Zu Besuch in Zürich: USA-Korrespondent Arthur Honegger.

Arthur Honegger: «Die USA sind sehr kinderfreundlich»

Heimkehrer Für SRF berichtet er seit sieben Jahren aus den USA. Bevor er im Herbst zu «10 vor 10» geht, erzählt er vom Leben in New York und Washington.

Der Bündner war während seiner Zeit als TV-Korrespondent in 47 der 50 US-Bundesstaaten, aber an keinem Eishockeymatch. Seine Erfahrungen hat Arthur Honegger (35) in einem Buch zusammengefasst, «Abc 4 USA - Amerika verstehen». Nun kehrt er mit seiner finnischen Ehefrau Henna (34) und den beiden Kindern in die Schweiz zurück, um im Herbst die Nachfolge von Stephan Klapproth bei «10 vor 10» anzutreten.

Wie war Ihr Verhältnis zu den USA, bevor Sie das Land selbst bereist haben?
Ich war hin- und hergerissen. Einerseits faszinierte mich dieses Land und seine Kultur, mit all den Musik- und Filmstars, die ich seit der Jugend verehrte. Auf der anderen Seite empfand ich den IrakKrieg, den die USA führten, als sehr fragwürdig. So haben meine Frau und ich 2005 beschlossen: Wir fahren hin, respektive quer durch, vier Wochen lang von Küste zu Küste.

Was erlebten Sie dabei?
In New York kam uns alles vertraut vor, die Strassenschluchten mit den gelben Taxis, weil wir die Bilder in TV und Kino millionenfach gesehen hatten. Viele Vorurteile haben sich aber nicht bestätigt. Als wir von einem privaten Steg in den Mississippi gesprungen waren und der Grundbesitzer auftauchte, rechneten wir damit, dass wir jetzt verjagt würden. Doch er fragte freundlich, woher wir kämen und ob wir eine Dusche nehmen wollten.

Wie haben Sie es geschafft, mit 28 den Traumjob als Korrespondent zu kriegen?
Ich hatte in einer Stage und bei «Schweiz aktuell» das TV-Handwerk gelernt. Da ich aber keine Auslanderfahrung hatte und mir Korrespondenten als distinguierte ältere Herren vorstellte, fragte ich mich schon, ob ich überhaupt eine Chance hätte. Doch ich sagte mir: Wenn du es nicht wenigstens versuchst, wirst du das ewig bereuen, «so go for it» – machs einfach!

Wie ist das Korrespondentenleben – erst in New York und jetzt in Washington?
In New York ist man als Korrespondent auf sich allein gestellt. Ich filmte meist selber und machte den Rohschnitt des Materials zu Hause am Notebook. Jetzt in Washington leite ich das Hauptstadt-Büro mit Korrespondenten aus allen SRG-Sprachregionen und trete mehr analysierend in den News-Sendungen auf. Der Umzug harmonierte dabei ideal mit unserer privaten Situation.

Inwiefern?
Als junges Paar wohnten wir in New York, konnten in der Freizeit tolle Restaurants und Bars besuchen, das riesige Unterhaltungsangebot in vollen Zügen geniessen. Mit dem Wechsel nach Washington wurden wir Eltern, zogen dann sogar in die «Suburbia» – so richtig wie man es sich vorstellt, mit Gärtchen und Auto vor dem Haus. Dort schätzen wir es, dass die Vorstadt grüner ist und mehr Spielplätze hat.

Da steht alles drin: Honnegers Hauptarbeitsgerät ist das Notizbuch.

Da steht alles drin: Honnegers Hauptarbeitsgerät ist das Notizbuch.
Da steht alles drin: Honnegers Hauptarbeitsgerät ist das Notizbuch.

Wie lebt es sich in den USA mit Kindern?
Das ist ein wahnsinnig kinderfreundliches Land. In den Lokalen hat es überall Kinderstühle und Wickeltische. Niemand beklagt sich, wenn Kinder kleckern oder laut sind, nicht einmal in Museen. Die Leute sind toleranter als bei uns. Weniger gefällt mir das Bildungssystem: Das Niveau der öffentlichen Schulen ist bedenklich und die Privatschulen sind zwar sehr gut, aber enorm kostspielig und elitär.

Wie kommen Sie von A nach B?
Während wir in Manhattan die Subway benutzt haben, nehme ich in Washington hauptsächlich das Auto. Unsere Tochter fahre ich täglich 20 Minuten in einen deutschsprachigen Kindergarten, was in der Schweiz kaum jemand machen würde, doch finde ich das gar nicht so schlimm, weil das eine Zeit ist, die wir für uns alleine haben und in der wir zusammen reden oder Musik hören können.

Haben sich Ihre Essgewohnheiten in den USA verändert?
Während wir in New York noch oft auswärts essen gingen, kochen wir in Washington oft selber, da wir wegen der Kinder mehr auf eine gesunde Ernährung achten. Es ist aber nicht ganz einfach, weil es zum Beispiel beim Fleisch die Herkunft nicht deklariert werden muss wie in der Schweiz. Für feines Angus Beef aus artgerechter Haltung oder richtiges Bio-Gemüse muss man deshalb in den USA ganz schön tief in die Tasche greifen.

Ihre Ehefrau ist Finnin. Wie haben Sie sich kennengelernt?
Nach der Matura bin ich mit einer paar Kollegen durch Skandinavien gereist, weil wir wussten, dass es dort schöne Frauen gibt! (lacht)

Ist der Mentalitätsunterschied in Ihrer Partnerschaft oder zwischen Europäern und Amerikanern grösser?
Das ist schwierig abzuwägen. Aber wir haben beide Spass daran, die unterschiedlichen Charakterzüge und Kulturen zu vergleichen und zu diskutieren. Wir empfinden die Vielfalt auf jeden Fall als Bereicherung.

