Auf den letzten Drücker

Sie: Welch’ Albtraum: Heiligabend, ich sitze in der Kirche und japse, denn die Kinder und ich sind von zu Hause aus hergerannt, um nicht zu spät zum 17-Uhr-Familiengottesdienst zu kommen. Mein Herz pocht bis unter meinen frisch gewaschenen Haaransatz. Zu allem Übel jagt noch eine Wallung durch meine Glieder. Himmel noch mal, ist das heiss hier! Und wo bleibt Schneider? Die Orgel legt los. Was für ein Stress! Und warum? Weil wir die Zeit nicht im Griff haben! Schneider turnte bis vor einer halben Stunde in Waldmontur durchs Haus, vor der Dusche herrschte Stau, in der Küche sah es aus wie nach einem kulinarischen Grosseinsatz und dann waren da noch Geschenke, die eingepackt werden mussten. Chaos statt Feierstimmung!

«

Was für ein Stress. Weil wir die Zeit nicht im Griff haben.»

Ich blicke mich in der Kirche um. Alle entspannt: ein freundliches Nicken hier, ein verklärtes Lächeln dort, und während mir der Schweiss von der Stirn rinnt, schwöre ich: «Nächstes Jahr wird das anders!» Jetzt ist nächstes Jahr und weil ich endlich mal einen stresslosen Traum-vor-Heiligabend erleben will, erkläre ich Schneider heuer rechtzeitig: «Die Kirche um fünf lassen wir diesmal sausen und gehen dafür gemütlich in die Mitternachtsmesse!»

Er: Schreiber liebt Rituale. Ich auch. Deshalb gehen wir seit zehn Jahren stets vor der Bescherung in die Kirche. Das hat sich bewährt, auch wenns manchmal stressig ist. Denn ohne diesen Fixpunkt würden wir Weihnachten ganz einfach verpassen. Warum? Weil ich dann im Wald noch länger an meinem geliebten Heiligabend-Feuer stehen würde und wir noch später mit Kochen begännen. Denn wir trödeln traditionell – und Schreiber besonders: Sie beschliesst spontan, ihr Glitzerkleid zu suchen, sie telefoniert zu lang mit ihrem Bruder, sie sucht panisch nach verlegten Päckchen.

«

Ich hab die Wahl: Stress jetzt. Oder an Heiligabend.»

Schreiber sieht das anders: «Die Lösung ist: keine 17-Uhr-Messe! Wir essen in aller Ruhe, feiern in aller Ruhe und schlendern danach in die Kirche.» Danach? Ich will nachts nicht mehr aus dem Haus! Nach der Bescherung will ich mein Ritual unterm duftenden Baum. Ich möchte dieses einmalig wohlige Glück dieses besonderen Abends mit meiner Familie geniessen. Schreiber fragt: «Und? Ist doch eine super Idee. Gell, wir sollten uns von Ritualen wirklich nicht stressen lassen.» Sie strahlt wie ein Weihnachtsbaum. Und ich habe die Wahl: Stress an Heiligabend. Oder Stress gleich jetzt, weil ich anderer Meinung bin!

 (Coopzeitung Nr. 52/2015) 

Mehr zu den Kolumnisten unter: www.schreiber-schneider.ch

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 21.12.2015, 16:59 Uhr

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