Der Tresorraum hat es ihr angetan: Anna Rossinelli im Basler «Unternehmen Mitte».

Anna Rossinelli: «Ich habe mein Konto geplündert»

Teamplayer Der Eurovision Song Contest hat vor fünf Jahren ihr Leben verändert. Für das neue Album war sie mit ihrer Band drei Monate in den USA.

Sie ist eine der erfolgreichsten jungen Popsängerinnen der Schweiz. Für die neue CD «Takes Two To Tango» reiste Anna Rossinelli (28) diesen Sommer mit ihren Mitmusikern Georg Dillier und Manuel Meisel durch die USA. Zum Interview trafen wir sie an einem ihrer Lieblingsorte: Das Basler «Unternehmen Mitte», einst Hauptsitz der 1869 gegründeten Schweizerischen Volksbank, ist heute ein alternativer Kulturtreff und eines der schönsten Schweizer Kaffeehäuser.

 
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Was gefällt Ihnen an diesem Ort?
Das ist einfach der Treffpunkt im Zentrum von Basel schlechthin. Jeder kennt die «Mitte» und du kennst immer jemanden. Im Sommer sitzen alle draussen, im Winter bin ich im Fumoir oder in der Halle, wo ich es mir mit Georg und Manu um die Kamine herum gemütlich mache oder dank der Internetverbindung Band-Kram erledigen kann.

Welches Verhältnis haben Sie zum Geld?
Es ist mir nicht so wahnsinnig wichtig, aber man braucht es natürlich zum Leben, gerade auch zum Reisen, und ich reise sehr gerne! Ich habe nie Schulden gemacht, bin aber auch kein Sparfuchs. Ich habe zwar ein Sparkonto, doch für unser Amerika-Projekt habe ich das so ziemlich geplündert ...

Manche waren darüber empört, dass Sie das Budget teilweise über Crowdfunding decken wollten – wie war das für Sie?
Im ersten Moment war ich perplex und etwas schockiert, was von «20 Minuten» mit der Schlagzeile «Anna bettelt ihre Fans an» losgetreten wurde. Schliesslich hatten auch schon andere Künstler die Plattform «WeMakeIt» genutzt. Positiv daran war, dass wir für unser Projekt viel Aufmerksamkeit bekamen und Fans sich solidarisierten. So kamen die angestrebten 50 000 Franken zusammen.

Dem Trubel liegt ein grundsätzliches Problem zugrunde.
Ja, die Leute meinen, dass man automatisch viel Geld verdient und sie übersehen, dass CD-Produktionen heute manchmal mehr kosten, als die Verkäufe in der kleinen Schweiz noch einbringen. Nach der Geschichte wurde ich im Coop kritisch angeschaut, wenn ich Bio- statt Prix-Garantie-Salami kaufte! Aber nach ein paar Tagen war das wieder vorbei.

«

Es braucht immer mehr als eine Person, wenn man etwas erreichen will.»

Bewusst fotografiert sie analog.

Bewusst fotografiert sie analog.
Bewusst fotografiert sie analog.

Wieso heisst die CD «Takes Two To Tango»?
Mit dem Tanz hat das ja nichts zu tun, das ist eine amerikanische Redewendung. Sinngemäss bedeutet es: Es braucht immer mehr als eine Person, wenn man etwas erreichen will. Bei der Kunst ist das nicht anders. Nur schon das Zusammenspiel zwischen Künstler und Produzent. Und wenn man dann noch gezielt den Austausch mit amerikanischen Musikern sucht, wie wir …   

Wie kam es zu dieser dreimonatigen USA-Reise?
Die Jungs hatten die Idee, dass wir uns von einer neuen Umgebung inspirieren lassen könnten. Da die USA musikalisch sehr vielfältig sind und landschaftlich unheimlich schön, entwickelten wir das Konzept, mit unseren halbfertigen Songs durch das Land zu reisen, wie in unseren Anfängen Strassenmusik zu machen und bei Begegnungen mit lokalen Musikern Material zu sammeln. Die Puzzleteile haben wir dann in einem New Yorker Studio zusammengesetzt.

Was haben Sie unterwegs erlebt?
Die Menschen waren leicht für Jamsessions zu gewinnen oder machten spontan mit, als wir einen Videoclip drehen wollten. Wegen der gestiegenen Hotelpreise reichten die budgetierten 40 Franken pro Übernachtung jedoch nicht. So haben wir manchmal zu fünft in einem Zimmer geschlafen, was auch irgendwie gegangen ist. Wir sind ja noch jung und es war auch abenteuerlich.

Ring aus einer Brocki in Texas.

Ring aus einer Brocki in Texas.
Ring aus einer Brocki in Texas.

Was hat es mit der atmosphärisch dichten Single «Bang Bang Bang» auf sich?
Das Lied handelt davon, dass sich zwischen zwei Menschen eine Spannung aufbaut und dann wieder entlädt. Das «Bang» drückt die Explosivität aus. Ich hätte den Song auch «Sex Sex Sex» nennen können, doch ich arbeite lieber mit Synonymen. Das lässt auch andere Interpretationen offen.

2011 haben Sie die Schweiz am Eurovision Song Contest vertreten. Wären Sie ohne diesen Erfolg heute noch Pflegefachfrau?
Nachdem ich sechs Jahre lang mehrheitlich behinderte Kinder betreut hatte, brauchte ich eine Auszeit. Ich ging nach Abschluss meiner Lehre für sechs
Monate nach New York und danach habe ich im Service gearbeitet. Ob ich in den sozialen Bereich zurückgekehrt wäre, weiss ich nicht. Denn so viel mir mein Beruf gegeben hat, so anstrengend war er auch – physisch sowie psychisch und das erst noch bei geringer Bezahlung. Vielleicht hätte ich versucht, meinen alten Traum von einer eigenen kleinen Bar zu verwirklichen.

Anna Rossinelli: «Bang Bang Bang»

Vier Daten im Leben von Anna Rossinelli

1993 Sie ist gerade einmal sechs Jahre alt, als ihr Vater stirbt.
2001 Mit ihrer ersten Band «Cocabora» gibt sie ihr erstes «richtiges» Konzert.
2009 Lehrabschluss als Fachfrau für Behindertenbetreuung.
2015 USA-Reise für die CD und den Dok-Film «Takes Two To Tango».

Offizielle Webseite von Anna Rossinelli

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Reinhold Hönle

Autor

Foto:
Lucian Hunziker
Veröffentlicht:
Montag 30.11.2015, 14:53 Uhr

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