Friedrich Dreier ist nun im Walliser Bergdorf Ernen zu Hause.

Ausgepackt: «Verzeihen kann ich, doch vergessen nicht»

Von einer Erbschaft überrumpelt, schrieb Friedrich Dreier über sein Leben als Verdingkind.

Sie wissen alles von mir, und ich nichts über Sie», sagt Friedrich Dreier zur Begrüssung. Stimmt, sein Buch «Hungrig, ungeliebt und misshandelt» habe ich vor dem Treffen gelesen. Darin gewährt Dreier intime Einblicke in sein Leben: Er berichtet von sexuellem Missbrauch durch Heimpersonal, unbarmherzigen Reaktionen auf sein Bettnässen und Momenten, in denen er ohne Znacht ins Bett geschickt wurde – notabene an Heiligabend. Auch von Drogenabstürzen und Selbstmordversuchen schreibt er.

Heute ist Dreier 58 Jahre alt, IV-Rentner und lebt im Wallis. Ins Bergdorf Ernen verschlagen hat es ihn vor rund zehn Jahren. Das benachbarte Binntal zog ihn wegen der Steine an: Er war jahrzehntelang Strahler, ging in die Minen, sammelte Mineralien, schrieb für Fachjournale. Heute sammelt er Bilder und Texte zu Ernen und baut ein Archiv auf.

Friedrich Dreier empfängt uns in der Küche von Nachbarin Marie. Seine blauen Augen verfolgen aufmerksam, wie Notizbuch und Kugelschreiber auf den Tisch gelegt werden. Die Situation ist ihm unangenehm, zögerlich erzählt er vom Buchprojekt: «Ich habe nie geglaubt, dass ich eines Tages ein Buch schreiben würde, doch nun freut mich das Resultat.» Dann zückt er ein grosses Couvert. Daraus zieht er ein Plakat für die Buchvernissage. «Wenn ich damals gewusst hätte, was dieses Buch an Rummel mit sich bringt …», murmelt er. Auf seinem Unterarm sind grobe, schwarze Linien und Wellen zu sehen. Die Tattoos stammen aus der Zeit im Heim. Angefertigt hat er sie mit Nadeln und Schultinte.

Am Anfang war ein Brief

Auslöser für das Buch war ein Brief, der Ende August 2015 bei ihm landete. Der Absender war das Amt für Beistandschaft und Erwachsenenschutz Basel: Seine Schwester war gestorben. Da sie keine Kinder hatte, waren er und seine andere Schwester erbberechtigt. Ein Riesenschreck: Denn bis zu diesem Tag war Dreier davon ausgegangen, dass er ein Einzelkind sei. Die kranke Mutter hatte sich nicht um ihn kümmern können, er kam mit fünf Jahren ins Heim im Kanton Bern. Dort wurde er immer wieder an Bauern für Landarbeiten ausgeliehen. Als er zehnjährig war, starb die Mutter. «Das ganze Leben lang hat man mir immer gesagt, ich sei alleine, hätte nur eine Mutter, und die sei tot», schreibt Dreier im Buch. Nun belegte ein Brief, dass er zwei Schwestern hat, eine verstorbene und eine lebende. So machte er sich auf Spurensuche. Seine Schwester Anna traf er ein paar Wochen später: «Wir schauten uns erst einmal nur an, ehe wir uns in die Arme nahmen. Beide mussten wir weinen.»

Vor der überraschenden Nachricht empfand er es nie als notwendig, seine Geschichte zu erzählen, «ich wollte nicht als Jammerlappen dastehen». Doch die Meldung schockierte ihn. Ein Gast von Nachbarin Marie sprach ihm gut zu: «Ich solle schreiben, hatte er mir geraten, denn eine solche Geschichte erlebe und höre man nicht alle Tage», erzählt Dreier. Daraufhin entstand während fünf Monaten das Buch. «Es gab Tage, da setzte er sich zu mir an den Tisch und schrieb stundenlang ohne Unterbrechung», erinnert sich Marie. Fasziniert habe sie zu Friedrich gesagt, sie müsse jeweils überlegen, wenn sie etwas verfasse. «Dann hat er innegehalten und erwidert: Ich muss doch nicht nachdenken, das habe ich alles selber erlebt.»

Als er volljährig wurde, war er mit der neuen Freiheit erst überfordert: «Oft habe ich mir überlegt, etwas zu verbrechen, damit ich eingesperrt würde», erinnert sich Dreier. Er begann eine Lehre als Metallbauschlosser, brach diese ab und lernte Schreiner. Eher durch Zufall bewarb er sich bei Coop.

Lange Karriere bei Coop

Eingestiegen ist er als Lagerarbeiter in Pratteln, bald schon konnte er sich zum Kaffeeröster weiterbilden. Es folgten Managementschulungen, zuletzt war er stellvertretender Leiter der gesamten Produktionsabteilung und Leiter der QS-Abteilung (Qualität und Sicherheit) in Pratteln. Im Buch schreibt er von Drogenproblemen in jener Zeit. Hat er keine Angst, dass seine ehemaligen Vorgesetzten nun davon erfahren? «Die sind ja jetzt alle pensioniert», meint er mit einem verschmitzten Lächeln. 

Geheiratet hat er nie, über 20 Jahre hatte er eine Partnerin. Kinder wollte er keine, «aus Angst, dass ihnen eines Tages die schützende Hand fehlen könnte und es ihnen so wie mir ergehen würde». Bei der Opferhilfe meldete er sich vor einigen Jahren, als er am Boden war. Dort erhielt er während seiner Recherche Hilfe, konnte sich anvertrauen. Wird er denn nun, da der Bundesrat für Verdingkinder bis zu 25 000 Franken in Aussicht gestellt hat, davon Gebrauch machen? Dreiers Antwort ist klar: «Erst wollte ich das Geld nicht annehmen, denn es macht nichts besser. Doch so, wie wir bei einer Tempoüberschreitung gebüsst werden und die Strafe schmerzt, soll nun der Staat gestraft werden.»

Von den Menschen aus der Zeit in den Heimen habe er nie wieder jemanden getroffen, «ich will diese Menschen auch nie mehr sehen müssen». Denn obwohl er ihnen verzeihen kann, so kann er bis heute nicht das Erlebte vergessen.

 

Drei Daten im Leben von Friedrich Dreier

9. Mai 1958: Geburt. Der Vater war unbekannt, seine Mutter starb 1968.

November 1978: Einstieg bei Coop, hier arbeitete er während 30 Jahren.

3. September 2015: erste Begegnung mit seiner Schwester Anna.

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