Aus Erfahrung

Er: Meine Schwiegermutter setzt sich intensiv mit fernöstlichen Philosophien und Religionen auseinander. Wann immer ich sie sehe und ob ich will oder nicht, klärt sie mich sehr detailliert darüber auf. 

Manchmal wähne ich mich dann als Heide, der durch ihre Mission gerettet werden muss. Zwar bin ich keineswegs der Ansicht, bekehrt werden zu müssen, doch das ist meiner Schwiegermutter egal. Sie glaubt fest daran, dass ich eine neue fundamentale und befreiende Einsicht in die Grundtatsachen des Lebens finden sollte. Ihre missionarische Tätigkeit unterstützt sie mit einer beeindruckenden Auswahl an Fachliteratur. Deshalb muss ich mir auch jedes Mal, wenn wir meine Schwiegermutter besuchen, ihre Bibliothek ansehen. Das tu ich. 

 
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Widerspruch probte ich nur am Anfang.»

Widerspruch probte ich nur ganz zu Beginn, als ich sie noch nicht so gut kannte. Doch aus Erfahrung wird man klug. Also sehe ich mir die Bücher brav an. Und all jene, die mich interessieren, darf ich aus dem Regal ziehen. «Die schenke ich dir», verspricht sie stets. 
Ich nicke und handle aus meiner Erfahrung, die da lautet: Wähle ruhig einige Bücher aus, denn egal welche, sie kann sich doch nicht davon trennen. Was ich eine tolle Grundtatsache finde.

Sie: Ich weiss, dass viele Töchter hoffen, nicht so zu werden wie ihre Mütter. Als Mutter muss ich davon ausgehen, dass meine Mädels einst genauso denken werden. 

Aber ich fürchte, dass ich eben doch zu einem Teil wie meine Mutter bin. Ob ich das will oder nicht, ob ich das gut finde oder nicht. Ist einfach so.
Die Frage ist nur: Welcher Teil? Der originelle, liebenswerte, bunte? Der eigenwillige, starke? Oder der komplizierte?
«Wo ist denn mein Mann?», frage ich meine Mutter in der Küche, in der vorhin auch noch Schneider sass.
«Der arbeitet.»
«Der arbeitet? Was arbeitet er?»
«Er setzt sich mit Literatur auseinander.»
«Wie? Wo?»
«In meinem Zimmer.»

«

Ich fürchte, ich bin zum Teil wie meine Mutter.»

Oh, Gott, der Ärmste! «Das kannst du nicht machen. Ich hole ihn da raus.»
«Lass ihn, er muss sich konzentrieren. Und sowieso, ich habe abgesperrt», sagt meine Mutter.
Oh weh, Schneider, eingesperrt mit Hunderten von Büchern über fernöstliche Philosophie!
Das ist der Moment, an dem ich mir schwöre, nie unsere zukünftigen Schwiegersöhne gegen ihren Willen bei uns festzuhalten.
«Das ist Nötigung», sage ich verärgert.
Meine Mutter sieht das anders: «Ach, Liebes, das verstehst du nicht. Er will wieder mal in aller Ruhe meine Bücher ansehen!»

 (Coopzeitung Nr. 32/2016) 

Mehr zu den Kolumnisten unter: www.schreiber-schneider.ch

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 08.08.2016, 10:00 Uhr

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