung.ch/Anna+Goeldi_+Ein+Museum+fuer+eine+Magd Im Hänggiturm in Ennenda bei Glarus wurde das weltweit erste Museum für eine Magd eröffnet.

Bilder und Hörstationen zu den Protagonisten des Prozesses sind ebenfalls vorhanden. Vieles stammt aus Walter Hausers Buch von 2007, das im Jahr darauf die Rehabilitation von Anna Göldi durch das Glarner Parlament bewirkte. So wurde auf demokratischem Weg die Ehre der letzten von über 70 000 ermordeten Hexen Europas als erste wiederhergestellt.

Hexenwahn als Theater

Intensiv mit Anna Göldi beschäftigt hat sich auch die deutsche Schauspielerin Margrita Wahrer (46). Sie bietet in Zürich eine Theatertour an, in der sie Annas Geschichte vor einem Züricher Hintergrund vermittelt. Anna Göldi war ja Zürcherin – und gemäss Wahrer «eine sehr selbstbewusste Person». Museumsleiter Elmer hofft, dass die Theaterfrau ihr selbst geschriebenes Stück künftig gelegentlich auch im Hänggitum zeigen wird. Für die Eröffnungsfeier – mit Sponsoren und Ehrengästen – hatte er sie bereits gebucht.

Ab 20. August ist in Ennenda bei Glarus das Anna-Göldi-Museum mittwochs bis sonntags, 13.30 bis 18 Uhr, öffentlich zugänglich. (November bis März wird es jeweils geschlossen sein.)

www.annagoeldimuseum.ch

Auch ein neues Musical geht der verhängnisvollen Geschichte um Anna Göldi nach: Vom 7. September bis 22. Oktober wird das Stück in Neuhausen am Rheinfall gezeigt.

www.annagoeldi-musical.ch

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Eva Nydegger

Redaktorin der Coopzeitung

Foto:
Monique Wittwer
Veröffentlicht:
Montag 24.07.2017, 09:56 Uhr

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