Ansichtssache

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Schreiber: Sonntagmorgen, in der Kirche: Ich stehe in der zweiten Reihe im Kreis, meine Mädchen in Wanderschuhen in der ersten. Das diesjährige Lagerlied wird geschmettert, danach ein «Vater- unser» gebetet, bevor die grosse, bunte Schar zum Bahnhof marschiert und ins Jubla-Sommerlager fahren wird. Mir schnürt es die Kehle zu: Zwei Wochen sind die beiden weg, Tränen wässern mir die Augen. Ich lege den Kopf nach links, nach rechts, so bleiben die Tränen, wo sie sind und kullern nicht die Wangen runter. Das wäre zu peinlich vor all den anderen Eltern und Kindern. Und vor allem vor Schneider. Der tut so lässig, dass ich ihn schütteln könnte.

«

Mir schnürt es die Kehle zu.»

«Siehs positiv», meint er dauernd, «die Kinder erleben ein Abenteuer und wir haben genügend Zeit nur für uns zwei.» Dabei grinst er und zwinkert! Ich nehme es ja auch lockerer als das letzte Mal – bilde ich mir jedenfalls ein. Hoffentlich regnet es nicht durch. Hoffentlich ist die neue Regenjacke von der Jüngeren wirklich wasserdicht. Und morgen schicke ich gleich das Fresspäckchen ab! Als der Lagergottesdienst zu Ende ist, sage ich zu Schneider: «Gell, wir begleiten die Kinder schon an den Bahnhof. Das freut sie 
bestimmt.» Sein Blick sagt das Gegenteil.

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Schneider: So, die Mädchen sind im Lager! Zwei Wochen lang campieren, rumtoben, am Feuer sitzen. Nach der Kirche drückte ich die Kinder herzhaft und zügig. So trennt man sich. Schreiber hat sich gleich mit unserem Hund auf einen Spaziergang gemacht. «Das tröstet mich», hatte sie gesagt. Ich freue mich auf die kommenden Tage! Klar, die Mädchen werden fehlen, aber für sie ist es bestimmt toller in den Ferien mit all den Gleichaltrigen als nur mit uns. Zu Hause angekommen, atme ich tief ein und gehe im Geiste durch, wonach mir sein könnte: Im Rhein schwimmen?

«

Tausend Dinge sind möglich.»

Unterm Apfelbaum ein Nickerchen machen? Mit Lilla durch den Wald spazieren? Tausend Dinge sind möglich, ich bin grad ein wenig überfordert – doch auf einmal weiss ich, was ich will. Als Schreiber nach einer Stunde zurückkommt, staunt sie: «Du sitzt bei diesem Wetter am Computer?» Ich versuche, das geöffnete Fenster am Bildschirm wegzuklicken, damit sie nicht sieht, was ich gerade mache, aber schon steht sie hinter mir: «Ach, das ist jetzt süss», sagt sie. «Du bist gar nicht ein so harter Kerl. Komm, zeig mal!» Und so klicke ich durchs Fotobuch, das ich soeben zusammengestellt habe – mit den schönsten Aufnahmen unserer Töchter.

«Mein Leben als Paar» – die besten Kolumnen der letzten drei Jahre als Buch. Infos auf der Website von Schreiber und Schneider.

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 31.07.2017, 06:00 Uhr

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