Sieg beim New-York-City- Marathon 2017: Manuela Schär im Glückstaumel.

Auf den Spuren des Glücks

Die Gene bestimmen ganz wesentlich, ob wir glücklich sind oder eben nicht. Wer glücklich zur Welt kommt, bleibt es in der Regel auch. Die Rollstuhlsportlerin Manuela Schär erzählt.

Familienurlaub in Kenia 1991: Klein Manuela beim wilden Schildkrötenritt.

Familienurlaub in Kenia 1991: Klein Manuela beim wilden Schildkrötenritt.
http://www.coopzeitung.ch/Auf+den+Spuren+des+Gluecks Familienurlaub in Kenia 1991: Klein Manuela beim wilden Schildkrötenritt.

Montag, 11. Oktober 1993. Manuela Schär ist glücklich. Knapp zwei Monate vor ihrem neunten Geburtstag ist sie ihrerseits zu einer Geburtstagsparty eingeladen. Doch der Tag endet in einer Katastrophe: Beim Spielen stürzt eine Kinderschaukelkonstruktion auf das Mädchen, quetscht sein Rückenmark und zertrümmert mehrere Wirbel. Manuela, damals ein hoffnungsvolles Talent der Läuferriege Gettnau LU, ist querschnittgelähmt. Sie wird nie mehr gehen können. Der unglücklichste Tag ihres Lebens.

Sonntag, 5. November 2017. Manuela Schär ist glücklich. Genau einen Monat vor ihrem 33. Geburtstag gewinnt sie im Rollstuhl den New-York-City-Marathon mit drei Minuten Vorsprung auf die siebenfache Olympiasiegerin, dreizehnfache Weltmeisterin und fünffache New-York-Siegerin Tatyana McFadden (28). Einer der glücklichsten Tage ihres Lebens. Glücklich. Was heisst «glücklich»? Wann ist ein Mensch glücklich?

Vergessen kann helfen

«Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist», singt Alfred in der Operette «Die Fledermaus» von Johann Strauss. «Das hat was», sagt Manuela Schär. Sie habe im Verlaufe der Jahre gelernt, ihr Handicap zu akzeptieren und das Beste daraus zu machen. Aber noch heute hadere sie manchmal mit ihrem Schicksal und fühle sich vom Glück betrogen. «Ich lebe einen Plan B.» Klar ist: Glück, Glücksgefühle sind nicht messbar. Das macht es für die Forschung nicht einfach. «Wenn jemand sagt, er sei glücklich, dann müssen wir ihm das einfach glauben», sagt der Schweizer Glücksforscher, Ökonom und Buchautor Mathias Binswanger (55).

Seit fünf Jahren lässt die Uno wissenschaftlich untersuchen, in welchen Ländern die Menschen wie glücklich sind. Das Resultat ist der «World Happiness Report». Die Ausgabe 2017 zeigt: Am glücklichsten sind die Menschen in Norwegen, gefolgt von Dänemark, Island und der Schweiz. Auch Binswanger weiss, wo das Glück zu Hause ist. «Früher vermutete man es im Jenseits, heute vermuten es die Kinder bei den Eltern und die Eltern bei den Kindern. Auf jeden Fall ist es immer dort, wo man selber nicht ist.» Auf einer Skala von 1 bis 10 gibt sich die Schweizer Bevölkerung die Glücksnote 8,1, wie die exklusive Umfrage der Coopzeitung zeigt.

Zwei Arten des Glücks

Die Wissenschaft unterscheidet zwei Arten von Glück. Zum einen das kurzfristige, emotionale Glück, das im Laufe des Tages stark schwanken kann: Hat man Hunger, ist man unglücklich, dann isst man und ist glücklich, und nach dem Essen steht man im Stau und ist wieder unglücklich. Zum andern das Lebensglück, die Lebenszufriedenheit, die langfristig erstaunlich konstant ist. Die beiden Glücksarten beeinflussen sich gegenseitig. «Ein kleines Glück, wird einmal gross», vermutete der italienisch-belgische Sänger Salvatore Adamo (74) 1970. Heute bestätigt der Schweizer Forscher Mathias Binswanger: «Wer viele kleine Glücksmomente erlebt, ist mit seinem Leben zufrieden. Und umgekehrt: Wer mit dem Leben zufrieden ist, kann diese Momente besser geniessen.»

