Aya Domenig im Filmpodium Zürich.

Aya Domenig: «Unausgesprochen und doch immer da.»

Ihr Grossvater redete nie darüber, was er 1945 als Arzt in Hiroshima erlebte. Die Enkelin hat darüber einen erschütternd aktuellen Film gedreht.

Sie lebt zwischen zwei Kulturen: Die Kindheit verbrachte sie in der japanischen Heimat ihrer Mutter, die sich in einen Schweizer verliebt hatte. Dann übersiedelte die Familie nach Zürich. Über ihren Grossvater, der Atombombenopfer in Hiroshima behandelt hatte, wollte sie schon lange einen Film machen. Als sie 2011 in Japan drehte, gab die Reaktorkatastrophe von Fukushima dem Projekt eine Wendung. «Als die Sonne vom Himmel fiel» läuft nun in den Programmkinos. Zum Gespräch trafen wir Aya Domenig (43) im Filmpodium Zürich.

Grossvaters Geschenk: Ihre erste Kamera.

Grossvaters Geschenk: Ihre erste Kamera.
Grossvaters Geschenk: Ihre erste Kamera.

Was bedeutet Ihnen dieser Kinosaal?
Als Teenager war ich oft hier mit einer Freundin, die von alten Hollywood-Filmen der 1930er- bis 1950er-Jahre ebenso begeistert war wie ich. Wir liebten besonders die Musicals mit Gene Kelly und Fred Astaire. Ich tanzte selber gerne, habe auch gesteppt, und diese Bilder aus einer anderen Zeit, einer völlig anderen Welt – das hat mich fasziniert.

Wollten Sie damals schon Filme machen?
Nein, das war für mich unvorstellbar. Als ich später Ethnologie und Filmwissenscha studierte, sah ich an einem Festival Studentenfi lme, zum Teil sehr einfach gemacht, aber interessant. Da merkte ich, dass es gar nicht so unmöglich ist, einen Film zu drehen, und es hat mich richtig gepackt.

Wie kam es zu dem Filmprojekt über Ihren Grossvater und die Atombombe?
Es war vor allem das Schweigen über seine Erlebnisse, das mich interessiert hat. Ich wusste davon schon früh als Kind und fragte ihn auch danach. Aber er sagte immer, es sei zu schlimm, um darüber zu sprechen. Und wer es nicht erlebt habe, könne es nicht verstehen. Dennoch war es immer da in der Familie. Zum Beispiel hing ein Bild an der Wand, auf dem mein Grossvater ein Atombombenopfer pflegt. Aber man hat nicht darüber gesprochen.

Erinnerung an ihren ersten Film: Der Lehrmeister.

Erinnerung an ihren ersten Film: Der Lehrmeister.
Erinnerung an ihren ersten Film: Der Lehrmeister.

Um Konventionen geht es auch in Ihrem ZHdK-Diplomfilm «Frühlingssturm» von
2005. Ist das die Geschichte Ihrer Eltern?
Das war mir beim Schreiben überhaupt nicht bewusst, da ich das Projekt aus einer ganz anderen Idee entwickelt hatte. Aber es stimmt schon ein wenig: Wie in diesem Kurzspielfilm, war auch mein Grossvater gegen die Heirat seiner Tochter mit einem Ausländer. Später habe ich erfahren, dass vor allem seine älteren Schwestern Druck aufgesetzt hatten. Es war eben schon eine eher konservative Familie, wie viele in Japan.

Dabei spielte gewiss auch die Angst vor der räumlichen Trennung eine Rolle. Wie ist Ihre Familie damit umgegangen?
Diese Angst kann ich nachvollziehen. Würde meine Tochter einen Australier heiraten, hätte ich damit wohl auch Mühe. Nicht, weil er Australier ist, sondern wegen der Vorstellung, dass ich meine Tochter dann so wenig sehen werde. Meine Grosseltern mussten es akzeptieren, da meine Eltern ohne ihren Segen heimlich heirateten. Als wir dann in die Schweiz gezogen waren, reisten wir aber alle zwei Jahre zu Besuch nach Japan.

Als Ethnologin haben Sie den Erfolg von «Heidi» in Japan untersucht. Wie erklären Sie dieses Phänomen?
Dabei ging es um die Zeichentrickserie aus den 1970er-Jahren. Die rasante Modernisierung hat bei vielen Menschen in japanischen Grossstädten ein Gefühl der Entfremdung von der Natur ausgelöst und Sehnsucht nach dem Urtümlichen. Das fanden sie in «Heidi» – reine Natur, unverbrauchte Landschaft und das Kind, das sich selbst sein kann in den Bergen. Dass vor allem junge Frauen davon angetan waren, hat auch damit zu tun, dass das Erwachsenwerden in Japan mit dem Einnehmen von geschlechterspezifischen Rollen verbunden ist. Viele Frauen fühlten sich von der kindlichen Freiheit dieser Figur angezogen.

 

Trailer

 

In Ihren Filmen geht es immer um Japan – weil es Ihnen näher ist oder fremder?
Vielleicht ist es eine Art Suche nach den Wurzeln. Ich sage zwar jedes Mal, dass ich den nächsten Film in der Schweiz drehen möchte, doch dann lande ich wieder in Japan. Die alten Leute faszinieren mich besonders. Das alte Japan, das nach und nach verloren geht, habe ich noch erlebt in dem Bauernhaus, in dem ich meine früheste Kindheit verbracht habe. Die ersten Sinneseindrücke, die erste Nahrung – das hat mich geprägt.

Und welche Rolle spielt das Essen heute in Ihrer Familie?
Meine Mutter kocht grossartig, und nicht nur japanische Küche. Ich würde das gerne auch lernen, habe jedoch überhaupt keine Zeit dafür. Meine Tochter mag Sushi, aber auch den süssen Berberitzen-Reis aus dem Iran, der Heimat meines Mannes. In Japan muss man sich allerdings mit Produkten aus dem Osten immer noch zurückhalten, auch wenn man heute kaum mehr über die Verstrahlung nach Fukushima spricht.

Hier geht es zur Seite des Films »

Vier Daten im Leben von Aya Domenig

1976 Als Vierjährige zieht sie von Japan in die Schweiz.
1991 Tod ihres japanischen Grossvaters.
2006 Ihre Tochter Kimiya kommt zur Welt.
2015 Ihr Film «Als die Sonne vom Himmel fiel» hat Premiere in Locarno.

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Martin Winkel

Redaktor

Foto:
Christoph Kaminski
Veröffentlicht:
Montag 18.01.2016, 00:00 Uhr

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