Applaus, Applaus

Er: Schreiber hat mich wieder einmal mit Theaterkarten überrascht. Finde ich grossartig! Doch manchmal ist das auch nicht ganz so grossartig, dann nämlich, wenn es sich um ein unverständliches, experimentelles Stück handelt. Vielleicht will mich Schreiber ja einfach auch nur auf die Probe stellen: Seit eineinhalb Stunden sitze ich nun schon auf einem harten Stuhl und verfolge eine Musikperformance der absonderlichen Sorte. Vier mittelalterliche Herren mit Elektrogitarren, Schlagzeug und Synthesizer machen auf der Bühne ein wenig Musik und reden viel. Sie erzählen von unglücklichen Liebschaften, hören aber stets vor dem Ende auf. Immerhin sind die Kulissen bunt.

«

Nur keine Zugabe! Doch da klatscht jemand »

Ich schiele zu Schreiber hinüber, die angestrengt zuhört. Kann ihr das wirklich gefallen? 
Dann, völlig überraschend, aber zu meiner grössten Begeisterung, kommt der Höhepunkt des Stücks: der Schluss. Die Männer verneigen sich und ich habe nur eine Sorge: Dass es den anderen irgendwie in den Sinn kommen könnte, so zu klatschen, dass es noch eine Zugabe gibt.
Aber ich habe Glück. Ganz offensichtlich sind auch alle anderen zutiefst irritiert, denn es bleibt still. Ich atme auf. 
Dann klatscht doch jemand. 
Schreiber.

Sie: «Hat dir das Stück etwa gefallen?», flüstert mir Schneider zu, als wir nach zwei Zugaben das Theater verlassen. Heikle Frage. Ehrlich gesagt habe ich nur Typen gesehen, die sich selbst bemitleiden. Inspirierend war das nicht. Ich wusste gar nicht mehr, wie ich sitzen sollte. 

«

Ob mir das Stück gefallen hat? Heikle Frage.»

«Es geht so», flüstere ich zurück. 
«Warum hast du dann als Erste geklatscht?»
«Weil ich Anstand habe. Ausserdem hast du auch geklatscht.»
«Als Letzter. Und ich habe die Hände so zusammengeschlagen, dass man nichts hört.» Er macht es mir vor. Tatsächlich. Sieht täuschend echt aus, klatscht aber nichts. Raffiniert.
«Mir tat mein Hintern weh», erklärt er. Mir ja auch, und leise sage ich: «Die Zugaben hätten wirklich nicht sein müssen.» 
«Selber schuld! Du hast ja den Applaus angeführt!»
«Die haben sich Mühe gegeben, darum habe ich geklatscht», entgegne ich. «Nur weil ich nicht verstehe, was sie auf der Bühne machen, heisst das nicht, dass es schlecht ist.»
«Wenn das so ist, können wir in Zukunft Geld sparen.» 
«Warum?»
«Weil du dann keine Theaterkarten mehr zu kaufen brauchst, denn ich gebe mir daheim viel Mühe, du verstehst das nicht – und statt mich dafür zu kritisieren, kannst du ja einfach applaudieren.»

 (Coopzeitung Nr. 51/2015) 

Mehr zu den Kolumnisten unter: www.schreiber-schneider.ch

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 14.12.2015, 20:58 Uhr

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