Dies zeigt, dass glückliche Menschen im Hier und Jetzt leben. Manuela Schär ist ein gutes Beispiel dafür. Im Gegensatz zu anderen Athletinnen schaffe sie es einfach nicht, kurz nach Ende eines Rennens gleich ihre ersten Posts auf Facebook und Twitter abzusetzen. «Ich brauche Zeit, um solche Momente zu verinnerlichen», sagt sie. «Nur so kann ich meine Empfindungen später wieder hervorholen. Könnte ich das nicht, fände ich das sehr schade.» Recht hat sie. Doch was entscheidet nun über glücklich und unglücklich? «Jeder ist seines Glückes Schmied», behauptete der römische Konsul Appius Claudius Caecus, genannt «der Blinde» (340–273 v. Chr.). Heute wissen wir: Der Mann lag falsch. Die Fähigkeit, glücklich zu sein, ist zu 50 Prozent angeboren, bestimmt durch die Gene. Das bedeutet: «Wer vor einem Unfall glücklich war, wird dies, nach einer mehr oder weniger langen Baisse, auch danach wieder sein», sagt Binswanger.

Nur die Hälfte unseres Glücks können wir also aktiv beeinflussen. «Das ist die pessimistische Formulierung», sagt der Glücksprofessor. «Ich sage: Fast die Hälfte können wir selber beeinflussen – das finde ich ziemlich komfortabel.»

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Das Glück ist immer dort, wo man selber nicht ist.»

Mathias Binswanger (55), Glücksforscher und Ökonom

Glücksfaktor Sozialleben

«Der Mensch ist kein Tiger, der einsam durch den Lebensdschungel zieht», sagt der Glücksforscher. «Der Mensch ist viel eher eine Kuh, die gerne in der Herde lebt.» Nicht von ungefähr ist die Vereinsamung in Ländern wie der Schweiz einer der wichtigsten Unglücksfaktoren, vorab im Leben von älteren Menschen. Entscheidend ist dabei nicht die Anzahl der Freunde, sondern die Qualität der Freundschaften. Facebook-Freundschaften und Twitter-Follower jedenfalls sind nicht gemeint. Sie sei «eine gute Einzelgängerin», sagt Manuela Schär. Folgerichtig lebt die Single-Frau allein in einer wunderschönen Terrassenwohnung in Kriens LU. Und allein bedeute ja nicht einsam. Entscheidend sei nicht immer das räumliche Zusammensein, sondern oft schon die Gewissheit, dass es Leute gebe, die einem nahe stünden. Dennoch: «In einer Runde mit lieben Menschen, ein feines Essen, ein spannendes Gespräch – da kann einen ein Glücksgefühl so richtig überrollen», erzählt die Sportlerin. «Etwas Pureres gibt es kaum.»

Glücksfaktor Geld

Manuela Schär bezeichnet sich als «gute Einzelgängerin». Für Freunde kocht sie aber gerne.

Manuela Schär bezeichnet sich als «gute Einzelgängerin». Für Freunde kocht sie aber gerne.
http://www.coopzeitung.ch/Auf+den+Spuren+des+Gluecks Manuela Schär bezeichnet sich als «gute Einzelgängerin». Für Freunde kocht sie aber gerne.

«Ich brauche keine Millionen, mir fehlt kein Pfennig zum Glück», dichtete der unvergessliche Johannes Heesters (1903–2011). Die Glücksforscher bestätigen dies. Zumindest zum Teil. «Mehr Geld macht so lange glücklicher, bis die grundlegenden Bedürfnisse abgedeckt sind», weiss Binswanger, der sich in seinem Buch «Die Tretmühlen des Glücks» intensiv mit dem Einfluss des Geldes auf das Glücklichsein auseinandersetzt. «Darüber hinaus führt mehr Geld aber nicht zu mehr Zufriedenheit.»

Glücksfaktor Arbeit und Freizeit

Zufrieden machende Arbeit zeichnet sich für die meisten aus durch ein grosses Mass an Selbstständigkeit, herausfordernde Ziele, ein gutes Arbeitsklima, ein zufriedenstellendes Gehalt und die Möglichkeit, sich voll auf seine Aufgabe konzentrieren zu können. Das Resultat ist idealerweise ein «Flow», das Gefühl des völligen Aufgehens in einer Tätigkeit. Das lässt sich auch in der Freizeit erreichen, «aber nur, wenn man die Energie hat, etwas damit anzufangen», sagt Binswanger. Im Hinblick auf Lebenszufriedenheit empfiehlt er aktive Freizeitbeschäftigungen. «Leute, die wandern, Musik machen oder eine Sprache lernen sind zufriedener als solche, die ihre Freizeit vorwiegend fernsehend verbringen.»

