Aus eins mach drei

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Schneider: Ich faste und trinke nur dünne Säfte. Zu Beginn plagte mich übelstes Kopfweh, aber das liegt hinter mir. Es geht mir wieder besser und ich kann die totale Leere im Gedärm geniessen. Ich fühle mich leicht und mir scheint, ich bewegte mich nur noch in Zeitlupe, sei mehr stiller Beobachter als emsiger Macher. Dafür herrscht reger Betrieb in meinem Schädel.

Zuweilen faszinieren mich meine eigenen Überlegungen, wenn ich auf einmal spüre, dass ich nicht eins bin, sondern ein Trio von Seele, Hirn und Körper und dass diese drei ziemlich eigenständig sind. Dann denke ich eine Weile darüber nach und finde, dass das ziemlich genial ist. Dann wiederum dauert es nur wenige Minuten, bis ich mich frage: «Ist das normal?»

«

Ich fühle mich leicht, geniesse die Leere.»

Schreiber blickt von ihrem Buch auf: «Hast du was gesagt?»

«Nein.»

«Doch, du hast mit mir geredet.»

«Dann habe ich wohl laut gedacht.»

«Und was hast du gedacht?», fragt Schreiber.

«Dass ich mehr als nur einer bin.»

Sie lacht: «Macht Fasten schizophren?»

«Keine Ahnung. Eher nicht.»

«Wer weiss. Aber auf jeden Fall hat es was Gutes.»

«Warum?», frage ich.

«Weil du uns beim Essen fehlst. Wenn es dich also mehrfach gibt, könnte ich einen von dir zu einem romantischen Abendessen einladen.»

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Schreiber: Ein fastender Schneider ist durchaus spannend. Wie er das einfach so im Alltag neben Arbeit und Familie durchzieht und nur noch Flüssiges zu sich nimmt… stark! Ich könnte das nie. Bin mir auch nicht sicher, ob das wirklich gesund ist.

Schliesslich sind wir Menschen perfekt mit Zähnen und Kiefer ausgestattet, um zu essen – und nicht, um nicht zu essen. Zudem geht es um mehr als reine Nahrungsaufnahme: Es geht um die Tafelkultur, das gesellschaftliche Vergnügen, die Sinnlichkeit, das Miteinander.

«

Wie er das durchzieht. Stark!»

Schneider fehlt mir am gemeinsamen Tisch. «Es muss grässlich sein, nichts zu essen!»

Er schüttelt den Kopf. «Nein. Was mir zu schaffen macht, ist dieses seltsame Gefühl im Mund. So, als ob alles belegt wäre, überzogen von einer klebrigen Schicht.»

Klingt nahrhaft. «Aber stellt sich wenigstens die Euphorie ein?», will ich wissen.

«Bis jetzt nicht.» Er grinst. «Aber von mir aus könnten wir mal versuchen, wie sich Küssen anfühlt. Vielleicht würde mich das euphorisch machen?»

Ich schlucke leer. Dass Schneider seine Innereien entlastet, weckt bei mir nicht wirklich die Lust auf Fleischliches. «Ich denke, wir verschieben das auf dann, wenn du wieder richtig Biss hast. Erst fasten, dann küssen.»

Die Kolumnisten sind am 27. April, Olten, Schützi, bei «knapp live» mit auf der Bühne. 9. Mai Brig; 10. Mai Bern. Infos auf der Website von Schreiber und Schneider.

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 17.04.2017, 16:00 Uhr

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