Ausgeträumt!

Ein paar Haare kitzeln Erinnerungen wach.

Steven Schneider: Mein Bart kratzt mich. Was mich nicht kratzt, ist, dass Schreiber gegen meinen neuen Stil Sturm läuft. Eine gute Beziehung muss Veränderungen aushalten können. Als ob ein paar Haare an meiner Oberfläche meine inneren Werte beeinflussen würden! Aber etwas gibt mir doch zu denken: meine Kinder. Sie wehren sich ganz heftig und ganz unterschiedlich gegen mein Gesichtshaar: Zärtlich streicht meine Kleinere über meinen Schädel, auf dem die Haare spärlich spriessen, und säuselt: «Du hast sooo schöne Haare auf deinem Kopf. Sie sind so fein!» Gott, für diesen einen Satz nimmt man im Rückblick schlaflose Nächte und volle Windeln in Kauf! Was ist meine Kleine doch für ein Schatz! Natürlich ist mir klar, was sie mir damit wirklich sagen will, nämlich: «Papa, mach bitte bald den Kratzbart ab.» Und meine Grössere, die sich in letzter Zeit lautstark emotional von uns löst, findet ihren Vater, also mich, immer öfter peinlich. Sie sagt direkt und undiplomatisch: «Papa, du kannst froh sein, dass dich die Mama schon vor Jahren geheiratet hat ...»

«

Die Grössere findet mich immer öfter peinlich.»

Meine Tochter hat Sinn für Humor! «... ich jedenfalls würde dich so nie heiraten!» Das tut jetzt allerdings doch ein bisschen weh.

Sybil Schreiber: Interessant: Ich habe wochenlang Witze gemacht, Schneider nicht mehr geküsst und bei seinem Anblick demonstrativ die Augen verdreht. Keine Psychowaffe konnte ihn von seinem Bartwuchs abbringen. Erst der knallharte Kommentar unserer Tochter brachte die Wendung. Vorbei die Zeiten, als unsere Mädchen ihren Papa für den Besten hielten und ihn gar heiraten wollten. Meine Töchter bedauern mich, Schneider bedauert sich. Er hat an Ansehen eingebüsst. Nun steht er also seufzend im Bad mit Schaum um den Mund. «Darf ich zuschauen?», frage ich. Schneider nickt. Während er mit der Klinge einen Streifen durch den Schaum zieht, gehe ich ungewollt auf Zeitreise: Ich bin sieben Jahre alt und beobachte in unserem Badezimmer in München meinen Vater beim Rasieren. Wie er die Klinge im Waschbecken abspült, sie vorsichtig neu ansetzt, wie sich am Hals ein Bluttropfen mit weissem Schaum mischt, wie er sich «Old Spice» ins Gesicht klatscht, dabei laut aufjault und mir zum Schluss frisch rasiert zuzwinkert. Ich finde ihn wunderschön, meinen Papa!

«

Vorbei die Zeiten, als er der beste Papa war.»

«Du guckst so, ist was?», fragt Schneider. Ich erwache und traue meinen Augen nicht. So glatt! Wie früher. Ich finde ihn wunderschön, meinen Schneider.

 (Coopzeitung Nr 07/2014)

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Montag 10.02.2014, 10:11 Uhr

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