In Nottwil LU am Sempachersee: Hier befindet sich nicht nur das Trainingszentrum von Manuela Schär, hier findet sie auch Ruhe und tankt Energie für weitere grosse Taten.

In Nottwil LU am Sempachersee: Hier befindet sich nicht nur das Trainingszentrum von Manuela Schär, hier findet sie auch Ruhe und tankt Energie für weitere grosse Taten.
http://www.coopzeitung.ch/Auf+den+Spuren+des+Gluecks In Nottwil LU am Sempachersee: Hier befindet sich nicht nur das Trainingszentrum von Manuela Schär, hier findet sie auch Ruhe und tankt Energie für weitere grosse Taten.

Sozialleben, Geld, Arbeit, Freizeit – oft ist es schwierig, diese Glücksfaktoren voneinander zu trennen. Bei Manuela Schär ist alles eng mit dem Sport verbunden. Ein Klumpenrisiko. Was, wenn die sportliche Karriere zu Ende ist? Oder wenn der Erfolg ausbleibt? «Ich bin mir des Problems bewusst», sagt die derzeit erfolgreichste Schweizer Rollstuhlsportlerin. «Ich habe Leute, mit denen ich darüber sprechen kann. Ich werde darauf vorbereitet sein.» Auch dank dieser Gewissheit ist sie derzeit so glücklich.

Manuela Schär gewinnt den Boston Marathon 2017 mit neuem Streckenrekord. Noch nie brauchte eine Frau für einen Marathon weniger als 90 Minuten: 1:28.17 Stunden.

Die Happiness Rangliste der Uno

Iss dich glücklich

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Glückshormone
Serotonin, Dopamin, Oxytocin, Endorphin, Noradrenalin, Phenethylamin: chemische Verbindungen, die als Glückshormone bezeichnet werden. Teils produziert sie unser Körper selber, teils nehmen wir sie über die Nahrung direkt zu uns oder die Lebensmittel fördern deren Produktion. Die folgenden sollen uns besonders glücklich machen.

Nüsse enthalten viel Serotonin. Je mehr Serotonin, desto mehr Entspannung und Zufriedenheit.

Schokolade fördert die Serotonin-Bildung (s. oben); je höher der Kakaoanteil, desto grösser die Glückswirkung.

Ananas, Bananen und Pflaumen kurbeln über das in ihnen enthaltene Tryptophan die Serotonin-Produktion an (s. noch einmal oben).

Chili sorgt für eine gesteigerte Endorphin-Ausschüttung.

Getrocknete Datteln und Feigen enthalten neben Tryptophan auch Magnesium und machen uns so weniger anfällig auf Stress.

Tipps für den Alltag

  • Das Glas ist zu neun Zehnteln voll! In der Schweiz jammern die meisten auf hohem Niveau und vergessen, wie gut es uns hierzulande geht.
  • Was macht mich persönlich glücklich? Brauche ich wirklich eine (teure) Vier-Zimmer-Wohnung, wenn ich mich ohnehin die meiste Zeit vor Fernseher oder PC aufhalte?
  • Vergleiche dich nicht mit andern! Oft ist man nicht mit seinem Auto oder seinem Lohn unzufrieden, sondern lediglich mit dem Umstand, dass der Nachbar oder der Arbeitskollege ein grösseres Auto oder mehr Lohn hat.
  • Pflege deine Freundschaften oder baue dir ein soziales Netz auf. Halte dich an Orten auf, wo das Knüpfen von Kontakten möglich ist.
  • Eliminiere Negatives aus deinem Leben bezüglich Job, Beziehungen, Freizeitaktivitäten. Fernsehen beispielsweise ist ein Glückskiller – zumindest wenn man es unkontrolliert macht und planlos durch die Programme zappt.
  • Sei aktiv: Fordere dich bei der Arbeit und in der Freizeit, stelle dir herausfordernde, aber lösbare Aufgaben.
  • Umgib dich mit glücklichen Menschen, denn Glück ist ansteckend. Das ist vermutlich so, weil glückliche Menschen optimistischer, freundlicher und hilfsbereiter sind.

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Martin Zimmerli

Redaktor

Foto:
Miquel Gonzalez, zvg
Veröffentlicht:
Dienstag 26.12.2017, 09:39 Uhr

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