Ist Ihre Frau ebenfalls berufstätig?
Henna arbeitet als freie Fotografen und ist auf Familienporträts spezialisiert. Die Amerikaner buchen viel öfter Fotografen, die professionelle Bilder machen, um sie zu Weihnachten an die Verwandtschaft schicken zu können, die nicht selten über den ganzen Kontinent verstreut lebt.

«

Die Leute sind toleranter als bei uns.»

Ein Stück Heimat in den USA: Schlüsselbund mit Steinbock.

Ein Stück Heimat in den USA: Schlüsselbund mit Steinbock.
Ein Stück Heimat in den USA: Schlüsselbund mit Steinbock.

Wie entstand die Idee zu Ihrem Buch «Abc 4 USA»?
Ich bekam mehr und mehr den Eindruck, dass die Schweizer die Amerikaner nicht mehr verstehen, und wollte mit Kolumnen über historische Ereignisse, Persönlichkeiten und das Alltagsleben die Basis für ein besseres Verständnis schaffen.

Gehen Sie als Davoser zu den Spielen der Washington Capitals?
Nein, ich bin kein grosser Eishockey-Fan. Wenn ich mal ins Stadion gehe, dann zum Basketball, weil ich das früher selbst gespielt habe. Lieber würde ich aber Champions-League-Fussball und Skispringen schauen, doch die werden im US-Fernsehen nicht übertragen.

Ihre Korrespondentenzeit deckt sich mit der Amtszeit von Barack  Obama – wie urteilen Sie über seine Präsidentschaft?
Darüber könnte man stundenlang reden oder Bücher schreiben! (lacht) Nachdem er im Wahlkampf als grosser Hoffnungsträger erschien, dachten viele Wähler, er werde sich im Amt genau ihrer Priorität annehmen: Weltfrieden, Homo-Ehe, Weltwirtschaftskrise, Gesundheitsreform … Er konnte aber nicht alles realisieren und vor allem nicht gleichzeitig. Angesichts dessen hat er doch einiges erreicht. Wenn trotzdem eine gewisse Enttäuschung herrscht, dann vor allem wegen extrem unrealistischen Erwartungen.

Was trauen Sie der Frau zu, die vielleicht die erste US-Präsidentin wird?
Sollte Hillary Clinton gewinnen, traue ich ihr viel zu. Weniger, weil sie eine Frau ist, sondern mehr, weil sie breite Erfahrung, Vernetzung und Kompetenz mitbringt. Möglicherweise könnte sie die Blockade durch den republikanisch dominierten Kongress etwas aufweichen. In der Aussenpolitik würde sie wohl einen härteren Kurs fahren.

Wie schwierig ist es für Sie, hochkarätige Interview-Partner zu bekommen?
Da muss man realistisch sein: Von den amerikanischen Politikern hat wirklich niemand auf uns Schweizer gewartet, auf überhaupt keine Auslandskorrespondenten. In einem Land mit 320 Millionen Einwohnern müssen sich die Minister und Senatoren auf Aktivitäten beschränken, die ihnen bei den nächsten Wahlen wieder Stimmen einbringen. Wir haben aus der Not eine Tugend gemacht und sprechen deshalb statt mit Politikern eher mit den Menschen, die von der Politik betroffen sind.

Welche Ideen bringen Sie als Nachfolger von Stephan Klapproth zu «10 vor 10» mit?
Ich habe mir da noch nicht allzu viele Gedanken darüber gemacht, lasse das auf mich zukommen. Bis Ende Juni bin ich ja noch in Washington, um meinen Nachfolger Peter Düggeli einzuarbeiten. Dann mache ich mit der Familie Sommerferien, danach beginnt quasi mein Moderatoren-Training und irgendwann im Herbst werde ich meine erste Sendung präsentieren. Ich denke, ich muss einfach so bleiben wie ich bin und nicht versuchen, jemanden zu kopieren. Auf jeden Fall will ich meine Kompetenzen als langjähriger Auslandkorrespondent auch als Moderator einbringen.


Vier Daten im Leben von Arthur Honegger

2001 Beginn der Journalistenschule und erste Texte für die «Basellandschaftliche Zeitung».
2008 Umzug nach New York. Er berichtet von dort als TV-Korrespondent über die US-Wahlen.
2010 Geburt der Tochter Amélie. Vier Jahre danach kommt Sohn Aatos auf die Welt.
2015 Rückkehr in die Schweiz. Ab Herbst wird er das Newsmagazin «10 vor 10» moderieren.

«Abc 4 USA»

Warum ticken die Amerikaner so anders als wir? SRF-Korrespondent Arthur Honegger geht in seinem Buch «Abc 4 USA. Amerika verstehen» dieser Frage nach. Seine Texte reichen vom sachlichen Kurzbeschrieb über Gedanken zur amerikanischen Volksseele bis zu persönlichen Erlebnissen aus sechs Jahren USA.

Arthur Honegger: Abc 4 USA - Amerika verstehen, Stämpfli, 240 Seiten, broschiert, 34 Franken, 978-3-7272-1367-0

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Reinhold Hönle

Autor

Foto:
Markus Lamprecht, zVg
Veröffentlicht:
Montag 18.05.2015, 09:10 Uhr

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